Im Jahr 1919 versenkte ein Hurrikan den Ozeandampfer Valbanera kurz bevor er das Ziel seiner wochenlangen Atlantiküberquerung erreichte. Hunderte Menschen starben, doch von ihren Leichen blieb keine Spur. Und warum ging mehr als die Hälfte der Passagiere bei einem Zwischenstopp vorzeitig von Bord?

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Für Menschen, die an Vorzeichen glauben, stand das Schicksal der Valbanera schon von ihrer Taufe an unter keinem guten Stern: Eigentlich wollte die Eigentümerfamilie Pinillos das Schiff nach der Heiligenfigur Valvanera in der spanischen Region La Rioja benennen.

Die schottische Werft, die den Dampfer baute, vertauschte das zweite "V" jedoch mit einem "B". Für religiöse Mitglieder der ersten spanischen Besatzung war diese Verfälschung schon ein schlechtes Omen.

Der Ozeanriese fuhr regelmäßig zwischen Spanien und Kuba und transportierte sowohl Güter als auch Menschen. Die Fahrgäste konnten zwischen mehreren Klassen wählen.

Ein Luxusdampfer war die Valbanera aber ganz klar nicht. Die meisten Passagiere waren einfache Leute, die von Spanien in die Neue Welt emigrierten.

Dutzende Grippetote auf der Valbanera

Die Überfahrt war kein Vergnügen. Vor allem die hygienischen Bedingungen an Bord waren katastrophal. Als die Betreiber zum Höhepunkt der Spanischen Grippe den Dampfer auch noch völlig überfrachteten, war das erste Unglück programmiert.

Die Valbanera war für 1.200 Passagiere ausgelegt. 1.600 gingen im Juli 1919 in Havanna an Bord. Viele mussten die Reise auf dem Oberdeck überstehen, dem Wetter und der See ausgesetzt.

Die Grippe breitete sich unter diesen Bedingungen rasend schnell aus. 30 Menschen starben während der Überfahrt. Die Valbanera hatte keine Vorrichtungen für eine würdevolle Seebestattung. Darum ließ der Kapitän die Leichen einfach über Bord werfen.

In Las Palmas wurde der Kapitän gewechselt

Für die Gesundheit der übrigen Passagiere war das nüchtern betrachtet sicherlich eine sinnvolle Entscheidung, für das Werteempfinden seiner Zeitgenossen war es aber eine Ungeheuerlichkeit.

Schon auf dem Schiff wollte eine wütende Menge den Kapitän lynchen. Dem konnte er sich entziehen, doch schon beim nächsten Zwischenstopp in Las Palmas wurde der Kapitän ausgewechselt.

Die nächste Reise in die Gegenrichtung – von Barcelona nach Havanna – lag in der Verantwortung des 34 Jahre alten Kapitäns Ramón Martín Cordero. Die Überfahrt begann am 10. August 1919.

Nach mehreren Zwischenstopps vor den Kanarischen Inseln, wo weitere Passagiere an Bord gingen, waren für die Atlantiküberquerung 1.230 Menschen auf dem Schiff.

Passagiere gehen frühzeitig von Bord

Der Legende nach verlor die Valbanera bei einem Manöver vor La Palma einen Anker: Für abergläubische Besatzungsmitglieder war das ein sehr schlechtes Zeichen für die Überfahrt. Der erste Hafen, den das Schiff jenseits des großen Ozeans ansteuerte, war Santiago de Cuba.

Ob es an dem schlechten Vorzeichen lag oder ob die Passagiere von dem Hurrikan in der Karibik gehört hatten, der bereits registriert worden war, ist nicht festgehalten. Jedenfalls ging bereits hier mehr als die Hälfte der Menschen von Bord, obwohl die Überzahl ein Ticket bis Havanna gekauft hatte.

Der Kapitän schätzte die Lage so ein, dass er Havanna noch vor dem großen Sturm erreichen konnte. Doch als er am Hafen ankam, konnte er nicht einfahren: Der war wegen des Hurrikans geschlossen. Der Sturm tobte bereits, es war unmöglich, anzulegen. Das Schiff musste auf See ausharren und den Wirbelsturm über sich hinwegwüten lassen.

Der Hurrikan zog weiter. Von der Valbanera aber fehlte danach jede Spur. Es begann eine große Suchaktion, bei der auch die US-Marine um Unterstützung gebeten wurde. Erst zehn Tage später wurde ihr Wrack im seichten Gewässer zwischen Kuba und Florida gefunden.

Ein Wrack, aber keine Leichen

Doch damit war der Sachverhalt noch lange nicht geklärt. Lückenhafte Informationen, Gerüchte und Missverständnisse brachten jetzt erst recht zahllose Mythen über die Valbanera hervor. Dazu trägt vor allem der Umstand bei, dass zwar das Schiff, aber weit und breit keine einzige Leiche gefunden wurde.

Aliens oder Gespenster: Was steckt hinter der Legende?

Es wurden nirgends menschliche Überreste an die Küsten gespült. Bei Tauchgängen zum Wrack wurden darin ebenfalls keine Körper entdeckt. Immer wieder stellten Experten Theorien auf, die das Verschwinden der Leichen erklären sollten. Doch immer wieder wurde deren Plausibilität von anderen Sachkundigen auch infrage gestellt.

Neben den Schauergeschichten, die unmittelbar nach dem Vorfall kursierten, gab es auch ernsthafte Versuche, das Verschwinden der Körper zu erklären. So wurde vermutet, dass Haie und Barrakudas die Überreste der Schiffbrüchigen restlos gefressen hätten. Biologen halten das jedoch für unwahrscheinlich.

Andere Stimmen nehmen an, dass die Leichen von der Strömung davongetragen wurden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die Körper im Treibsand des Meeresbodens versunken sind.

Verwendete Quellen:

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