• Ungewöhnlich viele Kinder werden gerade in Krankenhäusern behandelt, weil sie sich mit dem RS-Virus infiziert haben.
  • Die Welle bereitet Eltern Sorgen: Wie kann man sein Kind schützen?
  • Wir beantworten wichtige Fragen rund um das Virus.

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Immer mehr Kinder stecken sich aktuell mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus an, das kurz als RS-Virus oder RSV bezeichnet wird. Von "Katastrophenzuständen" angesichts der heftigen RSV-Welle spricht der Kinder-Intensiv- und Notfallmediziner Florian Hoffmann, der zur derzeitigen Entwicklung bei Kleinkindern sagt: "Es ist keine Kurve mehr, sondern die Werte gehen senkrecht nach oben."

In mehreren Bundesländern, darunter Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, gebe es schon jetzt kaum ein freies Kinderbett in Kliniken mehr. Viele Eltern machen sich Sorgen um ihre Kinder und fragen sich, wie sie vorbeugen können und wann sie mit einem Kind ins Krankenhaus fahren sollten.

Wir erklären unter anderem, was hinter dem Virus steckt, was die Symptome einer Erkrankung sind und wie Eltern ihre Kinder vor dem RS-Virus schützen können.

Was ist das RS-Virus?

Bei dem Erreger handelt es sich um ein weltweit verbreitetes Virus, das ausschließlich Menschen befällt und Atemwegsinfektionen verursacht. Besonders häufig erkranken Säuglinge und Kleinkinder. Übertragen wird RSV insbesondere durch Tröpfchen, also wenn ein Infizierter niest oder hustet.

Was sind typische Symptome?

Das RS-Virus verursacht typische Symptome einer Atemwegsinfektion: "Dazu zählen unter anderem zäher grüner Nasenschleim, trockener und bellender Husten mit Schleimauswurf im Verlauf sowie in einigen Fällen Durchfall", erklärt Torsten Kautzky, Chefarzt der Kinderklinik am Marien-Hospital in Papenburg. "Fieber ist eher selten."

Wie häufig sind Infektionen?

Infektionen mit dem RS-Virus sind sehr häufig: Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge haben 50 bis 70 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr und bis zum Ende des zweiten Lebensjahres nahezu alle Kinder mindestens eine Infektion mit RSV durchgemacht. Im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen waren viele solche Infektionen allerdings zeitweise ausgeblieben.

Wann treten die meisten Infektionen auf?

RSV-Infektionen treten ähnlich wie die Grippe saisonal auf: Laut RKI gibt es in Europa von November bis April die meisten Infektionen. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Infektionen sehr früh an: schon Anfang September – und damit zwei Monate früher als sonst. Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (PDF) schrieb von einer "ungewöhnlich starken RSV-Zirkulation außerhalb der bisherigen typischen Zeiträume".

Wie wird das Virus diagnostiziert?

In vielen Fällen gar nicht. Wenn Eltern mit ihrem Kind zu einem Kinderarzt gehen, wird der in der Regel nicht auf RSV testen, da es eine Vielzahl von Erkältungsviren gibt, die ähnliche Symptome auslösen. Die Behandlung ist in diesen Fällen gleich. Manche Kinderkliniken führen PCR-Tests durch, andere diagnostizieren das RS-Virus anhand der Symptome.

Wie ist die Situation aktuell in den Krankenhäusern?

Die Lage aktuell sei schlimmer als 2021, sagt Florian Hoffmann. Nicht nur in Deutschland, generell auf der Nordhalbkugel gebe es ein "dramatisches epidemisches Geschehen". Betroffen seien viele Kinder von ein oder zwei Jahren, die - auch angesichts der Corona-Pandemie und der dagegen getroffenen Maßnahmen - bisher keinerlei Kontakt zum RSV hatten.

Im aktuellen RKI-Wochenbericht heißt es, die Zahl akuter Atemwegserkrankungen generell sei nach Daten der Online-Befragung "GrippeWeb" im Vergleich zur Vorwoche deutlich gestiegen. In der Woche bis 20. November lag sie demnach mit etwa sieben Millionen über dem Bereich vorpandemischer Jahre.

Dies schlägt sich auch in der Erfassung der mit schweren akuten respiratorischen Infektionen (Sari) neu im Krankenhaus aufgenommener Patientinnen und Patienten nieder: Aktuell werden bedingt durch die ungewöhnlich starke RSV-Zirkulation deutlich mehr Sari-Fälle bei den bis Vierjährigen verzeichnet als in den vorpandemischen Jahren und im Vorjahr. Auch in den folgenden Altersgruppen bis 14 Jahre liegen die Sari-Werte demnach auf einem sehr hohen Niveau.

Zur Situation in der Kinderintensivmedizin will die Divi kommende Woche in Hamburg neue Zahlen - und damit einhergehende Forderungen und Lösungsvorschläge zur Verbesserung der Versorgung schwerstkranker Kinder - vorstellen. "Wir werden diesen Winter nicht mehr alle versorgen können. Die Kollegen landauf, landab wissen nicht wohin mit unseren kleinen Patienten."

Wieso stecken sich vor allem Kinder mit dem RS-Virus an?

"Bei Kindern bildet sich das Immunsystem erst noch aus", sagt Reinhard Berner, Leiter der Unikinderklinik in Dresden. Kinder bauen erst eine Immunität gegen bestimmte Erreger auf, nachdem sie Kontakt mit diesen hatten. "Das ist ein Prozess, der seine Zeit braucht."

Nach dem zweiten Kontakt mit einem Erreger ist das Immunsystem meistens für eine gewisse Zeit gut trainiert, um diesen abzuwehren. Aber es besteht keine lebenslange Immunität: Am RS-Virus können Kinder immer wieder erkranken, auch Erwachsene können die Infektion bekommen – insbesondere dann, wenn sie engen Kontakt mit Kleinkindern haben.

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Welche Kinder sind besonders gefährdet?

An RSV kann man in jedem Alter erkranken, aber vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern ist der Erreger bedeutsam. Es kann sich um eine einfache Atemwegsinfektion handeln, aber auch schwere Verläufe bis hin zum Tod sind möglich. Zu Risikopatienten zählt das RKI zum Beispiel Frühgeborene und Kinder mit Lungen-Vorerkrankungen, aber auch generell Menschen mit Immunschwäche oder unterdrücktem Immunsystem.

Beim RKI heißt es unter Berufung auf Schätzungen, dass RSV-Atemwegserkrankungen weltweit mit einer Inzidenz von 48,5 Fällen und 5,6 schweren Fällen pro 1.000 Kindern im ersten Lebensjahr vorkommen.

Wie werden betroffene Kinder behandelt?

"Da es ein Virus ist, helfen keine Antibiotika und der Infekt muss auskuriert werden", sagt Torsten Kautzky. "Im Krankenhaus wird Kochsalzlösung inhaliert, Flüssigkeit zugeführt und wenn notwendig, erhalten Patienten eine Sauerstoffzugabe."

Wann sollten Eltern mit ihrem Kind ins Krankenhaus?

Der erste Ansprechpartner sollte der niedergelassene Kinderarzt sein. "Wenn Eltern verunsichert sind, ist es ratsam, lieber einmal mehr den Arzt aufzusuchen als zu wenig", erklärt Kautzky.

Es gibt allerdings Alarmzeichen, bei denen Eltern aufmerksam werden sollten: Leiden die Kinder offensichtlich unter Atemnot, brauchen sie medizinische Hilfe. "Husten kommt auch bei anderen Atemwegsinfektionen vor, aber wenn Eltern sehen, dass Kinder die Haut zwischen den Rippen und unter dem Kehlkopf beim Atmen stark einziehen, dann bekommen sie nur schwer Luft und könnten insofern unter einem Sauerstoffmangel leiden", sagt Berner.

Wie können Eltern ihre Kinder vor dem RS-Virus schützen?

Letztlich gar nicht, da RSV sehr weit verbreitet ist. Die klassischen Hygienemaßnahmen wie regelmäßiges Händewaschen helfen natürlich, aber wenn Kinder engen Kontakt zu anderen Kindern haben, lassen sich Infektionen oft nicht vermeiden.

Die Informationen in diesem Artikel ersetzen keine persönliche Beratung und Behandlung durch eine Ärztin oder einen Arzt.

Über die Experten: Professor Dr. Reinhard Berner ist Klinikdirektor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden. Er ist Vorstandmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und war von 2005 bis 2009 und von 2015 bis 2017 Präsident und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI).
Torsten Kautzky ist Chefarzt der Kinderklinik am Marien-Hospital in Papenburg. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Als Neuropädiater ist er auf die Entwicklung und Erkrankungen des Nervensystems bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert.

Verwendete Quellen:

  • dpa: "RSV-Welle bei Kleinkindern: "Werte gehen senkrecht nach oben", 25.11.2022
  • Robert-Koch-Institut: Respiratorische Synzytial-Virus-Infektionen (RSV)
  • Lungeninformationsdienst: RS-VIRUS (Respiratorisches Synzytial-Virus)
  • Robert-Koch-Institut: Arbeitsgemeinschaft Influenza, ARE-Wochenbericht: Aktuelles zu akuten respiratorischen Erkrankungen