Immer mehr Menschen begeben sich bei eisigen Temperaturen freiwillig ins Wasser: Eisbaden liegt schon länger im Trend. Doch warum gilt die extreme Methode als gesundheitsfördernd? Und wer sollte es lieber lassen?

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Dichter, Naturforscher, Politiker: Johann Wolfgang von Goethe war vieles - und auch kein Warmduscher. Im Winter soll er das Eis der zugefrorenen Ilm aufgehackt haben, um Körper und Geist im eisigen Wasser zu erfrischen. Was vielen allein beim Gedanken daran einen kalten Schauer über den Rücken jagt, bringt Fans des Kälte-Kicks in Euphorie: Eisbaden.

Immer mehr tun es dem großen Dichter gleich und steigen freiwillig in eisige Gewässer. Heute wäre Goethe dadurch womöglich ein Social-Media-Star. Doch diese Karriere blieb ihm verwehrt. Den Job übernehmen nun andere, der Niederländer Wim Hof zum Beispiel. 3,4 Millionen Menschen folgen ihm bei Instagram.

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Eisiger Trend mit Geschichte: Die Wim-Hof-Methode

Wim Hof, auch "The Iceman" genannt, ist vermutlich der berühmteste Eisbader. Sein Spitzname kommt nicht von ungefähr: Der Extremsportler hält zahlreiche internationale Kälte-Rekorde, etwa den für das längste Eisbad. Die von ihm entwickelte Wim-Hof-Methode basiert auf drei Säulen:

  • einer intensiven Atemtechnik, die zu Hyperventilation führt, wobei vermehrt Kohlendioxid abgeatmet wird,
  • Fokus durch Meditation und
  • Kältereiz.

Weltweit praktizieren Tausende seine Methode, die online oder in Live-Seminaren geschult wird – und mitunter auch kontrovers diskutiert wird. Denn: Intensive Atemtechniken und Eisbaden bergen auch Risiken. Darauf weist der "Iceman" auf seiner Website auch selbst hin. Die überwiegend männlichen Jünger des mitunter halbnackt durch den Schnee wandelnden Eismannes und andere überzeugte Eisbader lassen sich den frostigen Spaß dadurch nicht nehmen.

Wim Hof
Wim Hof, der Guinness-Weltrekordhalter, beim Eisbaden 2010 in Hongkong. © imago/Xinhua

Zwar hat Wim Hof maßgeblich dazu beigetragen, den Eisbaden-Trend ins Rollen zu bringen, eine neue Erfindung ist die Methode – siehe Goethe – jedoch nicht. Doch auch schon vor lange vor Goethe gab es Menschen, die sich ins eiskalte Nass stürzen.

Insbesondere in vielen skandinavischen Ländern wird Eisbaden – auch Winterbaden genannt – bereits seit Jahrhunderten praktiziert. Ob es wirklich abhärtet, das lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Dass es sich positiv auf das allgemeine Wohlbefinden auswirken kann, hingegen schon. Und auch im Körper tut sich einiges, wenn der Kälteschock einsetzt. Der Kältereiz löst eine Vielzahl von körperlichen Reaktionen aus:

  • Das kalte Wasser sorgt dafür, dass die Blutgefäße sich verengen und der Blutdruck steigt.
  • Der Kältereiz sorgt für eine verstärkte Freisetzung von bestimmten Hormonen wie Endorphinen. Diese "Glückshormone" reduzieren die Schmerzwahrnehmung, wirken stimmungsaufhellend oder sogar euphorisierend.
  • Untersuchungen deuten darauf hin, dass Eisbaden sich durch die vermehrte Freisetzung von Botenstoffen wie Serotonin und Dopamin positiv auf Depressionen und Angsterkrankungen auswirken kann.
  • Eisbaden kann die Stressresistenz verbessern, da die Kälte Körper und Geist dazu zwingt, sich an unangenehme Umstände anzupassen.
  • Als Reaktion auf den Kälteschock werden neben Glückshormonen auch Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, die den Körper leistungsfähiger machen und die Konzentration fördern.
  • Forscher der Arctic University of Norway fanden heraus, dass beim Eisbaden weißes Fett – auch schlechtes Fett genannt – verbrannt wird, da braunes Fett aktiviert wird. Dieses wiederum ist ein Kalorienkiller.
  • Beim Aufwärmen nach dem Eisbad erweitern sich die Gefäße und das stärker zirkulierende Blut durchströmt auch die kleinsten Gefäße im Gewebe. Die Zellen werden mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt und ein wohliges Gefühl von intensiver Wärme tritt ein.
  • Kälte trainiert die Gefäße, da sich diese durch die Kälte zusammenziehen und anschließend weiten.

Risiken von Eisbaden – wer sollte es lassen?

Was Goethe konnte, kann ich auch? Vorsicht. Menschen mit gesundheitlichen Problemen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Gefäßerkrankungen wie der Raynaud-Krankheit oder bestimmten psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie sollten nicht ins kalte Wasser steigen.

Der Kardiologe Felix Ehrenfeld warnt: "Das kalte Wasser kann Herzrhythmusstörungen auslösen. Insbesondere bei älteren Menschen und Personen mit Vorerkrankungen ist das Risiko erhöht."

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Wie gewöhnt man sich ans Eisbaden?

Auch gesunde Menschen sollten sich langsam herantasten, rät Ehrenfeld. Das geht auch zu Hause: "Zu Beginn kann man zum Beispiel eine halbe Minute kalt duschen und die Dauer langsam steigern, auf zwei Minuten etwa. Wer in der Natur beginnt, sollte nicht ins kalte Wasser springen, sondern langsam ins Wasser steigen. Aus ärztlicher Sicht würde ich empfehlen: bis zu den Knien, bis zur Hüfte, zum Herz und dann vielleicht ganz rein."

Der Kopf bleibt beim Eisbaden übrigens trocken. Profis tragen im Wasser Mütze und Handschuhe, da über Kopf und Hände besonders viel Körperwärme abgegeben wird.

Tipps für Anfänger:

  • Vorher gut durch Bewegung aufwärmen.
  • Vorsicht mit Atemübungen, die zu Hyperventilation führen. Intensive Atemtechniken können zu Schwindel oder sogar Bewusstlosigkeit führen und sollten generell nur von gesunden Menschen ausgeübt werden.
  • Im kalten Wasser ruhig und gleichmäßig atmen.
  • Steigen Sie nur in Begleitung ins kalte Wasser. Im Ernstfall kann Erste Hilfe geleistet und Hilfe organisiert werden.
  • Maximal zwei Minuten im kalten Wasser bleiben, wenn Sie nicht Wim Hof heißen oder ein trainierter Eisbader sind.
  • Anschließend gut abtrocknen, dick anziehen und schnell ins Warme.

Wer auf Nummer sicher gehen will, holt sich zuvor das ärztliche Okay. Und dann kann man es halten wie Goethe: "Das Kalte wird warm, der Reiche wird arm, der Narre gescheit. Alles zu seiner Zeit." Soll in diesem Kontext heißen: Körper und Geist langsam an die Kälte heranführen, statt sich von einem extremen und potenziell gefährlichen Trend zu schnell mitreißen zu lassen.

Verwendete Quellen

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