• Nach den Rekordwerten im August sind die Marktpreise für Erdgas stark gesunken.
  • Sie sind aber immer noch viel höher als vor der Energiekrise und manche Preiserhöhungen sind noch gar nicht bei den Verbrauchern angekommen.
  • Neue Rekordwerte wird es nach Ansicht von Experten aber nicht geben.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Jennifer Fraczek sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Als die Kurve für die europäischen Erdgas-Marktpreise im August immer steiler wurde, stieg auch die Sorge um die Kosten für Industrie und Verbraucher. Mittlerweile scheint sich der Preis am Referenzpunkt TTF in den Niederlanden, ein Richtwert für die Gaspreise in Europa, zu stabilisieren – auf hohem Niveau.

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Dennoch stellt sich die Frage, ob das Schlimmste überstanden ist. Immerhin liegt der Marktpreis sechs Wochen nach dem Rekordhoch von knapp unter 350 Euro pro Megawattstunde am TTF aktuell bei rund 175 Euro (Stand: 6. Oktober 2022). Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs gehen laut Medienberichten davon aus, dass die TTF-Preise über den Winter weiter fallen werden – bis auf 100 Euro im ersten Quartal 2023.

Gaspreis ist zwar gefallen, Problem ist laut Experte aber "nicht gelöst"

Der Preis sei aus mehreren Gründen gefallen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Theocharis Grigoriadis von der Freien Universität (FU) Berlin im Gespräch mit unserer Redaktion. Zum einen hätten die kurzfristigen Maßnahmen der EU funktioniert: Dass sie Erdgas aus anderen Quellen bezieht, etwa aus Aserbaidschan oder Nordafrika. Hinzu komme Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) aus den USA . Auch dass die EU mehr auf erneuerbare Energie setze und der Bedarf vor allem der Industrie durch all diese Maßnahmen vorläufig gedeckt werde, mildere den "Schockmoment" durch Russlands massive Drosselung der Gaslieferungen.

"Das Problem ist dadurch aber nicht gelöst", warnt Grigoriadis. Die Abhängigkeit von LNG dürfe nur von kurz- oder mittelfristiger Dauer sein, "Europa muss für sich selbst produzieren". Langfristig könne Wasserstoff ein wichtiger Energielieferant werden, das werde aber noch mindestens zehn Jahre dauern. Sich bei der Frage der Kernenergie zu öffnen, erscheint Grigoriadis deswegen für Deutschland unausweichlich.

Zwar sei der Anteil russischen Erdgases am Gesamtaufkommen in der EU in den letzten Monaten stark gesunken (von rund 40 Prozent vor dem russischen Angriffskrieg auf rund neun Prozent). "Diese neun Prozent klingen erstmal nach wenig", sagt Grigoriadis. Gerade in in den großen Volkswirtschaften sei die Abhängigkeit aber de facto immer noch groß.

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Verbraucher sollten sich auf Dauer auf "höheres Preisniveau einstellen"

Wie sich die Marktpreise weiter entwickeln, ist offen und hängt stark vom weiteren Verlauf des Krieges ab. Experten wie der Ökonom Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum gehen aber davon aus, dass Rekordwerte wie im August nicht mehr erreicht werden. Auch Theocharis Grigoriadis prognostiziert, dass es bei den Gasmarktpreisen in der EU in den nächsten Monaten keine großen Veränderungen geben werde.

Die Gasspeicher sind laut Aggregated Gas Storage Inventory des GIE, eines Verbandes europäischer Firmen aus der Gasbranche, in Deutschland zu rund 93 Prozent gefüllt (geschätzter Wert). In den anderen EU-Ländern sind es – mit Ausnahme Lettlands – zwischen 74 und 100 Prozent. Es sei davon auszugehen, "dass man wahrscheinlich insgesamt durch den Winter kommt", sagte Löschel zu "ZDF heute".

Für die Verbraucher wird die finanzielle Belastung nach Einschätzung von Experten dennoch groß sein. "Wir müssen uns wohl auf Dauer auf ein höheres Preisniveau einstellen", zitiert die Wirtschaftszeitschrift "Capital" Salomon Fiedler, Energiemarktexperte bei der Berenberg Bank.

Ein sparsamer Gasverbrauch sei aber nach wie vor wichtig, erklärte Löschel. Und mit den aktuell rund 175 Euro pro Megawattstunde liegen die Preise immer annähernd fünfmal so hoch wie vor einem Jahr, als es 37 Euro waren. Die aktuellen Preissprünge seien noch gar nicht vollständig und bei allen Verbrauchern angekommen, sagte die Energiepreisexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen, Julia Schröder, dem NDR. Laut Verivox koste eine Kilowattstunde Gas im Mittel derzeit 28,3 Cent für Neukunden, berichtet der Sender. Das seien rund 20 Prozent weniger als in der Vorwoche. Vor einem Jahr waren es demnach noch 6,8 Cent.

Zur Person: Theocharis Grigoriadis ist Professor für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Osteuropa an der Freien Universität (FU) Berlin. Er promovierte in Politikwissenschaften an der University of California, Berkeley, und in Wirtschaftswissenschaften an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg.

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Verwendete Quellen:

  • Telefoninterview mit Prof. Theocharis Grigoriadis
  • Intercontinental Currency Exchange (ICE)
  • Aggregated Gas Storage Inventory der Gas Infrastructure Europe (GIE)
  • ZDF.de: Gaspreis sinkt: Was das für Verbraucher heißt
  • Capital.de: Warum die Gaspreise plötzlich sinken
  • NDR.de: Gaspreis aktuell: So viel kostet die Kilowattstunde
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