Zweisprachige Kindergärten, Sport- und Entspannungskurse, Musikschule: Kindliche Frühförderung noch weit vor Schuleintritt ist modern. Aber ist sie auch sinnvoll? Was passiert, wenn Kinder überfordert werden, erklärt Primar Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz.

Wie sinnvoll ist kindliche Frühförderung?

Dr. Michael Merl: Bereiche, für die man Interessen wecken kann, in denen spielerisches Lernen oder spielerischer Umgang möglich sind, sind natürlich förderlich und gut für das Kind und seine Entwicklung. Bildung bedeutet für Kinder nicht nur, eine zweite Sprache oder rechnen zu lernen. Ein gesundes kindliches Gehirn ist so aufnahmefähig, dass es Neues förmlich "aufsaugt".

Wichtig ist, die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Entwicklungsschritte des Kindes zu kennen, in der Vorschulzeit nicht auf Leistung zu schauen und das Kind mit dem richtigen Maß zu unterstützen - am besten in Kontakt mit all jenen Personen, die das Kind auch kennen oder betreuen.

Wie kann sinnvolle frühkindliche Bildung aussehen?

Die Sprachentwicklung etwa ist in den ersten drei Lebensjahren so wichtig, dass Eltern nicht versuchen sollten, Kindern aus Ehrgeiz in dieser Zeit das Rechnen beizubringen, sondern mit der Sprache zu probieren, zu singen, Liedtexte zu erfinden. Man kann natürlich beim Einkaufen sagen: "Wir nehmen drei Äpfel und nochmal zwei Äpfel", verkehrt wäre aber, Rechenaufgaben zu stellen.

Es sei denn, das Kind interessiert sich von sich aus, dann ist es wichtig, zu steuern und ein Kind nicht zur Intelligenzbestie machen zu wollen, wenn es auf einem bestimmten Gebiet ein Talent hat. So läuft gesunde Bildung ab.

Soll man Kinder einfach verschiedenes probieren - und auch wieder aufhören - lassen?

Eltern sollen ihre Kinder Sachen probieren lassen, aber unterstützen und helfen, durchzuhalten - in einem altersgemäßen Ausmaß. Dabei ist Ausgewogenheit wichtig, denn zu frühkindlicher Bildung gehört auch das Gestalten sozialer Bindungen, das Aushalten von Frustration und Ärger, Teamfähigkeit und das Regulieren von Emotionen. Das ist entscheidend für eine gesunde Entwicklung und später wichtiger als Faktenwissen.

Manche Kinder sind eher kognitiv veranlagt oder super in der Wahrnehmung - Eltern und Betreuer müssen sensibel sein, ob das Kind irgendwo Entwicklungsdefizite hat oder an Grenzen stößt. Manche Kinder reagieren aggressiv, andere sagen selbst, wenn sie etwas nicht mehr freut.

Eltern müssen erkennen: Liegt das Desinteresse an der Darbietung, am Lehrer oder vielleicht an Überforderung? Man muss zugestehen, dass das Interesse an einer Sache nach einer Zeit erlischt.

An welchem Punkt kann es einem Kind zu viel werden?

Auch Kinder haben - häufig sogar selbstverursacht - Freizeitstress, wollen alles machen und brauchen jemanden, der ihnen sagt, dass zweimal Sport oder Musikunterricht pro Woche genug sind.

Kinder, die nicht reguliert werden, glauben, etwas zu versäumen. Gleichzeitig können sie aber nicht selbst entscheiden, was ihnen wichtiger ist. Sie müssen die Erfahrung machen können, nicht auf drei Geburtstagsfeiern zur gleichen Zeit sein zu können. Das auszuhalten ist auch Bildung - und eine wichtige Lernerfahrung.

Wie können Eltern wissen, was für das eigene Kind das Richtige ist und beibehalten werden soll?

Oft investieren Eltern in einen Kurs und das Kind soll diesen nicht einfach abbrechen. Natürlich wird man dann versuchen, den Sprössling zu motivieren. Oder man hat bereits für ein Jahr die Musikschule bezahlt. Da ist es natürlich klug, zu überlegen, ob das Kind mit fünf Jahren wirklich Geige spielen soll oder ob nicht Blockflöte oder die Singgruppe angemessener wäre.

Entscheidend ist, was das Kind sagt - auch zwischen den Zeilen. Es hilft, gemeinsam eine Liste mit wichtigen und weniger wichtigen Aktivitäten zu erstellen - Unwichtiges wird eben weggelassen. Das ist eine wichtige Lernerfahrung und ein positiver Zugang.

Wenn das Kind darauf besteht, beispielsweise den Tenniskurs abzubrechen, müssen Eltern den eigenen Frust überwinden. Man kann es so sehen: Kinder müssen verschiedene Sachen ausprobieren - und Tennis war's halt nicht.

Wann wird gutgemeinte Frühförderung für ein Kind schädlich?

Ein Kind, das Spezialinteressen hat, könnte zum Rückzug in diese Interessensgebiete neigen. Problematisch ist auch, wenn Eltern ihre Interessen oder Nicht-Erreichtes hineinprojizieren, das Kind ohne Rücksicht auf dessen Neigungen, Bedürfnisse oder Entwicklung drillen und in eine Leistungsschiene bringen wollen, die es beeinträchtigt.

Das kann auch Egoismus sein oder Angeberei, weil das eigene Kind schon mit einem Jahr weiter ist, als ein anderes. Man sieht das gut bei kleinen Mädchen, die von ihren Müttern in die Model-Schiene gedrängt werden.

Bekannt wurde der Fall von Amy Chua in den USA, die ihre Kinder durch ganz strengen Drill zu fördern versucht. Kann das noch gesund sein?

Viele Eltern haben natürlich die Karriere ihrer Kinder im Hinterkopf. Ab dem Vorschulalter versuchen viele dann, ihre Kinder unbewusst unter Druck zu setzen. Je eher das beginnt, desto pathologischer ist die Vorgeschichte der Eltern. Das passiert zwar nicht so häufig, kommt aber vor. Andererseits gibt es auch sehr talentierte Kinder, bei denen man nicht das Gefühl hat, sie stünden unter Druck. Und in diesen Fällen ist es auch gut, wenn Eltern unterstützen.

Woran kann man erkennen, dass dem Kind mehr geschadet als geholfen wird?

Das Kind bleibt möglicherweise in anderen Entwicklungsbereichen - etwa Motorik, Wahrnehmung, Sprache, soziale Fertigkeiten - auf der Strecke, entwickelt Scheu vor Kontakten oder kann diese nur schwer regulieren. Das heißt nicht, dass es nicht im Sandkasten einmal Streit haben kann, sondern es Frustration gar nicht aushält und jedes Mal zu Auffälligkeiten neigt.

Dann sollten Eltern durchaus mit dem Kindergarten sprechen, die Mitarbeiter sehen das ja auch, man könnte gemeinsam das Kind unterstützen. Je nach Kontext ist gegebenenfalls Hilfe von Außen, zum Beispiel durch Familienberatungsstellen, sinnvoll.