Die dramatischen Bilder aus Ferguson zeigen: 51 Jahre nach dem Marsch auf Washington und fünf Jahre nach der Wahl von Barack Obama zum ersten afroamerikanischen US-Präsidenten ist die Kluft zwischen dem schwarzen und dem weißen Amerika immer noch riesig. Das Beunruhigende: Die reaktionären Kräfte in den USA werden immer stärker.

3.700 Gebäude brannten nieder, etwa 4.000 Personen wurden inhaftiert, die Behörden dokumentierten 53 Todesfälle und Tausende Verletzte, der Gesamtschaden wurde auf etwa eine Milliarde US-Dollar taxiert - die US-Metropole Los Angeles glich im Frühling des Jahres 1992 einem Inferno. Die Polizei wirkte dabei hilflos und überfordert. Dabei trug sie selbst einen wesentlichen Teil zu den Unruhen bei: Vier Polizisten hatten den Afroamerikaner Rodney King misshandelt und dabei gefilmt. Vor Gericht wurden sie freigesprochen. Die Situation eskalierte.

Aktuell schockiert die vermeintliche weiße Polizei-Willkür gegen den schwarzen Teenager Michael Brown in Ferguson die Welt. Wieder gehen die Menschen auf die Straße, wieder eskaliert die Gewalt, wieder wirken die Behörden überfordert. Zuletzt irritierte der Bürgermeister der US-Kleinstadt die Öffentlichkeit mit seiner Aussage, dass es in seiner Gemeinde keine Kluft zwischen den Rassen gebe.

Unruhen von Ferguson sprechen deutlich gegen den Präsidenten.

2014 haben die USA einen schwarzen Präsidenten. Schon in den 2000er Jahren prägte die afroamerikanische Außenministerin Condoleezza Rice maßgeblich die US-Politik und schon seit den 1990er Jahren gilt Talk-Moderatorin und Multi-Milliardärin Oprah Winfrey als eine der einflussreichsten Frauen des Landes. Doch die Hautfarbe spaltet die US-amerikanische Gesellschaft nach wie vor tief. Um das zu spüren, muss man weder US-Bürger sein, noch sich im Land befinden. Es reicht, nur in die USA einreisen zu wollen. Schon auf dem Antrag für ein Visum fragen die Behörden nach der Rasse des Antragstellers. Ein Darlehen gewähren US-Banken nur nach Angabe der Hautfarbe. Der Alltag der größten westlichen Wirtschaftsnation ist nach wie vor geprägt von der bewussten Abgrenzung durch Ethnie und Hautfarbe.

Situation für Afroamerikaner besser – aber nicht gut

Die Hispanics und die Asiaten mögen die am stärksten wachsenden Bevölkerungsgruppen sein, im Fokus stehen stets die Afroamerikaner: "Eines der zentralen Probleme der US-Gesellschaft sowohl in sozial-materieller als auch in kultureller und vielfach auch mentaler Hinsicht ist nach wie vor die deutliche Kluft zwischen Schwarz und Weiß", schreibt Amerikanistik-Professor Jörg Nagler in einer aktuellen Analyse zur Gesellschaftsstruktur der USA. Dabei hat sich die Situation für Afroamerikaner seit der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King in den 1960er Jahren in fast jedem Lebensbereich verbessert. Im Jahr 1965 hatten 27 Prozent aller Schwarzen einen Schulabschuss, inzwischen sind es fast 85. Fast jeder fünfte Afroamerikaner erhält heute ein Hochschul-Diplom, 1960 schafften das weniger als drei Prozent. "In den vergangenen Jahrzehnten hat die schwarze Bevölkerung mehr als je zuvor Einfluss auf die politische und kulturelle Entwicklung im Land gewonnen", schreibt Jörg Nagler.

Auch ökonomisch hat sich die Situation der Afroamerikaner deutlich verbessert. Fast 40 Prozent von ihnen bilden inzwischen eine erfolgreiche schwarze Mittelschicht. Auch in der in den USA so einflussreichen Wirtschaft ist der Anteil afroamerikanischer Entscheidungsträger seit der Bürgerrechtsbewegung deutlich gestiegen – um 50 Prozent, wie Britta Waldschmidt-Nelson in einer Analyse zur Situation schwarzer US-Amerikaner schreibt. Problematisch bleibt nach wie vor das krasse Gefälle zwischen den etablierten und den unteren Schichten der Afroamerikaner: Fast 30 Prozent von ihnen leben aktuell unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenquote unter Schwarzen liegt bei 12,5 Prozent und ist seit den 1970er Jahren konstant etwa doppelt so hoch wie bei weißen US-Bürgern.

Die Kluft zwischen Weiß und Schwarz in den USA hängt heutzutage wesentlich von der jeweiligen Klassensituation ab. "Es existiert inzwischen eine schwarze Mittelklasse, die recht gut etabliert ist und auch durchaus in zuvor rein weißen Suburbs wohnt. Wenn eine schwarze Familie allerdings in eine bis dahin rein weiße Nachbarschaft zieht, sinken die Grundstückspreise", sagt Michael Hochgeschwender, Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Als sehr viel problematischer erachtet Hochgeschwender die wirtschaftlich oft miserabel schlechte Situation armer Schwarzer in den großstädtischen Ghettos. "Sie sind aufgrund von Armut häufiger als andere Ethnien in Verbrechen verwickelt. Schwarze junge Männer töten dabei oft andere schwarze junge Männer. Sie werden zudem schon bei Nichtigkeiten von der Polizei kontrolliert, festgenommen und verurteilt, im schlimmsten Fall angeschossen oder erschossen", sagt Hochgeschwender. "Im amerikansichen Justizsystem ist es weiterhin generell ein nachteil ein armer Schwarzer zu sein", so seine Einschätzung.

Rassistische Medien und Ultrarechte gewinnen Einfluss

Generell haben in den USA reaktionäre Kräfte deutlich zugenommen. Sabine Broeck von der Universität Bremen spricht von einem massiven, aggressiven Rollback. "Ich beobachte ein Anwachsen von öffentlich sanktionierter Rechtlosigkeit gegenüber schwarzen Menschen, eine zunehmende Verarmung und Verelendung. Der Einfluss rassistischer Medien, wie beispielsweise dem TV-Sender FOX, zur Unterstützung der Tea Party und anderer ultrarechts organisierter Kräfte in den USA ist stark gewachsen," sagt die Professorin für American Studies.

In der Praxis führt das so skizzierte Bedrohungsszenario beispielsweise zu einer Erstarkung von weißen Bürgerwehren. Sie agieren im rechtsfreien Raum und wollen ihre Viertel gegen eine vermeintliche Bedrohung durch schwarze Kriminelle schützen. Unter anderem deshalb hat ein selbst ernannter weißer Sheriff namens George Zimmerman in Florida den 17-jährigen Afroamerikaner Trayvon Martin erschossen. Zimmerman wurde vor Gericht schließlich freigesprochen.

Die aktuelle Situation in Ferguson ist nicht typisch für die Verhältnisse in den USA generell. "Rassenkrawalle brechen allerdings in unschöner Regelmäßigkeit alle paar Jahre aus, zuletzt in den 1990er und 2000er Jahren in Los Angeles, New York und Cincinnati. Sie erreichen aber nicht mehr die Dichte und Intensität der sogenannten hot summer 1960er Jahre", sagt Michael Hochgeschwender. Besonders hohes Spannungspotenzial besteht generell in Großstädten. Die alte Klassifizierung in den rassistischen Süden und den liberalen Norden sei obsolet, betont der Münchner Professor.

Sklaverei unter anderem Namen

Die Gründe für die anhaltenden Probleme sind vielfältig. "Das amerikanische Sozialsystem ist seit den 1980er Jahren deutlich zurückgefahren worden. Anstrengungen, die schwarze Minderheit aktiv zu fördern, gibt es nicht mehr sehr viele", sagt Hochgeschwender. Schwerwiegender jedoch sei die Einstellung weißer Amerikaner, denen es schwer falle, jahrhundertealte Vorbehalte und Vorurteile aufzugeben, so der Professor. Drastischer formuliert es Sabine Broeck: "Afroamerikanische Aktivisten vertreten die These, dass das sogenannte "afterlife of slavery" nie beendet worden ist. Der weiße Journalist Douglas Blackmon hat den Zustand der meisten Afroamerikaner in den USA seit der offiziellen Abschaffung der Sklaverei auf den Punkt gebracht: "slavery by another name" ("Sklaverei unter anderem Namen").

Die Diskriminierung von Schwarzen ist Alltag in den USA. Ferguson hat die Debatte über das Offensichtliche lediglich wieder an die Oberfläche gespült. Verändern wird sie vermutlich kaum etwas. Das haben die schlimmen Konflikte in Los Angeles nicht geschafft. Und auch nicht der erste afroamerikanische Präsident der USA.