• Die Taliban haben in Afghanistan die Macht übernommen.
  • Besonders bei der weiblichen Bevölkerung löst das Furcht und Schrecken aus, Erinnerungen an die 1990er Jahre werden wach.
  • Damals regierten die Taliban das Land am Hindukusch schon einmal, missachteten Frauenrechte aufs Schlimmste. Steinigungen, Verbot von Bildung und Musik gehörten zur Tagesordnung.
  • Kehrt dieses strenge Regime zurück? Christina Ihle vom Afghanischen Frauenverein beschreibt die Lage vor Ort.
Ein Interview

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Frau Ihle, der Afghanische Frauenverein, dessen Geschäftsführerin Sie sind, setzt sich für Wiederaufbau und Frieden in Afghanistan ein. Was heißt das konkret?

Christina Ihle: Wir sind als Verein seit knapp 30 Jahren vor Ort und engagieren uns aktuell in 15 Projekten in den afghanischen Provinzen Kabul, Kundus und Ghazni. Dabei bauen wir Schulen, Gesundheitsstationen und Brunnen, unterstützen Frauen durch Ausbildungs- sowie Stipendienprogramme und leisten Nothilfe für Binnenvertriebene.

Können diese Projekte derzeit alle weiterlaufen?

Nein, aber von den 15 Projekten laufen sechs derzeit weiter, eine Schule im Kundus hat seit zwei Wochen wieder geöffnet. Mädchen und Lehrerinnen gehen dort ganz normal zur Schule. Zwei von drei Gesundheitsstationen sind geöffnet, außerdem betreuen wir Binnenvertriebene in Kabul, die aus Kundus gekommen sind. Bei den Gefechten hat die halbe Stadt gebrannt, sie haben nun alles verloren und besitzen nur die Kleidung, die sie tragen. Außerdem sind medizinische Teams unterwegs, um vor allem den stark dehydrierten und mangelernährten Kindern, Neugeborenen und Schwangeren zu helfen.

Sie haben auf diese Weise vielfältige Einblicke in das Land. Welche Reaktionen kamen von den afghanischen Frauen nach der Machtübernahme durch die Taliban?

Die Sorge, dass sich die Situation für Frauen und Mädchen schlagartig ändern wird, ist sehr groß. Alle haben unheimlich Angst, das Land ist in einer abwartenden Starre und schaut besorgt, wie es weitergeht. Zwar haben die Taliban schnell verlautbaren lassen, dass für Frauen und Mädchen erst einmal alles so bleiben soll, wie es ist, solange es im Rahmen der Scharia passiert. Aber niemand weiß, was das bei den neuen Machthabern genau bedeutet. Wird die Scharia moderat ausgelegt oder in einer extremen Richtung? Alle Szenarien liegen auf dem Tisch und niemand weiß, welches eintreten wird. Das sorgt für viel Angst und Unsicherheit.

Wurden deshalb auch teilweise Bilder von Frauen übermalt?

Ja, manche wollen Gefahren vorbeugen. Wir hören, dass viele Frauen beginnen, nur noch in Burka nach draußen zu gehen oder das Haus erst einmal nicht mehr verlassen. Auf den Straßen entstehen immer noch sehr schnell Unruhen, deshalb bleiben die meisten möglichst viel zu Hause.

Kabul, Frauen, Afghanistan
In Kabul werden die Schaufenster von Beauty Salons überstrichen, aus Angst vor den Taliban

Von den Szenarien, die auf dem Tisch liegen, lässt sich nicht prognostizieren, welches eintritt. Wie geht es aber im schlimmsten Fall für die afghanischen Frauen weiter?

Die Befürchtung ist, dass man in die Zeit der 90er Jahre zurückfällt, als die Taliban schon einmal regiert haben. Die hart errungenen Fortschritte in den Bereichen Bildung, Beruf und Mitbestimmung wären dann zunichte gemacht. Dafür haben die afghanischen Frauen 20 Jahre stark gekämpft.

Als die Taliban schon einmal regierten, durften Frauen das Haus nur vollverschleiert in Begleitung eines Mannes verlassen, für das Lackieren von Fingernägeln konnten die Fingerkuppen abgehackt werden, Schulbesuche waren für Mädchen untersagt ...

Genau, diese schlimmen Erzählungen kennt man von damals. Man weiß aber nicht, ob es sich wieder so ausprägen wird. Auch, wenn die Taliban anderes angekündigt haben: ihre Glaubwürdigkeit ist schwer zu bewerten, man kann leider nur abwarten. Im Unterschied zu den 90er Jahren bemühen sie sich jetzt darum, sich international nicht zu isolieren, sondern bleiben in Gesprächen und Verhandlungen mit ihren Partnern. Sie scheinen zu wissen, dass die Menschenrechtslage und insbesondere die Frauenrechte von der internationalen Gemeinschaft genau beobachtet werden. Die Sorge ist aber, dass das aufhört, sobald internationale Akteure das Land verlassen. Die Bevölkerung fürchtet, dass dann Dinge passieren könnten, die jetzt gerade keiner für möglich hält.

Was kann der Westen tun, um den afghanischen Frauen zu helfen?

Die internationale Gemeinschaft muss weiter genau hinschauen, mit Kräften vor Ort bleiben und Verhandlungen nicht abbrechen lassen. Afghanistan darf jetzt nicht wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen werden. Wir müssen uns auf allen diplomatischen und politischen Wegen dafür einsetzen, dass die Zivilbevölkerung ihre Menschenrechte nicht verliert. Die deutsche Gesellschaft kann ihre politischen Vertreter immer wieder darauf hinweisen. Auch humanitäre Hilfe muss weiter geleistet werden. 18,4 Millionen Menschen im Land brauchen sie zum Überleben, wir können sie nicht im Stich lassen. Wenn sich aus Sicherheitsgründen viele Organisationen zurückziehen, muss die humanitäre Hilfe durch lokal verankerte Akteure vor Ort dennoch weitergehen.

Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hat vorgeschlagen, nur afghanische Frauen und Kinder als Flüchtlinge aufzunehmen. Wie stehen Sie zu dem Vorschlag?

Das geht meiner Meinung nach an der afghanischen Realität vorbei. Wir Deutschen denken sehr in isolierten Frauenbewegungen, aber in Afghanistan ist der Stellenwert der Familie so hoch, dass es undenkbar ist, dass Frauen beispielsweise ohne ihre Söhne ausfliegen.

Über die Expertin: Christina Ihle ist Geschäftsführerin des Afghanischen Frauenvereins. Der Verein wurde 1992 von in Deutschland lebenden Afghaninnen gegründet und zählt heute mehr als 20.000 Unterstützer und Unterstützerinnen.
Ground Zero, 11. September 2001
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