• Jeder zehnte Studierende ist in einer Geisteswissenschaft eingeschrieben, nur knapp drei Prozent der Absolventen sind arbeitslos gemeldet.
  • Trotzdem müssen viele sich rechtfertigen. "Was macht man damit?" ist die typische Frage. So können Geisteswissenschaftler darauf reagieren.
Eine Analyse

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Jede und jeder zehnte Studierende ist in einer Geisteswissenschaft eingeschrieben, Tendenz steigend. Nur 2,8 Prozent der Absolventen sind davon arbeitslos gemeldet, das entspricht in etwa dem Durchschnitt aller Akademiker. Trotzdem müssen sich Geisteswissenschaftler regelmäßig mit dem Vorwurf auseinandersetzen, keine wirklichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Besonders deutlich wird das in klassischen Smalltalk-Situationen.

Ich selbst studiere Kulturwissenschaft und habe das Phänomen schon oft miterlebt. Egal, ob Familienfeier oder WG-Party, schnell kommt das Thema auf die Berufsausbildung. Schon bei diesem Begriff wird das Dilemma deutlich. Zur Berufsausbildung zählen neben der schulischen Laufbahn genauso eine Lehre, aber auch das Studium. Trotzdem scheint nur eines relevant zu sein für die Ausbildung – der anschließende Beruf. Und so sieht man sich innerhalb weniger Sätze mit der typischen Frage konfrontiert:

"Und was macht man damit?" 

Diese Frage ist scheinbar wichtiger, als zu wissen, wie es einem gefällt oder ob man schon viel gelernt hat. Als erfolgreich gilt das Studium nur dann, wenn man auch zeitnah in einem vernünftigen Beruf landet. Aber was heißt schon vernünftig? Für den 60-jährigen Onkel auf der Familienfeier heißt das in der Regel, dass er den Beruf kennen muss, am besten also Lehrer, Arzt oder Anwalt. 

Wenn er aber nicht mal etwas mit dem Studiengang anfangen kann, ist das schwierig. Das wahre Interesse des Gegenübers an mir und meiner Berufsausbildung zeigt sich schon zu Beginn des Gesprächs, bei der Nennung des Studienganges. Kaum jemand kennt das Fach "Kulturwissenschaft", aber nicht jeder fragt nach. Viele versuchen krampfhaft, sich ein Bild aus der eigenen, vagen Vorstellung zu konstruieren. Diese geht meistens aber in eine falsche Richtung, sodass ich letztlich als Theaterwissenschaftler oder Museumsdirektor abgestempelt werde.

Gibt das Gegenüber aber zu, dass er den Studiengang nicht kennt, steht man vor der Herausforderung, diesen verständlich zu erklären und vor der Frage, in welche Richtung man das Gespräch lenken möchte. Mein Antwortrepertoire reicht von "Es geht darum, wie Menschen zusammenleben" über "Ziel ist es, Kulturen in ihrer Gesamtheit zu verstehen" bis hin zu "Es ist ein Verbundstudium aus den drei Fachbereichen Ethnologie, politische Wissenschaft und Medienwissenschaft". Zwar kann sich mein Onkel nun zumindest so halbwegs etwas darunter vorstellen, was ich seit fünf Semestern mache, was man damit im Leben anstellen soll, ist ihm aber nach wie vor ein Rätsel: "Was macht man denn damit beruflich?"

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Überzeugungsarbeit, Halbwahrheiten oder Ironie

Damit steht man vor einem erneuten und dem wichtigsten Scheidepunkt des Gesprächs, denn auch hier habe ich mir über die Jahre verschiedene Antwortmöglichkeiten zurechtgelegt. Zu Beginn meines Studiums habe ich jedem und jeder in aller Ausführlichkeit die Chancen und Potenziale der Kulturwissenschaft und der Geisteswissenschaften allgemein zu erklären versucht. Dass einem alle Türen offenstehen, dass man die Möglichkeit hat, in verschiedenen Branchen zu arbeiten und dass es durchaus auch ein Vorteil sein kann, breit aufgestellt zu sein. Und vor allem, dass man es noch nicht so genau weiß. Damit können Onkel wenig anfangen, so meine Erfahrung.  

Die zweite Möglichkeit ist es, die Berufsaussichten vorzufiltern und an Onkels Erwartungen anzupassen. Denn der möchte wie gesagt einen fertigen Beruf hören. Also antworte ich selbstbewusst und als stünde es schon lange fest, dass ich demnächst als Journalist arbeiten werde, dass ich schon ein Praktikum in diesem Bereich gemacht habe und, dass der Journalismus sowieso schon immer mein Ziel war. Das ist zwar in der Tat eine gute und erstrebenswerte Option für viele Geisteswissenschaftler, aber natürlich nicht der einzige Karriereweg. Mit einer solchen eindimensionalen Antwort aber ist mein Onkel erstmal zufriedengestellt und ich werde nicht mit weiteren skeptischen Fragen konfrontiert. 

Die dritte Option wende ich dagegen nur in speziellen Situationen an. Entweder, wenn nach Onkel am selben Abend auch noch drei weitere Familienmitglieder dieselben kritischen Fragen stellen oder wenn angetrunkene BWL-Studenten das Bierholen für einen Karriere-Smalltalk nutzen. Dann nämlich ist es mir zu viel, mich auf eine Diskussion einzulassen und die immer gleiche Kassette abzuspulen. Wenn mir beim Gegenüber schon klar ist, dass er mit einem Studium der Kulturwissenschaft nichts anfangen kann und nur in seinen festgefahrenen Mustern denkt, ist es Zeit für die Option Ironie.

Dann antworte ich auf die Frage "Was macht man denn damit?" trocken und ohne mit der Wimper zu zucken: "Gar nichts. Ich werde Taxifahrer."

Auch damit schafft man es, ungläubigen Blicken und anstrengenden Erklärungen aus dem Weg zu gehen. Ich werde zwar belächelt, aber wenigstens ist das Thema abgehakt.  

Über die Chancen eines Studiums der Geisteswissenschaft

Eigentlich aber schade, denke ich im Nachhinein. Schade, dass die Geisteswissenschaft so wenig Anerkennung genießt. Schade, dass es scheinbar erstrebenswerter ist, BWL oder Lehramt zu studieren. Und vor allem schade, dass ich meine Energie nicht verwendet habe, um für mein Studium, von dem ich überzeugt bin, einzustehen. Aber diese Bemühungen wäge ich immer öfter ab – und zwar unter verschiedenen Aspekten. Bei Menschen aus meinem nahen Umfeld zumindest ist es mir wichtig, dass sie verstehen, was ich da mache. Dass sie eine Vorstellung von meinem Studiengang haben und von den beruflichen Optionen. Aber vor allem ist mir wichtig, ihnen meine Perspektive auf das Studium zu verdeutlichen. Denn, so meine Meinung, beim Studieren geht es eben nicht nur darum, eine Berufsausbildung zu machen. Es geht darum, sich seinen Interessen zu widmen und sich weiterzubilden. Es geht darum, neue Dinge zu erfahren, offen zu sein für neue Gedanken und gleichzeitig eine kritische Haltung anzunehmen.   

Sicher möchte man das Studium auch nutzen für den Einstieg in das Berufsleben, aber es ist eben nicht der einzige Sinn und Zweck. Und trotzdem gelingt es. Natürlich wird es kaum eine Stellenausschreibung geben, die nach einem Kulturwissenschaftler sucht. Aber, das hat mich mein Studium gelehrt, es lohnt sich offen zu sein für Neues, bereit zu sein für neue Herausforderungen und kreativ zu werden. Denn die Türen stehen mir mit meinem Studium offen und das liegt vor allem an meiner veränderten Haltung. Ob ich nach meinem Studium dann in den Bereichen Medien und Journalismus lande oder in der Kulturbranche, ob ich in einem Wirtschaftsunternehmen in der Kommunikationsabteilung arbeite oder ob mein Arbeitsplatz das Auswärtige Amt wird, das weiß ich noch nicht. Trotzdem schaue ich optimistisch in meine Zukunft und genieße mein Studium. 

"Und was macht man dann damit?"

"Was man damit macht, kann man nicht so eindeutig sagen", erkläre ich meinem Onkel, "aber aktuell mache ich jedenfalls ein Praktikum in der Redaktion eines Online-Magazins und schreibe einen Artikel über die Gretchenfrage der Geisteswissenschaftler." 

Dies ist ein journalistisches Angebot des Online-Magazins ZEITjUNG.