Es ist einer der grausigsten Kriminalfälle dieses Jahrtausends: Der "Kannibale von Rotenburg" tötete 2001 einen Freund und aß Teile von ihm. Vor neun Monaten sorgte ein weiterer Fall für Aufsehen: Seit einer Woche steht ein LKA-Beamter wegen Mordes vor Gericht. Sein mutmaßliches Opfer soll er in einem Kannibalen-Forum kennengelernt haben, für Kannibalismus fanden die Ermittler aber keine Beweise. Der Kriminalist Dr. Hans Girod beschäftigt sich seit Jahren mit Kannibalismus. Er erklärt im Interview, woher die Lust auf Menschenfleisch rührt.

Herr Girod, warum wird ein Mensch zum Kannibalen?

Hans Girod: Man muss zwischen verschiedenen Arten des Kannibalismus unterscheiden. Es gibt den Überlebenskannibalismus, der aus einer Notlage entsteht. Der rituelle Kannibalismus gehört dagegen weltweit zur Kulturgeschichte des Menschen. Bis auf sehr wenige Ausnahmen wurden dazu keine Menschen getötet, sondern das Fleisch bereits Verstorbener verzehrt. Solche Ereignisse haben nichts mit sexuellem Kannibalismus zu tun, der sich zumeist auf Einzeltäter bezieht, die damit geheimste sexuelle Wünsche realisieren.

Was für Menschen sind diese Einzeltäter?

Durchweg handelt es sich um selbstwertbeeinträchtigte, einzelgängerische Persönlichkeiten, beherrscht von entarteten sexuellen Impulsen und sozialen Bindungsstörungen. In ihren Sexualfantasien sind sie darauf fixiert, jemanden zu töten oder dabei zu sein, wenn jemand getötet wird. Die modernen elektronischen Kommunikationsmittel erleichtern ihnen die Kontaktaufnahme mit dem ersehnten Gegenpart. Der wiederum besteht aus masochistischen, sehr häufig homophilen, aber auch sexuell schwer gestörten Persönlichkeiten, die im Sinne einer sexualpathologisch begründeten Suizidalität den latenten Wunsch haben, sich verspeisen zu lassen. Wenn diese beiden Pole aufeinandertreffen, haben wir genau den Fall wie bei Armin Meiwes, dem "Kannibalen von Rotenburg" und seinem freiwilligen Opfer.

Kommt es häufig zu derartigen Verbrechen?

Fälle von Kannibalismus sind extrem selten. Quantitativ liegen sie im Promillebereich der Tötungsdelikte. Bei 2.000 Tötungsdelikten pro Jahr ist das also nicht viel. Aber nicht jeder Fall kann geklärt werden: Etwa 40 Prozent aller Tötungsdelikte werden verschleiert, indem das Opfer nach der Tat zerstückelt und beseitigt wird. Dass der Täter dabei Teile verspeist, lässt sich dann kaum objektiv nachweisen. Aus polizeilicher Sicht ist das auch nur von nebensächlichem Interesse, weil derartige Nachtathandlungen strafrechtlich kaum eine Rolle spielen. Sie erfüllen höchstens den Tatbestand einer Störung der Totenruhe. Da mögliche kannibalistische Handlungen nur ethisch-moralische Normen betreffen, sind sie bestenfalls von Interesse für den Psychiater oder Sexualtherapeuten, falls der Täter denn darüber spricht. Normalerweise geben die Täter derartige Details nicht preis, vor allem, wenn objektive Befunde fehlen.

Dann gibt es eine hohe Dunkelziffer?

Ja, es gibt eine gewisse Dunkelziffer. Wie hoch sie ist, weiß ich nicht, sie lässt sich nur vage schätzen. Aus meiner Praxis kenne ich nur drei bestätigte Fälle. In einem vierten Fall bestand zwar der begründete Verdacht auf kannibalistische Handlungen, doch der Täter hat sich nicht dazu bekannt. Er hatte die Brüste der Leiche abgeschnitten, den Rest der Toten entsorgte er in einem Müllcontainer. Dieser Umstand warf natürlich Fragen in Richtung kannibalistischer Praktiken auf. Ich bin überzeugt, dass sie eine Rolle gespielt haben. Nur hat der Täter dies nicht eingestanden. Überhaupt scheuen sich die Täter, über ihre kannibalistischen Impulse zu reden. Dadurch ergibt sich ein gewisses Dunkelfeld.

Auf welche Körperteile haben es Kannibalen gewöhnlich abgesehen?

Es geht zumeist um Körperteile, die für den Täter sexuell anregend sind. In einem Fall waren es Gesäßstücke der Ehefrau, die der Täter dann gekocht und verspeist hat. In anderen Fällen waren es Geschlechtsteile, Muskelfleisch, Brüste. Pauschal lässt sich das nicht eingrenzen. Beim Rotenburger Fall ging es um die Einverleibung des ganzen "geliebten" Menschen. Der Täter strebte die absolute Verschmelzung mit seinem Gegenüber an. Das sind absurde, sehr schwer nachvollziehbare psychische Vorgänge, die sich da abspielen.

Gibt es auch weibliche Kannibalen?

Ich kenne keinen Fall aus Deutschland, wo Frauen kannibalistisch aufgefallen sind. Ausnahmen gibt es aber im Bereich eines durch akute Hungersnot ausgelösten Überlebenskannibalismus. Der hat aber nichts mit dem sexuellen Kannibalismus zu tun.

Herr Girod, vielen Dank für das Gespräch.

Hans Girod war Dozent für Spezielle Kriminalistik an der Humboldt-Universität in Berlin. Seine Schwerpunkte waren unter anderem Sexual- und Gewaltdelikte. Er schrieb mehrere Bücher über spektakuläre Mordfälle.