Die Bedrohung durch Klimawandel und Raubbau an Ressourcen scheint in der Gesellschaft angekommen. Das Bewusstsein dafür schufen nicht zuletzt Greta Thunberg und die "Fridays for Future"-Bewegung. Und dennoch sind die wenigsten Menschen bereit, ihr Verhalten grundlegend zu ändern. Sind wir an einem Punkt in der Geschichte angelangt, an dem Appelle ins Leere laufen und nur noch Verbote helfen?

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Der Ökonom und ehemalige Generalsekretär des "Club of Rome", Graeme Maxton, fordert in seinem Buch "Change" eine sofortige und radikale Kehrtwende, will man nicht riskieren, dass das System innerhalb weniger Jahre kollabiert. Mittlerweile scheint es in Sachen Klima bereits fünf Minuten nach zwölf zu sein.

Die aktuelle Situation sei die "größte Herausforderung in der Geschichte der Menschheit". Bereits 1972 warnte der "Club of Rome", dass sich der Kollaps nicht mehr verhindern lasse und man nur versuchen könne, die Auswirkungen zu mindern. Warum wurden die Zeichen der Zeit nicht erkannt und sämtliche Warnungen ignoriert?

In einem ebenso beeindruckenden wie desillusionierenden Interview mit Yves Bossart in "Sternstunde Philosophie" des SRF erläutert Maxton: "Der Kollaps kündigt sich bereits heute an und die Klimaveränderung ist das offensichtlichste Signal dafür."

Während Graeme Maxton pessimistisch ist, was eine mögliche Umkehr anbelangt, ist der ehemalige US-Vizepräsident und Umweltschützer Al Gore zuversichtlich, dass dies dank neuer und immer besser werdender Technologien möglich sein wird. Er geht davon aus, dass wir uns im Stadium einer globalen Nachhaltigkeitsrevolution befinden.

Ein Umdenken ist alternativlos

Doch neue Technologien allein werden es auf keinen Fall richten, wenn nicht ein komplettes Umdenken einsetzt. Hier scheint jeder Einzelne gefragt.

Auch unterwegs können Sie die Umwelt schonen und Müll vermeiden.

"Jahrzehntelang hat die Politik im Grunde nur abgewartet, vertröstet, auf Freiwilligkeit gesetzt. Der Markt würde es schon richten, so der Irrglaube", erklärt Markus Zipf von der Deutschen Umwelthilfe. "Durch den Klimawandel haben wir jetzt eine noch nie dagewesene existenzielle Bedrohung, mit der wir umgehen müssen. Dieser Bedrohung kann man nicht allein mit Freiwilligkeits- und Selbstverpflichtungserklärungen beikommen." Doch wie ist es tatsächlich um die Bereitschaft der Bevölkerung bestellt, Einschränkungen zu akzeptieren?

Motivation durch Information?

Gemäß Dr. Adrian Brügger, Umweltpsychologe an der Universität Bern, sind Menschen vor allem dann zum Handeln bereit, wenn sie sich von einem Problem betroffen fühlen und glauben, etwas dagegen tun zu können. So kann das Wissen um die lokalen Auswirkungen des Klimawandels bei vielen Menschen die Bereitschaft fördern, sich für den Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen.

Betroffenheit allein ist allerdings keine Garantie, denn welche psychologischen Prozesse im Menschen ausgelöst werden, wenn sie mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert werden, ist individuell sehr unterschiedlich. Angsteinflößende Bedrohungsszenarien können bei manchen Menschen genau das Gegenteil bewirken und dazu führen, den Klimawandel zu verdrängen oder zu bagatellisieren.

Klimawandel: Die Welt im Jahr 2050

Dass die Erderwärmung enorme Folgen für uns alle haben wird, ist vielen immer noch nicht bewusst. Doch eine neue Prognose zeigt, dass Berlin in 30 Jahren wohl so warm ist, wie die australische Hauptstadt.

Wie kann man den Bürger erreichen?

Der Instrumentenkasten der Umweltpolitik lässt wesentlich mehr zu als nur Verbote. Dr. Jan-Hendrik Kamlage vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen ist überzeugt, dass man lieber mit Anreizen, Marktmechanismen und Umgestaltungen öffentlicher Räume und Infrastrukturen arbeiten solle.

Man müsse den Menschen die Möglichkeit geben, ihr Verhalten anzupassen und sich mittel- und langfristig auf die geforderten Änderungen einzustellen, zum Beispiel indem man einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr als Alternative zum Auto anbietet, öffentliche Räume Schritt für Schritt klimafreundlich umgestaltet und das Fliegen teurer macht.

Die Verbotskeule sei nicht das Mittel der Wahl, gerade weil sie viele Menschen gegen die Maßnahmen aufbringen würde. Das Problem sei zweifellos der enorme Zeitdruck, so Dr. Kamlage. "Wir brauchen keine kurzfristigen symbolischen Aktionen, sondern eine klare Politik aus einem Guss mit einer langfristigen Orientierung." Das bringe natürlich die an Wahlperioden orientierte Politik an ihre Grenzen.

Verbote als Ultima Ratio?

Auch Markus Zipf von der Deutschen Umwelthilfe sieht Verbote als problematisch an, denn sie werden als Gängelung empfunden, der Mensch fühlt sich in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt. Andererseits gibt es jede Menge Regeln, Regulierungen und Gesetze, die allgemein akzeptiert sind und nicht in Frage gestellt werden wie z.B. die Straßenverkehrsordnung oder das Steuerrecht.

Notwendige Weichenstellungen, die jetzt unweigerlich kommen müssen und sicher auch Einschränkungen zur Folge haben, sollten idealerweise als sinnvolle und selbstverständliche Regelungen verstanden werden, die dabei helfen, den Klimawandel in seinen dramatischen Auswirkungen zumindest einzugrenzen. Dabei müssen "Einschränkungen" wie etwa der maßvollere Genuss von Fleisch oder die unterlassene Flugreise nicht gleichbedeutend sein mit weniger Lebensqualität.

Gibt es eine Schmerzgrenze?

Je länger man wartet und je später man eingreift, umso härter fallen die Interventionen aus. Da man in Bezug auf die fossilen Energieträger zu lange gewartet hat, stehen jetzt bestimmte klimapolitische Forderungen wie Verbote von Öl- und Gasheizungen im Raum, weil die Klimaziele anders nicht erreicht werden können.

Auch das Thema Pendler ist ein Symptom für Versäumnisse: Einerseits hat man den öffentlichen Verkehr nachrangig behandelt, andererseits die Pendler mit der Pendlerpauschale sogar noch honoriert. Die verspätete Reaktion habe nun zur Folge, dass Härtefälle entstehen, erläutert Markus Zipf, die für die Betroffenen sozial abgefedert werden müssen. Man wird den Pendlern nicht von heute auf morgen eine Alternative bieten können, denn der Ausbau des öffentlichen Verkehrs dauert seine Zeit.

Während der Übergangsfristen sollte denjenigen Pendlern, die keine Alternative zum Pendeln haben, unter die Arme gegriffen werden. Allerdings gibt es manchmal durchaus Alternativen wie Fahrgemeinschaften, mit dem Fahrrad zum Zug etc., die aber aus Bequemlichkeit nicht genutzt werden.

Die Aufgabe der Politik

Aufgrund des enormen Zeitdrucks muss man zweifelsohne schnell gegensteuern. Neben sinnvollen Anreizstrukturen könne man auch viel über Marktmechanismen wie etwa den Europäischen Zertifikatshandel regeln, so Dr. Kamlage.

Anstatt ein Verbot auszusprechen, sollte man die Dinge, die sich negativ auf die Umwelt auswirken, besser mit einem Malus und den realen Kosten versehen, die diese in der Umwelt verursachen. Leider ist damit auch eine soziale Schieflage verbunden.

Hier ist die Politik gefragt. Sie muss einerseits Ausgleichsmechanismen entwickeln und andererseits prozesshaft und kontinuierlich vorgehen, so dass alle Akteure am Markt die Chance haben, sich mittel- und langfristig auf die Veränderungen einzustellen.

Verwendete Quellen:

  • Expertengespräch mit Dr. Jan-Hendrik Kamlage, Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI)
  • Expertengespräch mit Markus Zipf von der Deutschen Umwelthilfe
  • Dr. Adrian Brügger: "Wenn der Klimawandel vor der Tür steht", Das Online-Magazin der Universität Bern
  • Graeme Maxton: "Change. Warum wir eine radikale Wende brauchen", Komplett-Media 2018
  • SRF Sternstunde Philosophie: Yves Bossart im Gespräch mit Graeme Maxton
  • SRF Sternstunde Philosophie: Yves Bossart im Gespräch mit Al Gore
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