Ein Experiment in den Niederlanden sorgt europaweit für Aufregung. Zwei YouTuber lassen Passanten glauben, sie lesen gewaltverherrlichende Texte aus dem Koran. Aber was steckt wirklich hinter den Passagen?

Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Zwei niederländische YouTuber zeigten während eines sozialen Experimentes Passanten auf der Straße Textpassagen - angeblich aus dem Koran.

Diese waren an Brutalität nur schwer zu überbieten.

Saudi-Arabien gilt als Terrorschmiede und bezahlt dafür jetzt den Preis.

Anbei eine kleine Auswahl:

  • "Wenn Du mir nicht gehorchst und meine Gesetze brichst, dann wirst Du das Fleisch Deiner eigenen Söhne und Töchter essen."
  • "Du musst ihre Hand abhaken."
  • "Wenn zwei Männer miteinander schlafen, dann müssen beide getötet werden."

Die Befragten reagierten schockiert und kamen zu dem Schluss: Der Koran ist frauenfeindlich und gewaltverherrlichend, ergo böse.

Bibel als Koran getarnt

Es ist eine fatale Mehrheitsmeinung in Zeiten, in denen sich Muslime in Europa wegen des angeblich "islamistischen" Terrors Anfeindungen ausgesetzt sehen.

Als die beiden Niederländer den Feldversuch auflösten und zeigten, dass sie eine Bibel mithilfe eines schlichten Covers als Koran getarnt hatten, waren die befragten Passanten völlig verdutzt.

Damit hatten sie nicht gerechnet oder um es in den Worten einer jungen Dame auszudrücken: "What the f…!"

Ist also die Bibel frauenfeindlich und gewaltverherrlichend? Oder noch schlimmer: Beide Religionswerke, Altes Testament und Koran? Unsere Redaktion fragte bei einem renommierten Theologen nach - der reagierte brüskiert.

"Bibel kennt gar keine Homosexualität"

"Nichts als Vorurteile derer, die die Texte nicht kennen", meint Prof. Dr. Stefan Beyerle. Er ist Dekan der Theologischen Fakultät der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald.

Seiner Meinung nach würden die Texte des Alten Testaments heutzutage nicht nur falsch verstanden, sondern im schlechtesten Fall auch noch falsch ausgelegt und diese Missverständnisse weitergegeben.

Die Texte seien in einer Sprache geschrieben, die heute frei und nicht selten falsch übersetzt würde, erklärt er und verweist auf die beiden Männer, die wegen angeblichen Beischlafs getötet werden sollten.

"Die Bibel kennt gar keine Homosexualität", sagt er und führt das Missverständnis mit den beiden Männern auf eine falsche Übersetzung und Fehlinterpretation zurück.

"Bei entsprechender Textstelle geht es darum, dass zwei Männer streiten, eine schwangere Frau dazukommt und während des Streits ihre Geburt abgeht."

Natürlich habe es, erklärt Beyerle, in der Entstehungszeit des Alten Testaments darauf die Todesstrafe gegeben, "so wie es sie heute in einer der modernsten Demokratien der Welt gibt, den USA".

Altes Testament wird missverstanden

Seiner Meinung nach würde das Alte Testament heute selbst von religiösen Menschen missverstanden. Immer sei die Rede von Vergeltung, einem Gott der Rache, die Sprache werde als martialisch aufgefasst.

Dabei hätten die Zeitgenossen die Botschaften, die nicht selten mit Rechtsnormen gleichzusetzen sind, verstanden.

Beyerle nennt ein bekanntes Beispiel: das angeblich alttestamentarische Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Der Spruch suggeriere das Spiegeln der Strafe, "kostest Du mich ein Auge, steche ich Dir auch eines aus. Das ist schlicht entgegen dem Wortlaut".

Es gehe nicht um Kapitaldelikte, sondern die Ausgleichszahlung für erlangten Schaden, erklärt er. "Dass ich denselben Betrag zahle, der durch einen verursachten Schaden entstanden ist. Die sprachlichen Begriffe entstammen der damaligen Alltagswelt."

Er versuche, schildert der Theologe, möglichst oft bei Kirchengemeinden möglichst vielen Menschen bei Gottesdiensten und Lesungen dies zu erklären.

Koran ist mehrdeutig

Doch es mangelt an allgemein verständlichen Büchern. Solchen, die die religiöse Mehrheit in moderner Sprache bei der Hand nehmen - und vor allem solchen, die gelesen werden. Es ist sozusagen ein hausgemachtes Problem der Kirche.

Beyerle warnt auf Nachfrage auch davor, den Koran misszuverstehen. "Jede seiner Übersetzungen ist Interpretation", sagt er.

"Der Koran ist auf Arabisch geschrieben, extrem schwer zu verstehen und wurde mehrfach angepasst. Er ist immer mehrdeutig."

Für den Theologen ist eines eindeutig: Koran und Altes Testament sind weder frauen-, homosexuellenfeindlich noch gewaltverherrlichend.

Man könnte also den beiden niederländischen YouTuber vorwerfen, schlampig recherchiert und die Passanten in die Irre geführt zu haben - oder eben auch nicht.

Wohl auch das ist eine Frage der Interpretation.

Prof. Dr. Stefan Beyerle, Jahrgang 1964, ist Dekan der Theologischen Fakultät der "Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald". Er hat an der Hochschule den Lehrstuhl für Altes Testament inne und forscht derzeit schwerpunkmäßig dazu, wie sich alttestamentliche Wissenschaften in lebensweltlichen Zusammenhängen verorten lassen.