• Am 24. Februar startete Putin einen Angriff auf die Ukraine und brachte den Krieg damit zurück nach Europa.
  • Zahlreiche Zivilisten sind seitdem gestorben, Soldaten gefallen, viele weitere geflohen.
  • In Deutschland dreht sich die Debatte vor allem um Waffenlieferungen, Sanktionspolitik und die Folgen für die Bevölkerung hierzulande.
  • So ist der Stand nach 100 Tagen Krieg.
Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen der Autorin bzw. des zu Wort kommenden Experten einfließen. Hier finden Sie Informationen über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, wurde vor 100 Tagen Realität: Wladimir Putin ließ seine Soldaten in die Ukraine einmarschieren und startete einen Angriffskrieg. Seitdem tobt der Krieg mitten in Europa und schockiert die Weltgemeinschaft. Ein Ende ist nicht in Sicht. Wie aber wird es weitergehen und welche Bilanz lässt sich nach 100 Tagen ziehen? Mit Militärexperte Gustav Gressel beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Welche Gebiete hat die Ukraine verloren?

Die Städte Donezk, Luhansk, Mariupol und Cherson sollen unter russischer Kontrolle sein. Die russische Armee konzentriert sich bei ihren Vorstößen derzeit auf den Osten des Landes, nachdem der Versuch, die Hauptstadt Kiew einzunehmen, gescheitert war. Kurz vor der Invasion in die Ukraine hatte Russland die Unabhängigkeit der als "Volksrepubliken" Donezk und Lugansk proklamierten Gebiete in den Oblasten Donezk und Luhansk anerkannt. Insgesamt kontrolliert Russland nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Selenskyj gut 20 Prozent der Ukraine.

"Alle diese Teile sind aber nicht dauerhaft verloren", sagt Militärexperte Gustav Gressel. Wenn Russland keine Mobilmachung verkünde, den Krieg also offiziell ausrufe und Wehrpflichtige in den Krieg schicke, dann werde für Russland die Lage im Herbst oder Spätsommer mit dem eigenen Personal knapp werden, schätzt Gressel.

Wie viele Tote und Verletzte gab es?

Je nach Angabe schwanken die Zahlen und sie lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum verifizieren. Laut Zählungen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) hat der Krieg bis zum 31. Mai mindestens 4.113 Todesopfer in der ukrainischen Zivilbevölkerung gefordert, darunter mindestens 264 Kinder. Zudem wurden knapp 5.000 Verletzte erfasst.

In Bezug auf die gefallenen Soldaten stammt die letzte Zahl über die ukrainischen Verluste von Mitte Mai. Damals hatte Selenskyj von etwa 3.000 toten Soldaten gesprochen, die russischen Verluste bezifferte er mit 27.000 gefallenen Soldaten. Der Kreml selbst macht deutlich geringere Angaben.

Laufen bereits Strafverfahren?

Der russischen Armee werden zahlreiche Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Nachdem sich die russische Armee aus dem Gebiet rund um Kiew zurückgezogen hatte, waren im Kiewer Vorort Butscha Hunderte Leichen von Zivilisten entdeckt worden. Sie sollen gezielt durch russische Soldaten misshandelt und getötet worden sein.

Journalisten, die vor Ort waren, bestätigten diese Berichte mit entsprechendem Bild- und Videomaterial. Mehr als 11.000 Fälle zu Kriegsverbrechen sollen laut ukrainischen Behörden bereits laufen. Wegen mutmaßlicher Völkerrechtsverbrechen ermittelt auch der Internationale Strafgerichtshof.

Wie viele Menschen sind auf der Flucht?

Aufgrund des Krieges haben viele Ukrainerinnen und Ukrainer ihr Heimatland verlassen und sind auf der Flucht. Laut UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) waren bis Ende Mai bereits mehr als 6,8 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen, Tendenz steigend.

Hauptaufnahmeland ist Polen, in Deutschland wurden bis zum 5. Mai bereits bei über 610.000 Flüchtlinge offiziell registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte aber deutlich darüber liegen, weil keine Einreisekontrollen stattfinden.

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Wer hat aktuell Oberhand?

"Aktuell hat die russische Armee eindeutig Oberhand – nicht wegen des technischen Geräts oder der Mannstärke, sondern vor allem im Bereich der Artillerie und der Luftwaffe", sagt Experte Gressel. Die russischen Schläge würden zunehmend besser koordiniert. "Die Ukrainer haben durch Mobilmachung zwar täglich Zulauf, aber es mangelt an Feuerkraft", so Gressel.

Die Taktik der Russen sei es, die Ukraine nicht zu erstürmen, sondern "kaputt zuschießen". Ob und wann die Ukraine das Blatt werde wenden können, hänge zu einem erheblichen Teil von den westlichen Waffenlieferungen ab. "Die Ukraine muss ihre Mobilität und Feuerkraft deutlich erhöhen", sagt Gressel. An den strategischen Zielen Russlands – der kompletten Zerschlagung und Vernichtung der Ukraine – habe sich derweil nichts geändert. "Man treibt es nur langsamer, Stück für Stück voran", sagt Gressel.

Wer wird den Krieg gewinnen?

"Der Krieg ist aber noch offen und noch nicht entschieden – weder in die eine, noch in die andere Richtung." Prognosen seien zu verfrüht. "Beide Seiten haben eine Chance auf Sieg. Er geht deshalb in aller Härte weiter", sagt Gressel. Die russische Offensive werde vermutlich bald einen Kulminationspunkt erreichen und dann an Angriffsschwung verlieren. "Dann kann die Ukraine, wenn Kräfte frei werden und es ruhiger wird an der Front, Gegenangriffe starten", sagt Gressel. Mögliche Ziele dabei wären Cherson oder der Donbass.

Wie es dann weitergehe, hänge davon ab, in welchem Zustand die russische Armee nach dem Totlaufen ihrer Offensive sein werde. "Ist sie mit einer taktischen Niederlage gescheitert oder ist sie ermattet? Hat man auf ukrainischer Seite eine Kesselschlacht verloren und damit auch Gerät und wichtige Kommandeure? Oder hat man die Mannschaften kampfkräftig erhalten?", sagt Gressel. All das mache Unterschiede.

Auch die Stimmung in der Bevölkerung spiele eine Rolle. "Aktuell ist sie nach den Kriegsverbrechen sehr unterstützend, aber die Bevölkerung leidet auch unter den Verlusten", so der Experte. Die Frage: "Wie viele Tote für wie viel zurückerobertes Gebiet wollen wir akzeptieren?" werde auf ukrainischer Seite irgendwann gestellt werden müssen.

Wie lange dürfte der Krieg noch dauern?

Laut Militärexperte Gressel ist eine Prognose kaum möglich. "Ich schätze, der Krieg wird mindestens bis ins nächste Jahr hinein dauern", sagt er. Die russische Offensive werde zwar nur langsam vonstattengehen, aber sie werde noch eine Zeit andauern.

"Russland setzt auch auf eine Ermüdung im Westen, vielleicht einen politischen Wandel bei den midterm elections in den USA und eine Frustration mit dem Dauerthema Ukraine-Krieg", meint Gressel. Die Ukraine hoffe derweil, dass die russischen Kräfte ermatten. "Weitere Prognosen wird man erst im Herbst treffen können", sagt er.

Welche Auswirkungen gab es international bislang?

Die Europäische Union hat inzwischen sechs Sanktionspakete in ungesehener Härte beschlossen, weltweit wurden zahlreiche Maßnahmen verhängt. Dazu zählen die internationale Weltgemeinschaft unterstützt die Ukraine mit Waffenlieferungen, allen voran die USA.

Einige Länder haben den russischen Angriff nicht klar verurteilt – beispielsweise China. Länder wie die Türkei nutzen die Situation, um eigene politische Ziele durchzudrücken. Weltweit sind Preisanstiege zu beobachten, besonders Öl und Getreide aus der Ukraine fehlen.

Wie wahrscheinlich ist eine atomare Eskalation aktuell?

Putin hat immer wieder mit den Säbeln gerasselt und damit Angst vor einem Atomschlag im Westen geschürt. Mit Verweis auf die Gefahr einer atomaren Eskalation fordern viele Stimmen im Westen Zurückhaltung. Gressel hält das aber für extrem unwahrscheinlich. "Es gibt keine lohnenden nuklearen Ziele, es gäbe für Russland massive diplomatische Auswirkungen und es wäre nichts zu gewinnen", sagt er.

Ist ein Frieden in Sicht?

"Nein, wir sind noch enorm weit von einem Frieden entfernt", sagt Gressel. Wenn Russland nun Waffenstillstände anbiete, dann geschehe dies rein taktischer Natur. "Wir müssen damit rechnen, dass Russland dann einen Waffenstillstand ausruft, wenn der Schwung der eigenen Offensive verbraucht ist und man weiß, dass die Ukraine jetzt eigentlich zur Gegenoffensive antreten könnte", meint Gressel.

In einem solchen Szenario würde Russland dem Westen den Schwarzen Peter zuschieben und ihn als Kriegstreiber darstellen. "Russland würde eine solche Pause aber nur nutzen, um selbst neue Freiwillige heranzuschaffen und sich zu reorganisieren", meint Gressel. Später werde der Waffenstillstand dann wieder gebrochen – so, wie es auch schon beim Minsker Abkommen der Fall gewesen sei.

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Über den Experten: Gustav Gressel ist Experte für Sicherheitspolitik, Militärstrategien und internationale Beziehungen. Er absolvierte eine Offiziersausbildung und studierte Politikwissenschaft an der Universität Salzburg. Schwerpunktmäßig befasst sich Gressel mit Osteuropa, Russland und der Außenpolitik bei Großmächten.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Gustav Gressel
  • Tagesspiegel: Aktuelle Karten, Grafiken und Nachrichten zur russischen Invasion (3.0 Juni 2022)
  • Statista: Ukraine-Krieg: Opfer in der ukrainischen Zivilbevölkerung laut Zählungen der UN (31. Mai 2022)
  • Tagesschau.de: Russischer Soldat bekennt sich schuldig (18. Mai 2022)
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