Eine datenbasierte Recherche von CORRECTIV zeigt, wie Rechte und Rechtsextreme die Ästhetik von Instagram benutzen, um junge Menschen schleichend in ihre Kreise zu ziehen.

Harmlose Hashtags oder Bilder von Frauen im traditionellen Trachtenlook sind oft der Einstieg, um rechte Botschaften auf Instagram zu verbreiten, junge Unterstützer zu gewinnen und sich zu vernetzen, zeigt die Analyse tausender Instagram-Accounts durch das Recherchezentrum CORRECTIV. Die rechte Szene nutzt Schwachstellen von Instagram aus, so dass auf der Plattform rechtsextreme und rassistische Inhalte angezeigt werden.

Instagram hat die subtilen Strategien offenbar nicht im Blick. Das Unternehmen löschte ein Bild mit einem extremistischen und auf der Plattform verbotenen Symbol erst, als es von CORRECTIV darauf hingewiesen wurde. Eine Sprecherin von Instagram wies zudem darauf hin, dass es "hilfreich" wäre, wenn CORRECTIV weitere Inhalte dieser Art mitteilen könnte.

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Lifestyle, Musik, Mode, schnelle Clips und schöne Bilder machen Instagram für Millionen vor allem junger Menschen attraktiv. In Deutschland nutzt die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen die Seite laut einer Studie täglich. Es gibt aber auch eine dunkle Welt von Instagram, eine Welt, in der rechte Inhalte subtil gestreut werden.

Rechte Botschaften hinter harmlosen Fotos

Hinter harmlosen Bildern werden rechte Botschaften verbreitet. Auf einem Babyphoto, das auf Instagram gepostet wurde, liegt ein brauner Kranz neben dem Kopf des Babys. Das hölzerne Dekorationsstück soll eine Schwarze Sonne (Sonnenrad) darstellen – eines der bekanntesten deutschen rechtsextremen Erkennungssymbole der Neuzeit. Es besteht aus mehreren übereinanderliegenden Hakenkreuzen. Das Symbol erinnert an ein bekanntes SS-Ornament.

Ein Team von Reporterinnen und Datenexperten hat über mehrere Monate tausende Instagram-Accounts nach rechten Inhalten gefiltert und analysiert, mit Insidern gesprochen und die subtilen Strategien von rechten und rechtsextremen Gruppen aufgedeckt. In ihrer Recherche zeigen sie, wie Instagram benutzt wird, um junge Menschen in die rechte Szene einzubinden.

Rechter Aktivist spricht offen über die Strategie

Es gebe Workshops innerhalb der Szene, in denen es darum gehe: "Wie macht man Bilder? Wie soll das aussehen? Was ist verboten", sagt etwa eine ehemalige Aktivistin der rechtsextremen "Identitären Bewegung", die gegenüber CORRECTIV offen über die Strategien spricht.

Die rechten Netzwerke haben verstanden, welche Wirkung diese Plattform haben kann, um junge Unterstützer zu gewinnen, die von harten rechten Botschaften vielleicht abgestoßen wären.

Sie sollen "jung, agil, attraktiv" wirken, sagt der Fotograf Vadim Derksen, der für die AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) Bilder für Instagram produziert und der selbst Teil der JA ist. Seiner Aussage nach habe sein Landesverband Berlin über die Hälfte aller Neuzugänge über Instagram gewonnen. Er spricht CORRECTIV gegenüber offen über die Strategien für Instagram: "Wir sind noch ganz am Anfang".

Frauen als entscheidender Faktor

Die CORRECTIV-Recherche zeigt an mehreren Beispielen, dass Frauen dabei eine Schlüsselrolle einnehmen, weil sie nach außen als weniger aggressiv wahrgenommen würden. "Die Mädels sind dann mehr für das schöne Bild verantwortlich", sagt die ehemalige rechte Aktivistin.

Aus den mehr als 4.500 Accounts, die CORRECTIV in verschiedene Gruppen kategorisieren konnte, geht hervor, dass Frauen entscheidende Verbindungsfunktionen für die rechte Szene auf Instagram haben. CORRECTIV zeigt, wie vermeintlich unpolitische Posts von Influencerinnen auf rechte Inhalte und Seiten führen.

Die ehemalige Aktivistin der rechten Szene berichtet zudem, wie sie sich radikalisierte und wie sie lernte, andere Follower ins rechte Instagram-Milieu zu ziehen. "Ich als Frau würde niemals auf die Idee kommen, Kaiser-Marschmusik unter meine Bilder zu legen. Aber wenn ich das 20-Mal sehe, finde ich es lustig und mache es dann auch", sagt die 27-Jährige. "Man hat ein Feindbild, und dieses Feindbild versucht man so nach und nach, immer tröpfelnd den Leuten einzuflößen."

Instagram beruft sich auf eigene Standards

Hashtags und Emojis sind ein wichtiger Bestandteil der Strategie. Influencerinnen mischen harmlose Hashtags mit rechten Sprachcodes und Symbolen. Herzen in den Farben der Reichskriegsflagge oder Runenzeichen in den Biografien der Nutzer sind häufig benutzte Codes der Szene auf Instagram, die CORRECTIV in der Recherche offen legt. Die Recherche zeigt zudem, welche Sportevents, Rap-Musik oder Kleidungsmarken mit Bezug zur rechten Szene aktiv auf Instagram beworben werden, um junge Leute an sich zu binden, erst online, später auch offline.

Instagram teilte in einer Stellungnahme mit, dass es in den eigenen Standards "klare Regeln" für "gefährliche Individuen und Organisationen" auf Facebook und Instagram gebe. So würden "alle Inhalte, die diese Organisationen und Einzelpersonen und ihre Aktivitäten loben, unterstützen oder vertreten" von der Plattform entfernt. Das gelte auch für Symbole und Slogans, die "in Neonazi-Kontext" verwendet würden.

Ein Team von 350 Menschen – darunter auch solche, die Deutsch sprächen – kümmere sich darum, "extremistische Personen, Gruppen oder Inhalte" von Instagram fernzuhalten. Es untersuche etwa neue Trends bei Sprache und Symbolen und wisse, dass entsprechende Accounts ihre Aktivitäten "manchmal verschleiern."

Die Rechercheure von CORRECTIV hatten auch einen fiktiven Account angelegt, mit dem sie sich in rechte Kreise geklickt haben. Schon nach kurzer Zeit bekamen sie etliche rassistische Memes in ihren Feed gespült. In einem mit mehr als 1.000 Likes ist links eine Collage aus Fotos von dürren, schwarzen Kindern zu sehen, Überschrift: "Die brauchen unsere Hilfe!" – rechts eine Collage mit Fotos von offensichtlich geflüchteten Männern, dazu die Überschrift: "Die nicht!"

Auch bei Instagram: "Echokammern" wie auf Facebook

Es gibt Hinweise darauf, dass sich auch auf Instagram sogenannte Filterblasen, "Echokammern", bilden können. Durch diesen Effekt sehen Nutzer immer nur mehr von dem, was ihrem persönlichen Standpunkt entspricht, auch dem politischen. Ein Phänomen, das insbesondere Facebook betrifft.

"Eine der wichtigsten Funktionsmerkmale des Instagram-Algorithmus sind Vorschläge", sagt Expertin Carolina Are, die an der Universität London über die Verzerrung durch Algorithmen forscht. "Wer viele Beiträge eines bestimmten Stils 'liked', wird immer mehr vom gleichen vorgeschlagen bekommen". In der Folge würden Menschen nicht unbedingt ihre Meinung ändern – aber laut Are durchaus mehr polarisiert werden.

Die zu Facebook gehörende Plattform Instagram verhindert die von CORRECTIV dokumentierte Kommunikation nicht. "Ich kann garantieren, dass sich niemand bei Facebook, zumindest nicht in der Tiefe, angeschaut hat, wie deutsche rechtsextreme Accounts und Symbole erkannt oder bekämpft werden können", sagt Gregor Hochmuth, einer der ersten Entwickler von Instagram.

Das Recherchezentrum CORRECTIV hat über Monate tausende Accounts von Instagram analysiert, sowie mit Insidern und Experten gesprochen. Die vierteilige Serie finden Sie auf keinfilterfuerrechts.de. Das unabhängige Recherchezentrum CORRECTIV arbeitet gemeinnützig und finanziert sich über Spenden.
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