• Vor 30 Jahren starben in Mölln eine Großmutter und zwei ihrer Enkelinnen.
  • Neonazis hatten Brandsätze in zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser geworfen.
  • Mit Gedenkveranstaltungen erinnert die Stadt nun an die Anschläge und sieht sich scharfer Kritik von einem der Betroffen ausgesetzt.

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Die rassistischen Brandanschläge von Mölln mit drei Toten jähren sich am 23. November zum 30. Mal. Die Stadt in Schleswig-Holstein erinnert mit einem Gedenkgottesdienst und Kranzniederlegungen an den beiden Anschlagsorten an die Ereignisse, die bis heute bundesweit für Erschütterung sorgen. Kritik am Umgang der Stadt mit der Erinnerung an den Anschlag kommt hingegen von einem der Opfer des Anschlags.

In einem Interview mit dem NDR warf Ibrahim Arslan, der den rechtsextremistischen Brandanschlag mit sieben Jahren nur knapp überlebte, Mölln vor, zu versuchen "das Gedenken zu vereinnahmen". Ähnliches beobachte er auch in anderen Städten, in denen es zu Anschlägen gekommen sein.

"Betroffene werden nicht eingeladen oder bewusst ausgeschlossen aus den Gedenktagen, die eigentlich den Betroffenen selbst gehören sollten", so Arslan. Die Betroffenen hätten Arslan zufolge mittlerweile keine "keine Möglichkeit mehr, in Mölln eine offizielle Gedenkveranstaltung zu organisieren, weil die Stadt Mölln das einfach nicht haben möchte."

Arslan: Können damit nicht abschließen

In der Nacht zum 23. November 1992 hatten zwei Neonazis Brandsätze auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in der Möllner Altstadt geworfen. Dabei wurden die 51 Jahre alte Großmutter von Ibrahim Arslan, Bahide Arslan, sowie seine Schwester Yeliz (10) und seine Cousine Ayse (14) ermordet.

Er selbst wurde von seiner Großmutter gerettet. "Beim Versuch, meine Schwester und meine Cousine zu retten, ist sie selbst ums Leben gekommen", so der heute 37-Jährige. "Die Feuerwehrleute haben berichtet, dass sie verbrannt ist."

Die damals 19 und 25 Jahre alten Täter wurden wegen dreifachen Mordes zu zehn Jahren Jugendstrafe beziehungsweise zu lebenslanger Haft verurteilt. Beide haben ihre Strafen inzwischen verbüßt. Trotzdem habe Arslan die Ereignisse bis heute nicht vollständig verarbeitet. "Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist, dass wir damit nicht abschließen können", sagte er dem NDR. Immer wieder frage er sich auch, ob "die Gesellschaft so verändert werden kann, damit so etwas nicht mehr geschieht."

Ibrahim Arslan (links), einer der Überlebenden des rassistischen Brandanschlags von Mölln, bei einer Pressekonferenz 2012 in Berlin.

Kritik übte dabei auch an den unmittelbaren Reaktionen nach den Anschlägen. Denn es habe laut Arslan "eine extreme Abneigung gegenüber unserer Familie" gegeben. "Einige, nicht alle, sind davon ausgegangen, dass unsere Familie selbst hinter dem Anschlag stecken könnte. Das war die typische Täter-Opfer-Umkehr […]".

Dieser Umstand, den Arslan als "zweiten Anschlag" bezeichnet, habe ihn zusätzlich schwer belastet. Bundesweit höre er immer wieder, dass Opfer rassistischer Gewalt "nicht alleine durch den Anschlag krank werden, sondern von dem, was danach kommt, wenn sie von Gesellschaft, Medien und Justiz kriminalisiert und beschuldigt werden."

Eine Welle der Solidarität - die im Archiv verebbte

Dabei helfen, statt Beschuldigungen, Solidarität aus der Gesellschaft zu spüren, hätten hunderte Briefe können, in denen Menschen ihre Anteilnahme ausdrückten. Die Stadt Mölln hatte unmittelbar nach den rechtsextremen Morden dazu aufgerufen, den Hinterbliebenen zu schreiben.

Doch diese Welle der Solidarität erreichte Arslan und seine Familie nicht, als es bitter nötig war – sondern erst 27 Jahre später. Denn wie Timo Glatz, Sprecher des Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln, erklärte erreichten die meisten dieser Briefe "aus unbekannten Gründen" die betroffenen Familien nicht.

Laut Glatz finden sich unter den Briefen, die seit 2021 im DOMiD archiviert werden, unter anderem "rührende Botschaften der Anteilnahme von Kindern und konkrete Hilfsangebote für die Familien, die bei den Anschlägen Angehörige verloren haben." Möllns Bürgermeister Ingo Schäper sagte, die meisten Briefe seien an "eine türkische Teestube als Treffpunkt der türkischen Gemeinschaft adressiert" gewesen. "Als die geöffneten Briefe unserem Stadtarchiv übergeben wurden, haben wir es leider versäumt, das den Hinterbliebenen mitzuteilen."

Erst im Jahr 2019 wurde Arslan, durch Zufall auf die Briefe aufmerksam. "Wenn wir damals von der Anteilnahme und Solidarität in der Gesellschaft gewusst hätten, hätte uns das damals geholfen und ein wenig Trost gespendet", sagte er der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Gegenüber dem NDR sagte er, dass er noch heute Gänsehaut bekomme, wenn er an die Briefe und die darin enthaltenen Solidaritätsbekundungen und auch Vernetzungsangebote von Shoah-Überlebenden denke.

"Wir haben 20 Jahre lang versucht, Betroffene zu vernetzen. Direkt nach dem Anschlag hätten wir mit den Briefen die Möglichkeit zur Vernetzung gehabt. Und selbst das wurde uns nicht gewährt."

Versagen beim Umgang mit Opfern

Es sind Fehler wie diese, die Grünen-Chef Omid Nouripour zu der Aussage verleitet haben dürften, dass der Anschlag auch für ein Versagen beim Umgang mit Opfern und Angehörigen von Rechtsterrorismus in Deutschland stehe.

Die Ampel-Koalition wolle eine Koordinierungsstelle für Opfer- und Angehörigenhilfe ausbauen und Geld für die Einrichtung eines Dokumentationszentrums zur rechten Terrorgruppe NSU und eines Archivs zum Rechtsterrorismus bereitstellen. "Wir sind es den Opfern und ihren Angehörigen schuldig, alles daran zu setzen, die Erinnerung wachzuhalten und Rechtsextremismus entschieden zu bekämpfen."

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) schrieb am Mittwoch auf Twitter, der rassistische Brandanschlag habe damals das Vertrauen vieler Menschen mit Migrationsgeschichte in die deutsche Gesellschaft und Politik erschüttert. Er werde nie vergessen, "dass auch meine Eltern damals überlegten, für "Notfälle" eine Leiter am Fenster anzubringen."

Bundesinnenministerin Nancy Faeser rief derweil dazu auf, entschieden gegen Rassismus vorzugehen. Die Tat der Rechtsextremisten in Mölln sei nicht aus dem Nichts gekommen, schrieb Faeser am Mittwoch auf Twitter. "Die Hetze gegen Menschen anderer Herkunft bereitete ihr den Boden." Der Mord bleibe Mahnung, entschieden und mit Härte gegen rassistische Hetze und Gewalt vorzugehen.

Ob Ibrahim Arslan solche Solidaritätsbekundungen von Politikern bei der Bewältigung der Ermordung seiner Familienmitglieder helfen werden? Ihm Hoffnung auf einen besseren Umgang mit den Opfern rassistischer Anschläge machen können? Daran darf man wohl ernste Zweifel hegen.

Ein Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im November dieses Jahres empfand er als "Protokollveranstaltung", wie er gegenüber der Zeit erklärte. "Er sagte, er bemühe sich, alles richtig zu machen", so Arslan über die Unterhaltung mit dem Staatsoberhaupt. "Aber er hat nicht gefragt, wie es richtig geht, wie es sich die Betroffenen vorstellen." (thp/dpa)

Verwendete Quellen:

  • Deutsche Presse-Agentur
  • NDR: Brandanschlag von Mölln: "Es ist nichts Abgeschlossenes
  • Zeit: Brandanschlag von Mölln: Die Briefe, die nie ankamen