• Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine steigen Kryptowährungen im Wert.
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Krieg und dem Preisanstieg?
  • Und sind Bitcoin & Co. gar eine Möglichkeit für Russland, Sanktionen zu umgehen?
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen des Autors bzw. die des zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum scheinen vom Krieg in der Ukraine zu profitieren. So zumindest der erste Eindruck, wenn man auf die Kursentwicklungen seit Kriegsbeginn am 24. Februar blickt. Denn seither kennt der Wert der meisten Kryptos nur eine Richtung – steil nach oben. Der Wert des Bitcoin etwa – der bekanntesten Kryptowährung – stieg von 34.267 Euro am 24. Februar auf 42.617 Euro am 31. März. Vor allem in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn gab es einen rasanten Anstieg, der sich danach aber wieder beruhigte.

Experte benennt vier Faktoren für die Wertsteigerung des Bitcoin

"Das ist mir auch aufgefallen", sagt Philipp Sandner vom Frankfurt School Blockchain Center mit Bezug auf den Wertanstieg der Kryptos. Der Experte hat die Entwicklung genauer analysiert. Und er macht im Gespräch mit unserer Redaktion deutlich, dass in die Bewertung der Kryptos sehr viele unterschiedliche Faktoren einfließen.

Für den jüngsten Anstieg sieht er unter anderem vier Faktoren als entscheidend an:

  • US-Präsident Biden hat am 9. März 2022 eine Exekutivverordnung auf den Weg gebracht, mit der Kryptowährungen stärker reguliert werden sollen. Ziel der Verordnung ist unter anderem besserer Verbraucherschutz – immerhin 40 Millionen Amerikaner besitzen Kryptos. "Spannend ist, dass das Weiße Haus die Zahlen nicht kleiner macht", sagt Sandner. "Damit ist die Diskussion, ob Amerika Kryptowährungen verbieten würde, vom Tisch." Und das scheint ein gutes Zeichen für Analysten und Anleger zu sein.
  • Der zweite Grund, den Sandner anführt, ist in Russland zu finden. Denn auch dort gab es eine Diskussion über ein Verbot von Kryptowährungen. "Damit hätte ein zweites Land Unsicherheit verbreitet", so Sandner. "Aber auch das ist vom Tisch."
  • Und auch in der EU wurde ein Verbot des Bitcoin diskutiert. Grund hierfür war der große Energieverbrauch der Kryptowährung. Doch auch dieser Antrag einiger Parteien ist bei einer Abstimmung am 14. März 2022 gescheitert. "Damit hat der Bitcoin drei Hürden genommen – in Europa, in Russland und den USA", so Sandner.
  • In China wiederum gab es 2021 tatsächlich ein Verbot von Kryptowährungen. "Deshalb haben Zehntausende angefangen zu verkaufen", erklärt Sandner. "Aber jetzt haben sie alle ihre Bestände verkauft. Der Verkaufsdruck aus China verschwindet."

Sandner sieht also keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Anstieg von Bitcoin & Co. und dem Krieg in der Ukraine. "Selbst wenn der Krieg nicht stattgefunden hätte, wäre der Bitcoin gestiegen."

Dass über Verbote von Kryptowährungen diskutiert wird, ist angesichts der aktuellen Energiekrise keine Überraschung. Denn Kryptos wie Bitcoin entstehen durch eine sehr energieintensive Rechenleistung – das sogenannte "Mining". Dabei lösen hochleistungsfähige Computer ein mathematisches Problem. Gelingt dies, werden die "Miner" mit Bitcoin belohnt.

Welche Rolle spielt der Bitcoin im Russland-Ukraine-Krieg?

Das Besondere: Kryptogeld besteht ausschließlich digital. Der Handel mit Bitcoin & Co. findet dezentral statt, es gibt also keinerlei kontrollierende Instanz. Wo sonst Banken die Transaktionen steuern – und dabei mitverdienen –, gibt es bei Kryptos nur Sender und Empfänger, vergleichbar mit Bargeld. Die Transaktionskosten sind daher sehr gering. Und man kann die Kryptos überall auf der Welt nutzen – sofern man einen Internetzugang hat.

Diese Vorteile kommen nun sowohl in der Ukraine als auch in Russland zur Geltung. Denn für Bürger und Bürgerinnen stellen Kryptowährungen eine Möglichkeit dar, ihre Besitztümer in Sicherheit zu bringen. "Manche fliehen aus der Ukraine mit Taschen voller Geld oder Gold. Das ist jedoch nicht sicher", sagte der Finanzexperte Seamus Donoghue in einer Online-Diskussion mit Philipp Sandner. "Es ist auch eine Frage, wie das einfache Volk reagiert. Sie unterstützen vielleicht nicht die Handlungen Putins, aber der Rubel kollabiert. Wie schützen sie also ihre Ersparnisse?"

"Kryptowährungen sind eine große Chance für die ukrainische Bevölkerung, Zahlungen trotz zusammenbrechender Bankeninfrastrukturen zu sichern und ihre eigenen Vermögenswerte zu schützen", schreibt auch die Finanzexpertin Miriam Buss auf der Website "Medium".

Gleichzeitig kommt die Befürchtung auf, Kryptowährungen könnten eine Möglichkeit für Russland sein, Sanktionen zu umgehen. Der Rechtsanwalt und Krypto-Experte Alireza Siadat sieht dafür jedoch keine Gefahr. "Es ist zu kompliziert, mit Krypto die Sanktionen zu umgehen", so Siadat in der Online-Diskussion mit Sandner. Das liege unter anderem daran, dass Transfers jederzeit transparent und nachvollziehbar seien. Und diese würden mit Listen von sanktionierten Personen und Institutionen abgeglichen.

Trotzdem spricht die Nachrichtenseite "Coindesk" vom "ersten Kryptokrieg". Wobei die Kryptos sogar dazu beitragen könnten, dass es wieder Frieden gibt. Dann nämlich, wenn die eigenen Bürger den Rubel schwächen und sich Kryptowährungen zuwenden. Ob das ein realistisches Szenario ist, bleibt dahingestellt. Ein hoffnungsvolles ist es allemal.

Über den Experten: Prof. Dr. Philipp Sandner ist Leiter des Frankfurt School Blockchain Centers.

Verwendete Quellen:

  • Frankfurt School Blockchain Center: Impact of the Situation in Ukraine on Bitcoin and Crypto Assets
  • The White House: Executive Order on Ensuring Responsible Development of Digital Assets
  • tagesschau.de: Kein Bitcoin-Verbot in der EU
  • medium.com: The world’s first crypto war — The role of cryptocurrencies and blockchain technology for Ukraine and Russia
  • coindesk.com: The First Crypto War May Lead to Lasting Peace

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