Der Impfstoff ist da. Leider nicht in ausreichenden Mengen. Aber bald geht's los. Oder vielleicht auch nicht. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch hat eigentlich irgendjemand einen Plan?

Anja Delastik
Eine Kolumne
von Anja Delastik
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Eigentlich wollte ich nicht übers Impfen schreiben. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr über Corona schreiben. Am liebsten auch nicht mehr drüber reden und nachdenken. Hilft ja nix, ändert auch nix; sich aufs Licht am Ende des Tunnels zu konzentrieren, ist auch eine Überlebensstrategie.

Doch was momentan passiert oder vielmehr: nicht passiert, lässt selbst jene verzagen, die stets versuchen, das Positive zu sehen – in Situationen, in Menschen, auch in Politikerinnen und Politikern. Verzeihung also, wenn’s gleich etwas melodramatisch wird.

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

So weit, so gut, so what

Die Impfstoffe sind zugelassen. So weit, so gut, so what. Wir machen weiter wie bisher. Nicht etwa, weil's so schön ist. Es ist momentan nicht genügend Impfstoff vorhanden – das haben wir mittlerweile alle kapiert, hören es schließlich nicht erst seit gestern. Schwamm drüber, weiter im Text. Aber wie? Kaum jemand kennt die Antwort.

Die Gründe: Überbürokratie, Überforderung, Unfähigkeit der Verantwortlichen, falsche Prioritäten, schlechte PR? Was indes in den Köpfen hängenbleibt, ist eine Nicht-Strategie: Solange nicht ausreichend Impfstoff da ist, lieber keine Hoffnungen wecken. Dabei ist Hoffnung momentan das Einzige, was uns bleibt.

Ob in Ländern, Bund oder EU: Als Volksvertreter ­muss man doch mitbekommen, dass viele Menschen kurz vor Burnout, Depression oder Pleite stehen. Oder schon mittendrin stecken. Liebe Politiker und Politikerinnen, um weiter durchhalten zu können, müsst ihr uns was Besseres in Aussicht stellen. Malt uns gefälligst ein Bild davon, wie das Leben nach Corona aussehen kann. Gebt uns einen Strohhalm, an den wir uns klammern können.

Wir brauchen Perspektiven

Ja, wir brauchen wir Perspektiven, damit wir einigermaßen heile aus der Sache rauskommen. Wie geht's weiter in den Schulen und Kitas? Welche Konzepte gibt es für Kulturschaffende, den Einzelhandel, die Eventbranche, die Gastronomie, die Clubs, die Reisebranche? Was passiert mit den vielen arbeitslosen Piloten und Pilotinnen? Die Liste könnte man endlos fortführen.

Hoffnungslos überfordert? Dann holt euch Hilfe! Da draußen gibt es jede Menge Ideen, pragmatische Lösungsansätze, kostenlose Apps. Auch das Ausland macht vor, wie Priorisierung funktioniert.

Dort wird längst geimpft, was das Zeug hält. Dort werden Freiwillige in Impfzentren eingespannt. Dort erhalten Impfbereite ihre Dosis in Apotheken. Dort gibt es Drive-thru-Stationen und Impfmobile für stark betroffene Regionen.

Was ist der Plan?

Hierzulande verzetteln sich die Gesundheitsämter in Faxformularen, werden ältere Menschen, die sich nach einem Impftermin erkundigen wollen, am Telefon verhöhnt. Vorausgesetzt, jemand nimmt ab.

Immerhin sind jetzt auch die Hausarztpraxen in die sogenannte Impfstrategie eingebunden. Bemerkenswert deshalb, weil total naheliegend, längst überfällig und trotzdem nur zögerlich – als Modellprojekte mit wenigen Praxen. Eine Prognose? Hm, schwierig ... Wie kann es sein, dass ihr noch immer nicht genau sagen oder wenigstens absehen könnt, wie viele Menschen wann und wo geimpft werden können? Was ist der Plan?

Ist es nicht euer Job, einen zu haben, den Laden am Laufen zu halten, Prioritäten zu setzen? Stattdessen erzählt ihr in Pressekonferenzen und Leitmedien weiterhin von Inzidenz, R-Wert, Lockdown, Schnelltestverfahren. Ist alles wichtig, schon klar. Aber damit raubt ihr uns den Verstand. Was bleibt? Mal wieder nur die Hoffnung. Zumindest, solange Bürokratie wichtiger scheint als Pragmatismus.