Der eine ist noch ganz frisch im Amt, der andere geht in Kürze. Aber die Bundespräsidenten aus Österreich und Deutschland stehen ziemlich eng beieinander. Vor allem eint sie die Sorge um Europa.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und sein deutscher Amtskollege Joachim Gauck haben gemeinsam zum Widerstand gegen europakritische und nationalistische Tendenzen aufgerufen.

"Nationale Souveränität ist eine Illusion", sagte Van der Bellen auf einer Pressekonferenz mit Gauck in Berlin. Es gebe "überhaupt keinen Grund, in vorauseilendem Gehorsam vor den Vertretern der Kleinstaaterei in die Knie zu gehen".

Das "Brexit"-Votum der Briten sei eine "tragische Fehlentscheidung" gewesen. Es habe aber vielen vor allem jüngeren Menschen die Augen geöffnet. "Sie haben verstanden, dass es um ihre Zukunft geht."

Gauck: Brauchen ein "Europa der Solidarität"

Gauck beschwor ein "Europa der Solidarität", das dem Einfluss nationalistischer Strömungen in Europa entgegenzusetzen sei. Dieser sei derzeit viel größer als in der Vergangenheit, sagte Gauck.

Zwar seien einige Kompetenzen möglicherweise besser bei den Nationalstaaten angesiedelt, sagte Gauck. "Aber wir wollen nicht alles rückabwickeln." Auch bei kritischen Themen wie dem Flüchtlingszuzug müsse immer das Verbindende in den Vordergrund gestellt werden.

Kritik an türkischem Wahlkampf in Deutschland

Auf die Frage, was Van der Bellen davon hält, dass türkische Politiker im Ausland für ihre Politik werben, antwortete Van der Bellen: "Wir haben ja auch keinen Wahlkampf in Deutschland gemacht." Die Sache sei "heikel".

Man solle zwar "nicht alle Türen zuschlagen", sagte Van der Bellen, aber: "Die Freiheitsrechte wurden nicht erkämpft für die Macht eines Ministers, im Ausland Wahlkampf zu machen."

Österreich "ein bisschen sensibel"

Zum deutsch-österreichischen Verhältnis sagte Van der Bellen: "Wir kennen einander sehr gut - historisch, praktisch und menschlich." Als viel kleineres der beiden Länder seien die Österreicher immer "ein bisschen sensibel", wenn man sie als kleinen Bruder oder Neffen behandele. Aber dies habe sich "sehr verbessert".

Gauck sagte über den neuen Präsidenten in Wien: "Sie sind für viele Deutsche ein Sympathieträger."

"Ich kann gut nachvollziehen, wie es ist, nicht frei reisen zu können", sagte der Bundespräsident. Die DDR habe ihm einmal die Ausreise verweigert. Auch deshalb sei die EU für ihn "ein Garant der Freiheit". Jeder Versuch der Renationalisierung führe nur zu "Verzwergung".

Van der Bellen ist nach seinem Amtsantritt im Jänner zum ersten Mal in Berlin. In den 1970er-Jahren hatte er mehrere Jahre im Westen der damals geteilten Stadt gelebt.

Joachim Gauck scheidet am 18. März aus dem Amt. Sein Nachfolger Frank-Walter Steinmeier wollte am Nachmittag mit dem österreichischen Bundespräsidenten zu einem "privaten Gespräch" zusammentreffen. (ank/dpa)