• Russland präsentierte den ersten zugelassenen Impfstoff gegen das Coronavirus. Bis heute sind aber nur rund 15 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft.
  • Vor allem in Moskau und Sankt Petersburg ist die Lage ernst.
  • Unternehmen sollen ihre Belegschaften dort jetzt zu Impfungen verpflichten.

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Am Anfang hatte Russland die Nase vorn. Schon am 11. August 2020 verkündete Präsident Wladimir Putin, dass das Moskauer Gamaleya-Institut den weltweit ersten Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt habe. Noch bevor die klinischen Studien abgeschlossen waren, wurde "Sputnik V" zugelassen. Eine von Putins Töchtern gehörte zu den ersten Impflingen.

Fast ein Jahr später kommen aus Russland allerdings beunruhigende Zahlen. Der amerikanischen Johns Hopkins Universität zufolge steigt die Zahl der täglichen Neuinfektionen im Land seit Mitte Juni stark an. In den vergangenen Tagen lag sie jeweils bei über 20.000. Gestorben sind an oder mit dem Virus bisher rund 132.000 Menschen.

Das ist weltweit die vierthöchste Zahl nach den USA, Indien und Brasilien. Allein am Dienstag verzeichnete die Johns Hopkins Universität für das Land 643 Todesfälle – die höchste Zahl seit Beginn der Pandemie. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Mittwoch bei 96,1.

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Erst 15 Prozent einmal geimpft

Besonders angespannt ist die Lage in den großen Städten: In Moskau meldeten die Behörden in der vergangenen Woche den Rekordwert von mehr als 9.000 Neuinfektionen pro Tag. Die Stadt will die Zahl der Krankenhaus-Betten jetzt schnell von 17.000 auf 24.000 erhöhen.

Mehr als 90 Prozent der neuen Fälle gehen Medienberichten zufolge inzwischen auf die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus zurück. Auch in der zweitgrößten Stadt Sankt Petersburg, wo am Freitag das Fußball-EM-Viertelfinale Schweiz- Spanien stattfindet, wurde die Grenze von 1.000 täglichen Neuinfektionen überschritten.

Ein zentrales Problem ist die weitverbreitete Impfskepsis. Obwohl das Land früher als andere mit dem Impfen begonnen hat, haben erst 15 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis erhalten. 11,8 Prozent gelten als vollständig geimpft.

Dem im eigenen Land entwickelten Sputnik V stehen vielen Menschen offenbar skeptisch gegenüber. Gleichzeitig schüren offizielle Stellen Zweifel an den Vakzinen des Auslands: Das Gamaleya-Institut behauptet, sie würden weniger gut gegen die neuen Virusvarianten wirken als Sputnik V.

60 Prozent lehnen Impfung ab

Dem russischen Meinungsforschungsinstitut Levada zufolge wollen sich rund 60 Prozent der Russen nicht mit Sputnik V impfen lassen. Besonders groß ist die Ablehnung unter den 18- bis 24-Jährigen, von denen 75 Prozent keine Impfung wollen.

Mehr als 50 Prozent der befragten Russen geben an, dass sie keine Angst haben, sich mit dem Virus zu infizieren. Die letzten Befragungen fanden allerdings im April statt – möglicherweise hat sich vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen daran etwas geändert.

Die drei Phasen der Impfstofftestung.
Die drei Phasen der Impfstofftestung, die Dauer bezieht sich auf Durchschnittwerte. Beim Coronavirus kann die Entwicklung und Zulassung bei gleichbleibender Sicherheit beschleunigt werden, weil zeitgleich getestet, geprüft und ausgewertet wird. Darüber hinaus stehen wegen der laufenden Pandemie auch ausreichend freiwillige Testpersonen zur Verfügung.

Die Maßnahmen gegen die Pandemie galten in Russland lange als lasch. Auch in der Berichterstattung des vom russischen Staat finanzierten Fernsehsenders Russia Today spielt die Pandemielage in Russland keine große Rolle. Stattdessen ist dort viel Kritik an der Strategie des Westens zu finden.

Impfpflicht in 18 Regionen

Nun sehen sich mehrere Regionalregierungen zu drastischen Schritten gezwungen. In Moskau hat Bürgermeister Sergej Sobjanin eine Impfpflicht eingeführt. In der Hauptstadtregion ist jeder zu einer Impfung verpflichtet, der beruflich Kontakt mit vielen anderen Menschen hat.

Unternehmen aus der Gastronomie, dem Gesundheitswesen, dem Einzelhandel und dem Bildungs- und Kulturbereich müssen dafür sorgen, dass sich mindestens 60 Prozent der Belegschaft impfen lassen. Das Gleiche gilt für Banken, Postämter oder Fitnessstudios. Mitarbeitenden, die sich weigern, sollen die Arbeitgeber den Lohn verweigern. Bars und Restaurants darf nur noch betreten, wer immunisiert ist oder einen PCR-Test vorweisen kann.

Der Region Moskau folgten weitere. Impfpflichten für bestimmte Berufsgruppen gelten zum Beispiel auch in Sankt Petersburg, in Nischni Nowgorod, Murmansk und in mehreren Gegenden in Russlands fernem Osten. Insgesamt 18 russische Regionen haben inzwischen eine Impfpflicht eingeführt – das gab der Koordinierungsrat der Zentralregierung bekannt.

Die Maßnahmen führen zum Teil zu heftigem Widerspruch. Gleichwohl sieht sich die Regierung in ihrem Kurs bestärkt: Vor allem in Moskau stehen die Menschen inzwischen Schlange, um eine Impfung zu bekommen.

Verwendete Quellen:

  • Johns Hopkins University & Medicine: Coronavirus Resource Center
  • Aerzteblatt.de: Russische Forscher veröffentlichen erstmals wissenschaftliche Daten zu Sputnik-V-Impfstoff
  • Corona-in-Zahlen.de: Corona-Zahlen für Russland
  • Interfax: Обязательную вакцинацию с понедельника введут еще в восьми регионах РФ
  • Our World in Data: Coronavirus (Covid-19) Vaccinations
  • Russia Today: Russia's Sputnik V Covid-19 jab less specific to Delta variant, but still offers better protection than other vaccines – makers
  • Yuri Levada Analytical Center: Coronavirus and Vaccination
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