• Vergangene Woche erlebte Israel eine Anschlagserie wie seit Jahren nicht mehr.
  • In diesem Jahr fallen das jüdische Pessach-Fest und der muslimische Ramadan zusammen, der ohnehin immer eine Zeit großer Spannungen ist.
  • Dennoch erwarten Experten keine Eskalation wie im vergangenen Jahr und auch keine dritte Intifada.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen der Autorin bzw. der zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Meldungen über Attentate in Israel gibt es in den Nachrichten immer wieder. Drei Anschläge in kurzer Zeit mit elf Toten erschüttern aber selbst dieses Land, das in seinem jahrzehntelangen Konflikt mit den Palästinensern schon viel Gewalt erlebt hat. Steht Israel eine neue Terrorwelle bevor? Ist eine Eskalation zu befürchten wie vor einem Jahr, als Zusammenstöße von israelischer Polizei und Palästinensern in Jerusalem während des Ramadan in einen elf Tage währenden Krieg mit hunderten Toten mündeten?

Der für Muslime heilige Monat Ramadan hat am Samstag (2. April) begonnen und fällt in diesem Jahr mit dem jüdischen Pessach-Fest zusammen, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Es ist eine Konstellation, die sehr selten vorkommt. Beide Feste wecken viele Emotionen, sie sind geprägt von Spiritualität und im Zentrum der Feiern stehen viele heilige und umkämpfte Orte wie der Tempelberg in Jerusalem.

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Dennoch ist in diesem Jahr offenbar einiges anders. "Die Möglichkeit, dass es zu einer Situation wie im vergangenen Jahr kommt, ist vorhanden, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders groß", sagte der Politologe Peter Lintl von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) unserer Redaktion. Erstens, weil die jüngsten Anschläge offenbar nicht von der Hamas ausgingen, und zweitens, weil die aktuelle israelische Regierung unter Ministerpräsident Naftali Bennett offenbar besonnener agiert als die unter Benjamin Netanyahu davor.

Kein Interesse an einer Eskalation

Dabei sei die Regierung nach den Anschlägen in einer schwierigen Situation gewesen, berichtete uns der Leiter des Büros Tel Aviv - Israel der Heinrich-Böll-Stiftung, Steffen Hagemann. "Sie musste zeigen, dass man für Sicherheit sorgt, durfte aber nicht zu einer Eskalation beitragen." Die Regierung halte diese Balance im Moment. "Es kam zwar auch am Wochenende zu Ausschreitungen am Damaskus-Tor, aber noch nicht zu einer größeren Eskalation."

2021 waren Konflikte zwischen israelischen Sicherheitskräften und Palästinensern am Jerusalemer Damaskus-Tor einer der Auslöser für den elftägigen Krieg gewesen. Auch Peter Lintl sieht es aber so, dass der Umgang mit den Menschen an den heiligen, umstrittenen Orten jetzt ein anderer ist: "Zum Beispiel lässt man palästinensische Jugendliche, die am Abend des Ramadan auf den Plätzen in Jerusalem feiern, eher gewähren. Provokationen gibt es vor allem seitens ultrarechter Oppositionspolitiker, das Vorgehen der Regierung ist indes differenzierter."

Zu den Provokationen gehörte zuletzt unter anderem, dass der israelische Abgeordnete Itamar Ben Gvir die Al-Aksa-Moschee den Tempelberg in Ostjerusalem besuchte. Eine Reaktion der Hamas blieb aber (trotz Drohungen) aus, was unterstreicht, was auch die Experten Lintl und Hagemann sagen: dass die Hamas im Moment kein Interesse an einer Eskalation zu haben scheint.

Keine Anzeichen für eine dritte Intifada

Hinter der jüngsten Anschlagserie steckt sie offenbar auch nicht. Zwei der Anschläge wurden von israelischen Staatsbürgern verübt, teilweise sollen die Attentäter mit dem Islamischen Staat (IS) sympathisiert haben, aber in kein Netzwerk eingebunden gewesen sein.

Er gehe davon aus, dass diese Anschläge auch vor dem Hintergrund des Treffens in Sde Boker zu sehen seien, sagt Peter Lintl. In der Wüste Negev trafen sich Anfang vergangener Woche Israel, Ägypten, Bahrain, Marokko, die Vereinigten Arabischen Emirate und die USA - als Zeichen einer Solidarisierung vor allem gegen Iran.

Einer der Attentäter war ein Mann aus dem Westjordanland, also dem Palästinensergebiet, "jedoch haben weder die Hamas noch andere palästinensische Organisationen in der Folge zur Beteiligung an Gewalt aufgerufen", sagt Steffen Hagemann. Auch wenn mit dem Ramadan jetzt wieder eine besonders spannungsgeladene Zeit angebrochen sei: "Im Moment sehe ich nicht, dass wir auf so etwas wie eine dritte Intifada oder einen Krieg wie im vergangenen Jahr zusteuern." Die zweite Intifada dauerte von 2000 bis 2005 und forderte mehrere tausend Todesopfer.

Verwendete Quellen:

  • Interviews mit Dr. Peter Lintl, Politikwissenschaftler und Leiter des Projektes "Israel in einem konfliktreichen regionalen und globalen Umfeld: Innere Entwicklungen, Sicherheitspolitik und Außenbeziehungen" bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und Dr. Steffen Hagemann, Politikwissenschaftler und Leiter des Büros Tel Aviv - Israel der Heinrich-Böll-Stiftung
  • Muriel Asseburg / Volker Perthes: Geschichte des Nahost-Konfliktes

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