• In Grünheide bei Berlin entsteht die erste Fabrik des Elektroauto-Bauers Tesla in Europa. Bis zu 500.000 Autos will Tesla-Chef Elon Musk hier pro Jahr produzieren lassen.
  • Die "Gigafactory" spaltet die Region: Bringt Tesla Arbeitsplätze und eine bessere Infrastruktur? Oder ist das Werk eine Katastrophe für die Umwelt? Ein Ortsbesuch in Brandenburg.
Fabian Busch.
Eine Reportage

Auf der Landesstraße 38 braust der Verkehr. Manuela Hoyer muss trotzdem tief durchatmen, wenn sie auf die andere Straßenseite blickt. Auf die Kräne und Bagger, die Fertigungshalle und Parkplätze. "Das tut mit wirklich im Herzen weh", sagt sie. Eigentlich kommt sie nur noch ungern an ihren "Ort des Grauens". Aber manchmal muss es eben sein.

Ort des Grauens oder Zeichen des Fortschritts? Auf jeden Fall wirkt Deutschlands derzeit vielleicht umstrittenste Baustelle seltsam anonym. Kein großes Werbeschild erklärt, was hier entsteht. Nur wer genau hinschaut, entdeckt an einem Containerbau das Unternehmenslogo mit dem T-förmigen Querschnitt eines Elektromotors auf rotem Grund. Und ganz vorne weist ein grünes Straßenschild den Weg: Tesla-Straße.

Hier in Grünheide im Landkreis Oder-Spree, neben der Autobahn 10 und eine halbe Zugstunde von Berlin entfernt, entsteht das erste Werk des Elektroauto-Bauers in Europa.

Tesla baut in Brandenburg seine "modernste und nachhaltigste Fabrik"

Für Unternehmensgründer und Himmelsstürmer Elon Musk ist bekanntlich nichts zu groß. Das gilt auch für die "Gigafactory Berlin-Brandenburg". Sie werde Teslas "modernste, nachhaltigste und effizienteste Produktionsstätte", heißt es auf der Webseite des Unternehmens. Bis zu 500.000 Elektroautos des Modells Y sollen hier pro Jahr gefertigt werden.

Für 43,4 Millionen Euro hat das Unternehmen 2019 das 300 Hektar große Waldgrundstück erworben, das schon länger für eine Industrieansiedlung vorgesehen war. Es wäre Teslas vierte Gigafactory weltweit: Nach Reno (Nevada), Buffalo (New York) und Shanghai kommt jetzt Grünheide (Brandenburg).

Bis zu einer halben Million Autos des Modell Y will Tesla in Grünheide produzieren.

Manuela Hoyer: "Hat nichts mit nachhaltiger Automobilproduktion zu tun"

Manuela Hoyer ist in West-Berlin aufgewachsen, hat später im Schwarzwald gewohnt und dort das Leben in der Natur schätzen gelernt. Seit fast 30 Jahren ist Grünheide ihre Heimat. Als sie 2019 von Teslas Fabrikplänen hörte, schlug sie erst die Hände über dem Kopf zusammen – und gründete dann die Bürgerinitiative Grünheide mit einem klaren Ziel: Nein zur Gigafactory.

Warum eigentlich? Die Elektromobilität kann doch den Weg in eine Zukunft ebnen, in der sich die Menschheit ohne schmutzige Verbrennerautos fortbewegt. Noch dazu könnte die Fabrik der Region Arbeitsplätze und Wohlstand verschaffen, die 9.000-Einwohner-Stadt Grünheide zu einem neuen Wolfsburg machen. Nur grüner und moderner.

"Ich sage Nein", meint Manuela Hoyer und zeigt auf die andere Straßenseite. "Das hier hat für mich nichts mit nachhaltiger Automobilproduktion zu tun." Der Wald, den Tesla bereits roden ließ, ist für Hoyer mehr als eine bloße Holzplantage. Seit 30 Jahren arbeite man daran, den Kiefernwald in einen widerstandsfähigen Mischwald umzubauen. Vor allem macht sich die Bürgerinitiative Sorgen um das, was unter dem Werk liegt: das Trinkwasser.

"Ich werde denen weiter Sand ins Getriebe streuen", sagt Manuela Hoyer.

Großprojekt im Wasserschutzgebiet

Das Werk entsteht in einem Wasserschutzgebiet. Die Bürgerinitiative und der Naturschutzbund (NABU) befürchten, dass die geplante Batteriefabrik, die bereits in den Boden getriebenen Betonpfähle und die großflächige Versiegelung das Trinkwasser massiv beeinträchtigen. Zudem werde das Werk viel Wasser verbrauchen.

Als Elon Musk höchstpersönlich im Oktober bei einem Tag der offenen Tür in Grünheide auf sein Areal einlud, sagte er mit Blick auf den Kiefernwald, hier sei doch alles schön grün. Da schüttelten nicht nur die Projektgegner mit dem Kopf. In der Region herrscht schon jetzt Wasserknappheit: In den heißen Sommern der vergangenen Jahre wurde die Bevölkerung aufgefordert, Wasser zu sparen.

Die Löcknitz fließt durch den Wald bei Grünheide. Naturschützer befürchten, dass sie trocken fällt, wenn Tesla zu viel Wasser verbraucht.

Und dann wäre da noch eine Anekdote: Ein Mitglied der Bürgerinitiative wollte vor einiger Zeit einen kleinen Anbau an sein Wonhaus bauen, erzählt Manuela Hoyer. Eine Genehmigung gab es nicht. Weil das Haus im Wasserschutzgebiet stehe.

David gegen Goliath

Zehn bis 20 Menschen engagieren sich in der Bürgerinitiative, es ist ein Kampf zwischen Klein und Groß, David gegen Goliath: eine kleine Gruppe Umweltschützer gegen den reichsten Mann der Welt.

Fühlt sie sich manchmal alleingelassen? "Natürlich", sagt Manuela Hoyer. Greenpeace habe sich hier noch nicht blicken lassen. Die Grünen tragen das Projekt in der brandenburgischen Landesregierung mit. Das zuständige Umweltministerium will sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht zu möglichen Folgen auf das Trinkwasser äußern: Während das Genehmigungsverfahren noch laufe, könne man zu diesen Fragen keine Angaben machen.

"Wir wissen nicht, was noch passieren muss, damit die Leute aufwachen", sagt Manuela Hoyer. Aufgeben will sie trotzdem nicht. Schließlich habe man als "kleiner Haufen" schon einiges bewirkt. "Wenn wir nicht gewesen wären, würden die hier schon seit Juli produzieren."

Baugenehmigung steht noch aus

Für deutsche Verhältnisse hat Tesla sein Werk in atemberaubender Schnelligkeit hochgezogen. Ursprünglich hätten schon im Sommer die ersten Autos offiziell vom Band laufen sollen. Obwohl das Werk fast fertig ist, steht die endgültige Baugenehmigung durch das Landesamt für Umwelt noch aus. Mehr als 800 Einwendungen von Verbänden und aus der Bevölkerung sind dort gegen das Vorhaben eingegangen.

Ursprünglich hieß es, die Entscheidung solle bis Ende 2021 fallen. Daraus ist nichts geworden. Sollte Tesla die Genehmigung nicht bekommen, müsste es das komplette Werk wieder abreißen. Doch mit einem Nein rechnet hier eigentlich niemand. Nicht einmal die Projektgegner.

"Wir sollten doch gemeinsam die Welt verbessern und uns nicht gegenseitig ein Bein stellen", sagt Christine de Bailly.

In den kommenden Wochen ist mit einer Entscheidung des Landesamts für Umwelt zu rechnen. Die Landesregierung hat signalisiert, dass ein Ja wahrscheinlich ist. Doch der Streit wird damit nicht verschwinden, denn es könnte Klagen geben.

Manuela Hoyer will jedenfalls weitermachen. "Das hört sich jetzt blöd an, aber: Ich werde bis zum letzten Atemzug kämpfen. Ich werde denen weiter Sand ins Getriebe streuen."

Hoyer ist sich sicher, dass Tesla wachsen wird. Die Landesstraße vor dem Werk soll vierspurig ausgebaut werden. Der Bahnhof Fangschleuse, der Grünheide mit Berlin verbindet, soll näher an das Werk heranrücken. Falls Tesla alle Ausbaustufen durchziehe, werde der Standort eines Tages größer sein als das VW-Werk in Wolfsburg, glaubt Manuela Hoyer. "Das ist hier nur der Anfang. Der Anfang vom Ende."

Ist nicht eher der Klimawandel eine Bedrohung für das Grundwasser?

Beim Tag der offenen Tür warb Elon Musk höchstpersönlich für seine Gigafactory.

Für Christine de Bailly könnte das Tesla-Werk dagegen der Anfang von etwas Gutem sein. "Ich liebe Entwicklung, und ich finde es falsch, sich dagegenzustellen." Die Kommunikationstrainerin gehört zum Verein "GrünheideNetzWerk", zu dem sich zwei Initiativen zusammengeschlossen haben. Die Mitglieder verfolgen die Entwicklung des Werks, dokumentieren das Entstehen mit Drohnen-Aufnahmen und Informationen in den sozialen Medien.

Man bleibe dabei ganz sachlich, betont de Bailly. Aber die Vereinsmitglieder sind durchaus mit technischer Begeisterung und Wohlwollen bei der Sache. Christine de Bailly fährt zwar selbst keinen Tesla, aber mit großer Begeisterung ein anderes Elektroauto. "Ich bin mittlerweile Tesla-Fan", sagt sie.

Aus ihrer Sicht zielen die Projektgegner auf die Falschen, wenn sie dem US-Unternehmen Umweltvergehen vorwerfen. Natürlich sei das Wasser in der Region in den vergangenen Jahren weniger geworden. Aber das sei nicht die Schuld von Tesla, sondern eine Folge des Klimawandels, der hier schon lange sicht- und fühlbar ist.

Und die Belastung des Grundwassers? Auch da müsse sich jeder an die eigene Nase fassen, sagt Christine de Bailly. Sie hat vor einiger Zeit beim "Clean Up Day" die Natur vom Wohlstandsmüll befreit, hat Kippen, alte Windeln, Fast-Food-Tüten und Dachpappe aus Gebüschen und See-Ufern gezogen. "Wir müssen uns fragen: Was machen wir denn selbst für die Umwelt, für das Grundwasser? Endlich rücken diese Fragen mehr in den Fokus. Das Bewusstsein, auf was für einem wunderschönen Flecken wir hier leben, hat sich erst mit Tesla entwickelt."

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Tesla will der größte Ausbilder im Bundesland werden

Für die Landesregierung war die Ansiedlung von Tesla ein Coup. Grünheide setzte sich in einem Wettbewerb gegen Konkurrenten in ganz Europa durch. Brandenburg will mit der Fabrik "Vorreiter der Energie- und Mobilitätswende in Deutschland" werden. Tesla verspricht auf seiner Webseite, der größte Arbeitgeber für Auszubildende in ganz Brandenburg zu sein. Mit Angeboten in 20 Berufssparten.

Grünheide besteht aus mehreren Ortsteilen, die sich an Bäche und Seen schmiegen. Egal wohin man blickt: Irgendwo ist meistens Wald und Wasser zu sehen. Brandenburg von seiner schönsten Seite. Die Gemeinde wird mit Tesla nicht zur Großstadt – das erwarten auch die Befürworter nicht. Der Platz für neue Wohnhäuser ist knapp, zudem werden viele aus der künftigen Belegschaft wohl von Berlin aus zur Arbeit pendeln.

Trotzdem hofft Christine de Bailly auf Impulse für Grünheide: Ausbildungsplätze für die Jugend der Gemeinde, vielleicht auch Geld für ein eigenes Kulturhaus, für Investitionen in Schulen und Kitas. "So etwas kann sich zusammen mit dem Werk entwickeln." Für sie bietet die Ansiedlung eine Win-win-Situation: "Wir sollten sie nutzen, um unsere eigenen regionalen Ziele zu erreichen."

Christine de Bailly: "Wir sollten gemeinsam die Welt verbessern"

Christine de Bailly betreibt einen Bürgertreff, in dem sich auch ein Tesla-Informationsbüro befindet. Sie ist überzeugt, dass die Bevölkerung inzwischen mehrheitlich hinter dem Projekt steht – nicht zuletzt dank klarer Informationen. "Wir sollten doch gemeinsam die Welt verbessern und uns nicht gegenseitig ein Bein stellen", sagt sie.

Draußen auf dem Marktplatz wartet ein ältere Herr vor dem Supermarkt. Was er von der ganzen Tesla-Sache hält? "Für die Region ist das ganz gut", sagt er, hebt die Hand – und reibt Daumen und Zeigefinger aneinander. "Wo haben wir denn hier noch Fabriken?"

Und das Wasser? Ja, das Wasser, sagt der ältere Herr und setzt einen etwas nachdenklicheren Blick auf. Zuhause hat er einen eigenen Brunnen. "Wenn die mir das Wasser abpumpen – dann mache ich auch meinen Mund auf."

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Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Manuela Hoyer, Bürgerinitiative Grünheide
  • Gespräch mit Christine de Bailly, GrünheideNetzWerk e.V.
  • stk.brandenburg.de: Häufig gestellte Fragen zur Tesla-Ansiedlung
  • Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz Brandenburg, Pressestelle
  • Tesla.com: Gigafactory Berlin-Brandenburg