Das Coronavirus droht die Weltwirtschaft aus der Bahn zu werfen. Längst rechnen Analysten mit Effekten, die die Sars-Epidemie in den Schatten stellen. Daran tragen auch die Unternehmenslenker eine Mitschuld.

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Börsen folgen ihrer eigenen Logik – und die kann manchmal zynisch sein. Als am vergangenen Sonntag die Opferzahlen der Corona-Epidemie erstmals die des Sars-Virus aus dem Jahr 2003 in den Schatten stellten, eilten die weltweiten Aktienindizes gerade von Höchststand zu Höchststand. Befeuert von guten Werten aus der Automobilbranche erreichte der deutsche Leitindex DAX mit 13.758,70 Punkten ein neues Rekordhoch, der EuroStoxx50 taxierte am gleichen Handelstag so hoch wie seit zwölf Jahren nicht mehr.

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Doch die Euphorie der letzten Wochen könnte trügerisch sein. Experten schätzen, dass die Auswirkungen der Lungenkrankheit auf China und die Weltwirtschaft weitaus drastischer anmuten als das Sars-Virus 2003. Analysten der Deutschen Bank sprechen sogar schon von einer Rezession, die Deutschland droht. "Wenn unsere Annahme zutrifft, dass das Auftreten des Coronavirus das deutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um rund 0,2 Prozentpunkte dämpfen könnte, könnte es zu einer technischen Rezession in Deutschland kommen", schreibt Stefan Schneider, Chefökonom für Deutschland. Dieses Szenario wertet Schneider als "zunehmend wahrscheinlich".

Coronavirus: Zustand in Wuhan trifft die Automobilbranche hart

Ein erstes Warnsignal senden jüngste Zahlen der Autoindustrie. Allein in China erwirtschaftet die deutsche Automobilbranche an jedem Arbeitstag etwa 600 Millionen Euro Umsatz und ist damit das Zugpferd des hierzulande wichtigsten Arbeitgebers. Nach Zahlen des chinesischen Verbands der Automobilhersteller (CAAM) sind die gesamten Autoverkäufe in China im Januar um 20 Prozent eingebrochen.

Auf Bildern aus den vom Coronavirus betroffenen Regionen Chinas tragen die Menschen häufig Mundschutz oder Atemschutzmaske. Apotheken berichten auch hierzulande von steigender Nachfrage. Muss man sich tatsächlich schützen?

Für die ersten zwei Monate des Jahres schätzt der chinesische Verband für Personenwagenhersteller (PCA), dass die Zahlen sogar um 30 Prozent fallen könnten. Denn Wuhan, das Epizentrum des Krankheitsausbruchs, ist eines der wichtigsten Zentren der chinesischen Autoindustrie. Hunderte Zulieferer unterhalten in der Provinz Hubei Fabriken, in denen unter anderem Getriebe, Lenksysteme und andere Fahrzeug-Komponenten über das Fließband laufen.

Als die chinesische Regierung die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest wegen Corona um zwei Wochen verlängerte, standen wochenlang die Bänder still. Erst an diesem Wochenende will beispielsweise BMW seine drei Werke in Shenyang anlaufen lassen – wie lange das dauert, ist ungewiss. Und auch außerhalb von China kämpfen die Autobauer mit den Folgen von Corona: Der koreanische Autohersteller Hyundai musste wegen ausbleibender Lieferungen seine Fabriken in Südkorea schließen, Nissan fuhr eine Produktionsstätte in Japan herunter und Fiat-Chrysler droht mit Werksschließungen in Europa.

Im letzten Jahrzehnt ist die Volksrepublik rasant aufgestiegen

Die Autoindustrie ist nur eines von vielen Beispielen dafür, welche verheerende Wirkung das Coronavirus auf die global verzahnten Lieferketten entfaltet. Das liegt auch am rasanten Aufstieg der Volksrepublik innerhalb des letzten Jahrzehnts. Stand China während der Sars-Epidemie 2003 für gerade einmal sechs Prozent des Welthandels, so ist dieser Wert heute auf 16 Prozent gestiegen.

In bestimmten Branchen sind die Abhängigkeiten noch größer: In der Textil- und Kleidungsbranche liegt der chinesische Exportanteil bei 40 Prozent, in der Möbelindustrie bei einem Viertel. Ähnlich die Entwicklung im Bergbau: Importierte China während Sars nur sieben Prozent aller Rohstoffe wie Metalle, Mineralien und Erden, so liegt der Marktanteil heute bei rund 20 Prozent. Diese Abhängigkeiten rächen sich jetzt.

Apple leidet doppelt unter Covid-19 - verzögerter Start des neuen iPhones?

Zuletzt haben das auch Apple-Käufer zu spüren bekommen – denn in China bleiben die Apple-Stores vorerst geschlossen. Doch leere Verkaufshallen sind für das Unternehmen aus dem Silicon Valley das kleinere Problem. Verheerender sind die Einschnitte bei der chinesischen Firma Foxconn, dem wichtigsten Auftragsfertiger Apples. In Fabriken, deren Flächen teilweise so groß wie 250 Fußballfelder sind, schrauben normalerweise bis zu 100.000 Menschen iPhones, iPads oder MacBooks zusammen. Doch momentan stehen die Bänder still.

Wegen der aktuellen Reisebeschränkungen konnten nur zehn Prozent der Belegschaft nach den Neujahrsferien an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Die geplante Wiederaufnahme des Betriebs in Shenzen und in Zengzhou wurde verschoben. Und damit die Vorbereitungen auf die Produktion der neuen iPhone-Generation (2020), die demnächst anlaufen soll.

In einem ähnlichen Dilemma steckt auch Petagron, Apples zweiter großer Auftragnehmer in China. Nun droht Apples gesamte Jahresplanung durcheinanderzugeraten, selbst ein verzögerter Start des neuen iPhones scheint nicht mehr ausgeschlossen.

Apple ist kein Einzelfall in der Elektronikbranche. Denn mit Wuhan ist ausgerechnet das "Silicon Valley“ Chinas zum Epizentrum der Corona-Epidemie geworden. Die Millionenstadt ist der industrielle Schwerpunkt Mittelchinas und beheimatet auch einige der fortschrittlichsten Entwickler von Speicherkarten und Rechenchips. Gebeutelt von der Krise sagten deshalb die Größen der Mobilfunkbranche ihre Teilnahme am Mobile World Congress (MWC), dem wichtigsten Fachtreffen der Mobilfunkhersteller Ende Februar, ab, bis am Ende nur noch Huawei übrig blieb.

Am Mittwochabend gaben die Hersteller dann auf. "Mit Blick auf die Sicherheit und Gesundheit in Barcelona und dem gesamten Gastland wurde beschlossen, die MWC Barcelona 2020 abzusagen. Die weltweite Sorge über die Corona-Epidemie, verbunden mit eingeschränkten Reisemöglichkeiten macht es unmöglich, die Veranstaltung durchzuführen", hieß es in einer Stellungnahme, die der Veranstalter, die Branchenvereinigung GSM Association (GSMA), auf der Website der MWC Barcelona veröffentlichte.

Fluggesellschaften haben China-Flüge vorerst gestrichen

Vor ähnlichen Verwerfungen wie im produzierenden Gewerbe steht auch der Dienstleistungssektor. Die EU-Kommission schätzt, dass vor allem die Tourismus- und Reisebranche die Auswirkungen der Lungenkrankheit zu spüren bekommt, denn China steht für 18 Prozent der weltweiten Reiseausgaben.

Die Hoffnung vieler Airline-Manager, dass die Ausbreitung schnell in den Griff zu bekommen sei, hat sich längst atomisiert. So will die Lufthansa-Gruppe mit ihren Töchtern Austrian Airlines und Swiss das chinesische Festland bis zum 28. März nicht mehr anfliegen, selbiges gilt für die weltweite Konkurrenz von American Airlines bis Virgin Atlantic. Betroffen sind auch die Flüge nach Hongkong, auf denen die Flugpläne derzeit nur eingeschränkt abgeflogen werden.

Die in der Sonderverwaltungszone ansässige Fluggesellschaft Cathay Pacific hält Dutzende Flugzeuge am Boden und hat Hunderte Mitarbeiter in den Zwangsurlaub geschickt. Insgesamt haben laut Internationaler Luftverkehrsvereinigung ICAO 70 Airlines ihre Flüge von und nach China eingestellt. Das wiegt besonders schwer, zumal viele Fluggesellschaften ein deutliches Wachstum bei Flügen nach China eingeplant hatten. Nun rechnen Experten mit heftigeren Folgen als bei Sars – und schon damals hatte der Weltairlineverband IATA den Schaden auf zehn Milliarden Dollar taxiert.

Corona-Krise teilweise ein hausgemachtes Problem

Die Wucht, mit der Corona auf die Märkte drückt, kommt für viele Firmen überraschend. Dabei ist Corona nicht der erste Schatten, den die Abhängigkeit von Asien auf die Weltwirtschaft legt. Schon der Tsunami in Japan 2011 und die Flutkatastrophe in Thailand hatten viele Produktionsstätten über Wochen lahmgelegt.

Zuletzt hatte auch der Handelsstreit zwischen China und den USA gezeigt, welche Verwerfungen Unternehmen drohen, die ihre Lieferketten allzu sehr auf die Volksrepublik fixieren. Die Corona-Krise ist deshalb in Teilen auch ein hausgemachtes Problem.

China hat längst Vertrauen eingebüßt

Noch lässt sich der volkswirtschaftliche Schaden nicht beziffern. Die EU rechnet damit, dass die Wirtschaft der Euro-Zone in diesem und dem nächsten Jahr trotz Corona um 1,2 Prozent wächst – basierend auf der Annahme, dass die Epidemie im ersten Quartal 2020 ihren Höhepunkt erreicht und die Auswirkungen auf den Rest der Welt begrenzt sind. Noch wagt sich jedoch kaum ein Gesundheitsexperte zu behaupten, dass der Höhepunkt der Ansteckungswelle erreicht ist.

Fest steht aber schon jetzt, dass Corona Chinas Reputation als verlässlicher Handelspartner empfindlich schwächen wird. Die Taktik der chinesischen Führung, das wahre Ausmaß der Corona-Krankheit über lange Zeit zu verschleiern, erweckt den Eindruck, dass China seit Sars wenig gelernt hat und kostet Vertrauen. Das aber ist eine Währung, die nicht nur an der Börse zählt.

Verwendete Quellen:

  • Cash.ch: Coronavirus gefährdet Lieferketten der Automobilbranche
  • ARIVA.DE: VIRUS - Chinesischer Automarkt bricht im Januar ein
  • The Economist: How China’s coronavirus epidemic could hurt the world economy
  • TIME: How the Coronavirus Epidemic Could Upend the Global Economy
  • The Economist Times: Coronavirus to have larger impact on global economy than SARS: IHS Markit