Der Stau als ständiges Ärgernis? Verkehrsforscher Werner Rosinak erklärt im Interview, warum Stau mehr als ein Problem ist, was man dagegen tun kann und warum er manchmal sogar absichtlich entsteht.

Wie entstehen Staus? Durch Unfälle und die Urlaubszeit?

Werner Rosinak: Staus sind ein Phänomen bei Überlastungserscheinungen: Die Infrastruktur ist zu bestimmten Tageszeiten überfüllt. Immer dort, wo es Verkehrsspitzen gibt, kommt es zu Staus - weniger in den Ballungsräumen selbst als in deren Umland. Natürlich gibt es auch Staus durch Unfälle oder Baustellen aber wesentlich sind diese notorischen Überlastungen zu Spitzenzeiten.

Wann sind diese Spitzenzeiten?

Das ist zum Beispiel der morgendliche Arbeitsverkehr oder die Rushhour am Nachmittag. Es gibt natürlich auch Staus im öffentlichen Verkehr. In der Region Wien kommt es morgens ständig dazu: Man findet keine Plätze mehr in den Schnellbahnen oder sie sind verspätet.

12 Tage Stau und 36-Stunden-Flüge: Hier will man kein Passagier sein.

Ein neues Phänomen in Städten wie Wien sind Staus im Radverkehr. Der Radverkehr boomt, und die Infrastruktur ist teilweise schon überlastet. Es gibt Kreuzungen, da kommt man in einer Phase als Radfahrer nicht rüber, weil in der Schlange schon 20 andere Radler stehen. Der Stau ist ein allgemeines Phänomen und hat nicht nur mit Autos zu tun.

Was wird gegen Stau getan?

Die Antwort auf den Stau war bisher immer: mehr Straßen bauen. Das kann aber keine dauerhafte Strategie sein, weil der Verkehrsraum begrenzt ist. Man kann nicht beliebig Autobahnen bauen. Es hat sich gezeigt, dass sich in einigen Jahren alles wieder auffüllt.

Was ist eine gute Strategie, die dauerhaft funktioniert?

Für die Zukunft wird darauf gesetzt, alle Verkehrsträger einzubeziehen. In Metropolen gibt es den Trend, dass man sich bei jedem Weg das passende Verkehrsmittel sucht. Heute regnet es, ich nehme nicht das Rad. Ich versuche, eine Fahrgemeinschaft zu organisieren oder nutze öffentliche Verkehrsmittel und nehme für das letzte Stück ein Leihrad. Viele Menschen nutzen diese Möglichkeiten zunehmend. Diese Entwicklung können Städte unterstützen: Wenn etwa bestimmt wird, dass der Parkraum für gewisse Fahrzeuge mehr kostet als für andere.

Das ist die neue Strategie: Wenn Stau auf den Straßen ist, nicht sofort auf die Antwort Straßenbau zu verfallen. Gewisse Engpässe werden auch bewusst gesetzt, um Verhaltensänderungen anzuregen.

Man sorgt absichtlich für Stau?

In Zürich gibt es zum Beispiel schon lange eine Priorität für den öffentlichen Verkehr. Rund um die Stadt sind Dosierungsampeln aufgestellt, die nur so viel Autoverkehr zulassen, wie in der Stadt unter Berücksichtigung des öffentlichen Verkehrs bewältigt werden kann. Es gibt Strategien, die Stau produzieren – aber man versucht das natürlich nur dort, wo er nicht wieder andere stört.

In der Hoffnung, dass die Autofahrer so genervt davon sind, dass sie umsteigen?

Genau. Wenn ich vor meinem Ziel eine halbe Stunde im Auto sitze und warte, beginne ich irgendwann, nachzudenken. Man kann lange im Auto telefonieren oder Arbeit erledigen, doch irgendwann ist es schade um die Zeit. Und dann treten Alternativen auf den Plan – wobei die natürlich attraktiv sein müssen.

Wir arbeiten in Wien schon seit 30 Jahren daran, und die Stadt hat eine sehr erfolgreiche Verkehrspolitik: 40 Prozent der täglichen Wege werden mit öffentlichen Verkehrsmitteln erledigt. Das ist ein Spitzenwert. Doch der Stau wird als Phänomen verkehrspolitisch hingenommen.

Es wird also immer Staus geben?

Stau ist in Ballungsräumen unvermeidlich, dagegen kann man nichts tun. Wenn er am Ort A verringert oder aufgehoben wird, tritt er am Ort B wieder auf. Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne eine freie Fahrt und fließenden Verkehr erzeugen. Das mag am Land zutreffen, aber nicht in den Städten. Dort ist Stau ein immanentes Phänomen und sollte nicht als Problem gehandelt werden.

Was soll man tun, wenn man im Stau steht? Hilft es zum Beispiel, von der Autobahn abzufahren?

Es gibt Navigationssysteme, die in Echtzeit den Verkehr abbilden und das auch jede Minute dem Autofahrer zurückmelden. Doch die normalen Navigationssysteme sind noch nicht so intelligent. Das heißt, wenn man dem Stau ausweicht, kann es sein, dass man in den nächsten Stau hineinfährt. Dort, wo Stau angekündigt wird, ist es oft gescheiter weiterzufahren – denn es gibt auch Staus, die sich dann auf den Ausweichrouten bilden.

Werner Rosinak erforscht mit seinem Wiener Unternehmen (67) seit Jahrzehnten Verkehrskonzepte und berät Kommunen, den österreichischen Staat und private Investoren bei Verkehrs- und Umweltproblemen.