• Corona-Pandemie, Naturkatastrophen und nun der Ukraine-Krieg. Viele haben in diesen Tagen das Gefühl, ihre Welt sei aus den Angeln gehoben.
  • Auch Kinder und Jugendliche stellen jetzt Fragen.
  • Ein Psychologe erklärt, wie Eltern damit umgehen sollten und wie viel Realität angemessen ist.

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Gefühl von Sicherheit vermitteln

In Krisensituationen sollten Eltern für ihre Kinder da sein, ihre Gefühle ernst nehmen und ihnen Sicherheit vermitteln. Kinder erfahren dadurch, dass die Erwachsenen für sie da sind und ihre Bedürfnisse zeitnah befriedigen können. Zudem können Vater und Mutter klar sagen: "Du bist in Sicherheit, uns passiert nichts." Dabei sollten Vater und Mutter sich auch von ihren eigenen Gefühlen nicht mitreißen lassen. "Kinder merken in der Regel schnell, wenn die Eltern ihren emotionalen Zustand verändern, wenn sie zum Beispiel ängstlich, traurig oder wütend werden", weiß der Psychologe Thilo Hartmann. Gerade für kleine Kinder seien emotional stabile Eltern lebenswichtig. "Deswegen ist es wichtig, gerade jetzt die eigenen Kinder im Blick zu haben und ihnen durch Zuwendung zu zeigen, dass nicht sie der Auslöser und Grund für die Verstimmung der Eltern sind."

Wenn sich Kinder aufgrund von Krisensituationen unwohl fühlen, deutet häufig auch ihr Verhalten darauf hin: "Kinder, die unsicher sind, werden sich der Verfügbarkeit der Eltern rückversichern", so Hartmann. Es könne sein, dass sie mehr Aufmerksamkeit einfordern, kuscheln wollen oder auch mehr Unsinn anstellen.

Kind am Feuer in Afghanistan
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Afghanistan: Wintereinbruch und Hunger bedrohen Millionen Kinderleben

Die humanitäre Notlage in Afghanistan verschärft sich in den letzten Monaten zunehmend. Mehr als 24 Millionen Menschen sind von humanitärer Hilfe abhängig, mehr als die Hälfte davon sind Kinder. Hunger, Armut und eisige Kälte bringen sie in Lebensgefahr.

Fragen im kindlichen Weltbild beantworten

Wenn der Nachwuchs Fragen zu den großen Problemen oder auch Gefahren dieser Welt stellt, sollten Eltern angemessen darauf reagieren. "Kinder fragen nach, um Puzzleteile zusammenzusetzen, die sie brauchen, um ein für das jeweilige Kind stimmiges Weltbild zu entwickeln", so der Experte. Er empfiehlt: "Fragen Sie ihr Kind, was es selbst denkt, wie es sich Dinge vorstellt und welche Fragen es gerade hat. Beantworten Sie diese auf einem ähnlichen Abstraktionsniveau!" Bei den eigenen Antworten sollte man sich an dem Alter und Entwicklungsstand orientieren. Oft sei eine Erklärung in Form einer fantasievollen metaphorischen Geschichte besser als eine Beschreibung mit Realitätsgehalt. Wechselt das Kind während des Gespräches das Thema, ist sein Bedürfnis nach Informationen vorerst gestillt.

"Die Realität ist erst ab 18 freigegeben"

Wie viel Informationen aber dürfen es sein? Generell sollte man Kinder eher von schweren Themen wie Krieg fernhalten, damit sie unbeschwert bleiben, findet Hartmann: "Die Erwachsenen übernehmen die Verantwortung für erwachsenen Probleme. Krieg ist ein Problem der Erwachsenen, darum müssen sie sich kümmern. Kinder dürfen Kind sein, spielen und Spaß haben." Kinofilme haben eine bestimmte Altersfreigabe, betont Hartmann und: "Die Realität ist erst ab 18 freigegeben!" Deshalb rät er: "Schützen Sie ihre Kinder vor schädlichen Informationen genauso, wie vor physischen Gefahren." So sollten Eltern kleine Kinder keine Nachrichten, TV-Sendungen oder Internetseiten für Erwachsene konsumieren lassen.

Kindgerechte Nachrichten für Jugendliche

Wenn sich größere Schulkinder und Teenager informieren wollen, sind altersgerechte Angebote besser geeignet, wie die Initiative "Schau hin!" betont. Sie empfiehlt die Kindernachrichtensendungen "logo!", "neuneinhalb" und das Kinderradio "Kiraka". Logo wird beispielsweise für Kinder ab acht Jahren empfohlen. Auf www.frieden-fragen.de finden Kinder Austausch zu Fragen von Krieg und Gewalt. Doch auch dann sollten Eltern mitschauen und für Rückfragen oder Ängste ihrer Töchter und Söhne erreichbar sein.

Problemlösungen erarbeiten

Haben Kinder Probleme und Krisen erkannt, kann es ihnen helfen, etwas Konkretes zu tun. "Wenn es Probleme in der Familie gibt, wollen Kinder oft mit ihren Möglichkeiten einen Beitrag leisten", so Thilo Hartmann. In der Pandemie können sie zum Beispiel die Hände gründlich waschen. Wenn ein Familienangehöriger gestorben ist, können sie eine Kerze anzünden oder wenn andere Kinder in Not sind, ihnen ein Spielzeug spenden. "Hier geht es aber in erster Linie nicht darum, dass die Handlung des Kindes aus erwachsener Sicht ein tatsächlicher Beitrag ist", betont der Psychologe. Viel mehr gehe es darum, mit der Handlung dem Kind das Gefühl zu geben, etwas Gutes zu tun, um sich sicher und wertvoll fühlen.

Entlastung durch Fantasie-Lösungen

Haben Jungen und Mädchen Angst oder machen sie sich große Sorgen, kann es helfen, eine Problemlösung zu basteln. "Kinder können vor einem 'Monster im Bett' genauso real Angst haben wie vor einer realen Bedrohung. Sie können aber auch echte Entlastung bei einem realen Problem durch eine Fantasie-Lösung erfahren", so Hartmann. Daher gibt er den Tipp: "Basteln Sie mit Ihrem Kind einen 'Monsterfresser', 'Traumfänger' oder 'Schutzschild', je nachdem, wovor sich das Kind fürchtet."

Über den Experten:
M.Sc.-Psych. Thilo Hartmann ist Coach und Supervisor in Berlin. Er arbeitet seit über zehn Jahren im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Für den Berufsverband der Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. ist er in den Leitungsteams der Fachgruppe klinische PsychologInnen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Fachgruppe Entspannungsverfahren engagiert.

Verwendete Quellen: