Die Attentäter der Columbine High School, Tim Kretschmer, Anders Breivik: Diese Amokläufer haben unfassbare Taten begangen und damit die Welt geschockt. David Ali S., der Attentäter von München, hat sie sich zum Vorbild genommen. Und wäre vielleicht selbst zu einem geworden, wenn die Polizei nicht einen 15-Jährigen aus dem Kreis Ludwigsburg festgenommen hätte, der offenbar einen Amoklauf an einer Schule geplant hatte.

In den zwei Wochen nach einer schlagzeilenträchtigen Tat steigt die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Amoklauf um 22 Prozent, hat eine US-Studie ergeben. Die Forschung kennt diesen Nachahmungseffekt von Selbstmorden, da sprechen Wissenschaftler vom "Werther-Effekt".

Kurz gesagt: Ein Mensch in einer misslichen Lage hört von einem Selbstmörder, identifiziert sich mit ihm, und entschließt sich dann, den selben Weg zu gehen. Das kann man auch auf Amokläufer übertragen, sagt Kriminalpsychologin Karoline Roshdi: "Ein Fall wie München kann als Trigger funktionieren."

Amokläufer werden "verehrt"

Roshdi hat zusammen mit Jens Hoffmann das Buch "Amok und andere Formen schwerer Gewalt" herausgegeben. Darin unterscheiden sie übrigens klar zwischen sogenannten Trittbrettfahrern – die aus Geltungsdrang Taten ankündigen, ohne sie ernsthaft umsetzen zu wollen – und Nachahmungstätern.

"Gerade bei Amokläufern, die viele Menschen töten, sehen wir, dass sie sich mit aus Ihrer Sicht 'berühmten' Vorbildern beschäftigt haben: mit den Columbine-Attentätern, Robert Steinhäuser oder wie in diesem Fall auch Anders Breivik. Die sehen sich mit diesen Leuten in einer Gruppe", sagt Psychologin Roshdi. Ihre Kollegen Frank J. Robertz und Ruben Wickenhäuser sprachen in einem Beitrag gar davon, dass diese Vorbilder von ihren Nachahmern "verehrt" würden.

Vorbilder suchen potenzielle Täter auch in der Popkultur, in Filmen oder Computerspielen. "Sie imitieren manchmal Waffen, manchmal eine bestimmte Kleidung, manchmal sogar einen bestimmten Tathergang." Besonders augenfällig war das etwa beim Columbine-Duo, das lange Lederjacken wie aus dem Film "Die Matrix" trug. Die Schuld für Amokläufe allerdings bei Filmen oder Computerspielen zu suchen, davon ist Karoline Roshdi weit entfernt: "Ein Film allein macht keinen Täter. Diese Leute nutzen so etwas eher, um in einen bestimmten Modus zu kommen."

"Die Täter dürfen nicht stilisiert werden"

Bei Nachahmungstätern handele sich oft um unglückliche Menschen, die andere für ihre krisenhafte Lage verantwortlich machen, und diese Situation mit Gewalt lösen wollen, sagt Roshdi. Ihre Vorbilder wähnten sie in einer vergleichbaren Situation: "Auch mein Vorbild wurde gemobbt." Dazu kommt das, was Roshdi die "narzisstische Ebene" nennt - potenzielle Amokläufer sehen, dass sie berühmt werden können.

Genau an diesem Punkt sollte deswegen auch die Prävention ansetzen, meint Roshdi. Vor allem die Medien müssten umdenken. Bei Suizidfällen gibt es die Übereinkunft, nur sehr zurückhaltend zu berichten. Das dürfte bei Nachrichtenlagen wie in München schwer umzusetzen sein. "Aber man sollte die Täter nicht stilisieren", fordert Roshdi. "Man könnte sie zum Beispiel gar nicht oder nur verpixelt zeigen."

Auch die einfachen Erklärungsmuster sind der Psychologin ein Dorn im Auge. Er wurde gemobbt, also wurde er zum Amokläufer? "Es ist viel komplizierter als das. Wenn der Kausalzusammenhang nicht so einfach hergestellt wird, fällt die Imitation viel schwerer." Gleichzeitig sollten die Medien auf die Schwäche des Täters hinweisen, und auch auf die Folgen - mit der gebotenen Rücksicht auf die Opfer und ihre Angehörigen." Unter diesen Prämissen könnte auch die Prävention in der Schule ablaufen – und damit der Nachahmungseffekt abgeschwächt werden.