• Vor dem Brandenburger Tor in Berlin haben mehrere Hundert Menschen gegen den russischen Krieg in der Ukraine demonstriert.
  • Viele Ukrainerinnen und Ukraine sind in großer Sorge um Freunde und Angehörige. Vom Rest Europas fordern sie Solidarität, Unterstützung und harte Sanktionen gegen Russland.
  • "Man hat versucht, einen Diktator zu besänftigen und die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen", sagt ein Demonstrant.
Fabian Busch
Eine Reportage

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Entschlossenheit und Wut stehen in den Gesichtern vieler Menschen, die sich am Donnerstagvormittag vor dem Brandenburger Tor versammelt haben. Aber auch Trauer und Verzweiflung. Sie haben Schilder mitgebracht, haben große und kleine Flaggen dabei oder tragen blau-gelbe Mützen. Viele von ihnen haben Tränen in den Augen an diesem 24. Februar, an dem die Welt über Nacht eine andere geworden ist.

In der Nacht hat Russlands Präsident Wladimir Putin seine Truppen in die Ukraine eingeschickt – ein Schritt, der sich angekündigt hat und Millionen von Menschen doch mit Wucht trifft. "Manche haben gehofft, dass er nur ein politisches Spiel spielt", sagt die Ukrainerin Sofia, die in Berlin lebt. "Dass es in der vergangenen Nacht wirklich passiert ist, war doch eine üble Überraschung."

Mehrere Hundert Demonstranten vor dem Brandenburger Tor

Junge Ukrainerinnen und Ukrainer haben die Demonstration vor dem Brandenburger Tor spontan organisiert. 1989 haben die Deutschen hier ihre Wiedervereinigung und das faktische Ende des Kalten Krieges gefeiert – jetzt ist in Europa wieder Krieg ausgebrochen. "Es ist wichtig, dass wir zusammenhalten. Es ist wichtig, dass wir einen kühlen Kopf behalten", sagen Jeva, Katia und Masha, die ihre Statements nacheinander in Ukrainisch, Deutsch und Englisch vortragen.

Zunächst sind es nur ein paar Handvoll Menschen, nach und nach kommen immer mehr dazu, sicher mehrere Hundert. Nicht nur ukrainische Fahnen wehen auf dem Pariser Platz, sondern auch Flaggen aus Polen oder Georgien.

Angehörige haben die Koffer gepackt – und können doch nicht weg

Demonstrant Anton findet: Der Westen hat zu lange zugeschaut.

Anton hält ein Schild mit der Aufschrift "Der Krieg ist wieder da" in die Höhe. Er erzählt, dass seine Freunde und Angehörigen in der Ukraine jetzt auf gepackten Koffern sitzen – und doch nicht weg können. Ob es möglich ist, bis zur Grenze zu gelangen und sie zu passieren, ist unsicher.

Er höre es aus Kiew, aus Charkiw und Odessa, erzählt Anton: Überall hören die Menschen Schüsse oder Detonationen. "Manche versuchen in den Westen des Landes zu kommen", sagt er. Aber auch da könne man nicht sicher sein. Viele seiner Freunde seien aber auch bereit, selbst zu den Waffen zu greifen.

Anton lebt seit acht Jahren in Berlin. Er klingt zunächst recht abgeklärt: Er gehört zu denjenigen, für die dieser Angriff keine Überraschung war. Er wird aber emotional, als er auf die Rolle des Westens zu sprechen kommt. "In Wirklichkeit tobt dieser Krieg schon seit acht Jahren. In dieser ganzen Zeit hat Europa so getan, als würde dieser Krieg nicht existieren. Man hat versucht, einen Diktator zu besänftigen und die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen."

Marieluise Beck: "Putin ist in einem Rausch"

Die Rednerinnen stellen Forderungen an die deutsche Politik im nahegelegenen Bundestag und Kanzleramt, wo die Krisengespräche zu dieser Zeit auf Hochtouren laufen. Sie fordern einen Handelsstopp für russisches Gas und Öl, den Ausschluss Russlands aus dem internationalen Zahlungsabkommen SWIFT und die Isolierung des Landes in internationalen Organisationen. Sie pochen aber auch auf Waffenlieferungen in die Ukraine, auf finanzielle und humanitäre Hilfe vom Rest Europas.

"Es müssten hier mehr Deutsche stehen", sagt die frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck, die ebenfalls das Wort ergreift. "Vielleicht kommt das noch in den nächsten Tagen." Der Westen habe die Zeichen zu lange verdrängt oder nicht wahrhaben wollen, sagt sie. Aus ihrer Sicht könne man sich auch im Rest Europas nicht in vollständiger Sicherheit wiegen: "Weil keiner von uns weiß, in welchem Rausch sich Putin befindet."

"Es ist wichtig, auf die Straße zu gehen und zu protestieren"

Marieluise Beck betont, dass es auch in Russland viele Menschen gebe, die Putins Kurs nicht gutheißen. Die Rednerinnen Jeva, Katia und Masha wenden sich auch an die Russinnen und Russen: "Es geht jetzt nicht um eure Gefühle, es geht nicht um eure Scham. Ihr seid nicht diejenigen, die beschossen werden", rufen sie. "Es geht jetzt darum, dass ihr uns Unterstützung zeigt. Es geht jetzt darum, dass ihr gegen diesen Krieg seid."

Unter den Demonstrantinnen und Demonstranten sind nicht nur Menschen aus der Ukraine, sondern auch viele Deutsche, die ihre Solidarität bekunden wollen. "Frieren for Future" steht auf einem Schild: Jetzt müsse auch die Gas-Pipeline Nord Stream 1 abgedreht werden.

Die deutschen Normalbürgerinnen und -bürger können aber nicht selbst eine Gas-Pipeline abdrehen oder Sanktionen verhängen. Was aber kann man tun? "Es ist wichtig, eine klare Haltung zu haben", findet die Ukrainerin Marina. "Es ist wichtig, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Es geht hier nicht nur um uns. Es geht um ganz Europa."

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