Richard Lugner möchte sich zwar nicht mehr politisch betätigen, das Politgeschehen hierzulande verfolgt der inzwischen 85-Jährige aber nach wie vor sehr genau. GMX.at hat den "Baumeister der Nation" zur Causa "Pilz" und den türkis-blauen Koalitionsverhandlungen, aber auch zum Stand seiner noch recht frischen Beziehung befragt.

Sie haben vor einigen Wochen und noch im Vorfeld der Geschehnisse rund um Peter Pilz für dessen Liste mit "Die Wachsamen" einen neuen Namen vorgeschlagen. Warum eigentlich?
Das war ein Spontanentschluss, wenn man so will. Der Herr Pilz hat mir am Tag vor der Nationalratswahl in der "Lugner City" ein Interview gegeben und gemeint, der Name "Liste Pilz" werde noch geändert. Daraufhin habe ich dann aus Lust und Laune "Die Wachsamen" vorgeschlagen. Ich will mich aber in keiner Weise mehr politisch betätigen, noch mich als Pilz-Verfechter deklarieren.

Und was sagen Sie zur "Affäre Pilz" respektive den Vorwürfen der sexuellen Belästigung?

Ich bin kein Anhänger von Peter Pilz, glaube aber, dass man ihn mit den Vorwürfen abschießen und politisch zerstören wollte. Ich denke, dass ihm hier Unrecht getan wird, wenngleich ich nicht weiß, was er wirklich getan hat.

Wenn Peter Pilz aus dem Nichts heraus die Damen unsittlich berührt hat, dann ist das natürlich nicht akzeptabel. Aber es stellt sich schon die Frage, warum die betroffenen Frauen sich erst jetzt gemeldet haben.

Ich glaube, dass der Zeitpunkt aus politischem Kalkül gewählt wurde. Ob die Damen die Wahrheit sagen oder nicht, sei dahingestellt. Die Menschheit lebt halt auch davon, dass die Männer von Frauen angelockt werden und die aktive Rolle übernehmen müssen, wobei es aber stets auch auf den zeitlichen Ablauf dieser Begegnungen ankommt.

Und wie ist die Sache in einem beruflichen Abhängigkeitsverhältnis?

Natürlich eine andere. Als Chef darf ich die Abhängigkeit einer Mitarbeiterin keinesfalls ausnützen. Ich hatte in den letzten Jahrzehnten über 20 Chefsekretärinnen. Natürlich habe ich das eine oder andere Mal auch etwas geblödelt, aber die wussten immer genau, dass es ein reiner Spaß war.

Pilz hat ja angekündigt, trotzdem im Parlament mitarbeiten zu wollen. Was halten Sie davon?
Die Partei lebt nur von Peter Pilz, was man ja auch an den aktuellen Umfragen sieht, die der "Liste Pilz" ja jetzt eine Halbierung bescheinigt. Ich würde seine Mitarbeit begrüßen, weil er einfach sehr wachsam und darüber hinaus ein guter Aufdecker ist.

Österreich bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine türkis-blaue Regierung. Ihre Erwartungen diesbezüglich?
Was man so hört, dürften sie ja vernünftige Pläne schmieden. Generell ist die Budgetsituation in Österreich nicht so berauschend – vor allem, wenn man sie mit jener Deutschlands vergleicht. Wir haben ein Budgetdefizit, unser Nachbar einen Überschuss.

Wenn die neue Regierung ihre Versprechungen wie etwa hohe Pensionen oder Mindestgehälter einlösen will, muss sie noch so manche Barrieren überwinden. Wir brauchen vor allem eine echte Pensionsreform und die Sicherheit, dass unser Wirtschaftsstandort konkurrenzfähig bleibt.

Wenn etwa die Gewerkschaft der Metaller drei Prozent Lohnerhöhung durchsetzt, birgt das auch die Gefahr, dass hierzulande viele Arbeitsplätze, weil zu teuer, vernichtet werden. Denn die Arbeit und die hohen Sozialleistungen in Österreich werden für manche Unternehmen ob der ausländischen Konkurrenz nicht mehr leistbar. Somit besteht die Gefahr, dass die Arbeitsplätze dorthin abwandern.

Geben Ihnen eigentlich die vielen Burschenschafter, die jetzt im Parlament sitzen, zu denken?
Ich kenne deren genaue Einstellung nicht, gehe aber davon aus, dass das schon auch intelligente Leute sind. Dass die teilweise deutschnational sind, weiß ich zwar, glaube aber zum Beispiel nicht, dass sie deswegen einen Anschluss an Deutschland begrüßen.

Kürzlich wurde Elisabeth Köstinger zur Nationalratspräsidentin gewählt, ohne je eine Minute im Parlament gearbeitet zu haben. In Ordnung für Sie?
Frau Köstinger ist eine intelligente Frau und war auch mehrere Jahre im EU-Parlament tätig. Es gibt ja auch immer wieder neue Minister, die aus ganz anderen Bereichen kommen, und ihre Sache durchaus gut machen.

Trauen Sie Christian Kern die Rolle des starken Oppositionschefs zu?
Prinzipiell ja, es ist nur die Frage, wie lange er den Job machen wird. Bei der ÖBB und als Kanzler war er natürlich unumschränkter Herrscher. Zudem hat er ja als Vorstandsvorsitzender der ÖBB, wie mir zu Ohren gekommen ist, rund 80.000 Euro pro Monat verdient.

Ob er aus ideologischen Gründen und/oder des Scheinwerferlichts wegen so lange auf so viel Geld verzichten kann, wird sich weisen. Als einfacher Nationalratsabgeordneter verdient er ja meines Wissens "nur" rund 7.000 Euro (brutto sind es 8.756 Euro, Anm.)

Tut es Ihnen eigentlich leid, dass die Grünen aus dem Parlament geflogen sind?
Die haben sich das selbst eingebrockt. Der Ausschluss der jungen Grünen, der Rücktritt Eva Glawischnigs, die Nicht-Positionierung Peter Pilz' auf einem chancenreichen Listenplatz, dessen Abgang und dann noch die Aufteilung der Führung in Ingrid Felipe als Parteichefin und Ulrike Lunacek als Spitzenkandidatin – all das hat den Grünen massiv geschadet.

Jetzt wollen sie in Wien auch noch Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou aus dem Amt heben. Die Partei braucht ein einheitliches Auftreten und eine einheitliche Ausrichtung, um künftig eine Chance zu haben. Durch die vielen internen Streitigkeiten werden die Grünen nicht als politische Partei, sondern mehr als zerstrittener Haufen wahrgenommen.

Zwei private Fragen noch, wenn Sie erlauben: Wie läuft's in Ihrer neuen Beziehung?
Andrea und ich sind jetzt acht Monate zusammen und leider sehr unterschiedlich, weshalb ich glaube, dass wir die Beziehung nicht ewig aufrechterhalten werden können. Sie ist eher Tag-, ich mehr Nachtmensch. Zudem möchte sie oft auch nicht öffentlich an meiner Seite auftreten, was mir aber sehr wichtig ist. Ich muss das zur Kenntnis nehmen. Aber eine Beziehung funktioniert leider nur dann langfristig, wenn es einen Gleichklang gibt.

Sie haben am 11. Oktober Ihren 85. Geburtstag gefeiert. Welche Wünsche haben Sie?

Wünsche? Gar keine. Ich hoffe, dass ich halbwegs gesund bleibe, mein Unternehmen sich weiter festigt und expandiert und ich irgendwann mal eine Beziehung habe, die auch mit Leidenschaft an meiner Seite ist.