Privatschulen haben Tradition in Österreich. Die wachsende Unzufriedenheit mit der österreichischen Regelschule beschert konfessionellen, alternativen und Elite-Privatschulen neuen Zulauf. Auch "Schulverweigerung" durch häuslichen Unterricht wird immer beliebter.

Vieles wird kritisiert an den staatlichen Schulen im Land: zu große Klassen, zu wenig Individualität, zu viel Lernstoff, zu viel Stress und zu wenig Freizeit klagen die einen. Schlechte Lehrer, nicht genügend Leistungsdruck und mangelnde Disziplin sagen andere. Dritte sehen eine Gefahr in den steigenden Ausländeranteilen. Und von diesen gegenläufigen Vorstellungen profitieren Privatschulen: mit klar definierten Angeboten erfüllen sie individuelle Wünsche ihrer Zielgruppen.

In Österreich besuchen rund zehn Prozent der Schüler eine Privatschule. Größter privater Schul-Erhalter ist die katholische Kirche, die etwa die Hälfte der 600 österreichischen Privatschulen betreibt, darunter auch 20 evangelische und vier jüdische Schulen. Gemeinsam ist allen konfessionellen Schulen, dass der Staat die Kosten für die Lehrer trägt. Dadurch können Schulgebühren relativ niedrig gehalten werden. Die Schulen können bei der Lehrerauswahl mitentscheiden, haben weitgehend Gestaltungsfreiheit und können ihre Schüler aussuchen. Seit jeher größtes Plus im Angebot der konfessionellen Privatschulen ist die Nachmittagsbetreuung - ein Angebot, das auch von weniger streng katholischen Eltern gerne in Anspruch genommen wird.

Alle anderen Privatschulen müssen ihre Lehrerschaft über Subventionen und aus Schulbeiträgen finanzieren. Eine lange Tradition, erfolgreiche Absolventen und die Aussicht auf ein wertvolles soziales Netzwerk machen die klassischen Privatschulen jedoch attraktiv. Sehr gefragt sind auch internationale Schulen, deren Unterricht durchgängig in Englisch oder Französisch abgehalten wird, wie die Vienna International School oder das Lycée Francais in Wien. Oft haftet diesen Schulen der Nimbus des Elitären an, denn die Aufnahmeverfahren sind streng, die Bewerber zahlreich und das Platzangebot ist beschränkt. Zudem sind die Kosten einzelner Schulen beträchtlich: 7.000 bis 20.000 Euro an reinen Schulkosten pro Jahr sind nicht ungewöhnlich. Dafür erwarten Eltern, dass Disziplin und Leistung entsprechend eingefordert werden.

Eine völlig andere Philosophie verfolgen die Waldorf- und Montessori-Schulen, die auf den pädagogischen Ideen von Rudolf Steiner bzw. Maria Montessori aufbauen. Waldorfschulen stellen in Österreich die zweitgrößte Gruppe der Privatschulen. Die Schüler verbringen zwölf Schuljahre miteinander, die ersten Jahre sogar mit gleichbleibendem Klassenlehrer. Projektunterricht, Schulpraktika, künstlerische und persönliche Entwicklung der Schüler stehen im Vordergrund. Die Matura wird nach der zwölften Klasse extern abgelegt. In Montessori-Schulen werden offener Unterricht und Freiarbeit unter dem Motto "Hilf mir, es selbst zu tun" noch stärker betont.

Wem keine dieser Schulformen zusagt, kann selbst eine Schule gründen oder sein Kind zu Hause unterrichten. Für den in Österreich anerkannten häuslichen Unterricht müssen Eltern dem Landesschulrat ihre Befähigung nachweisen: die Matura ist dafür gewöhnlich ausreichend. Jeweils am Ende eines Lernjahres wird der Fortschritt des Kindes überprüft; besteht es nicht, muss das Jahr in einer Regelschule wiederholt werden. Derzeit gibt es in Österreich geschätzte 1.000 Freilerner, die sich zunehmend untereinander vernetzen. Auch aus Deutschland ziehen Eltern zu, um dem deutschen Verbot des Heimunterrichts zu entgehen. Die vielen individuellen Lehr- und Lernansätze scheinen zu funktionieren: nur wenige Kinder fallen bei den Überprüfungen durch. Darüber, ob die Freilerner auch entsprechende soziale Kompetenzen entwickeln und später im Leben zurechtkommen, gibt es jedoch keine Studien.