• Nach einer Corona-Infektion haben manche Menschen noch über Monate mit Beschwerden zu kämpfen.
  • Die genauen Ursachen für Long COVID sind noch unklar.
  • Doch aktuelle Studien geben Hinweise, wer besonders gefährdet ist.

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Viele schütteln eine COVID-19-Erkrankung rasch ab und können ihren Alltagsaktivitäten schon bald wieder uneingeschränkt nachgehen. Doch jeder Vierte bis jeder Zwanzigste kommt danach lange Zeit nicht wieder richtig auf die Beine.

Millionen Menschen weltweit kämpfen noch Wochen und Monate nach der akuten Erkrankung mit Beschwerden wie bleierne Erschöpfung, Kurzatmigkeit, Gedächtnisstörungen, trockenem Husten oder Kopf- und Muskelschmerzen.

Die Risikofaktoren für einen schweren Verlauf von COVID-19 sind weit besser verstanden als diejenigen für Long COVID. Dennoch zeichnen sich nach und nach Faktoren oder Konstellationen ab, die das Auftreten von Long COVID fördern. In welchem Ausmaß sie das Risiko tatsächlich steigen lassen, ist zwar noch unklar. Dennoch sind diese Erkenntnisse erste Schritte in Richtung einer zielgerichteten Diagnose und Therapie, im Idealfall auch einer Vermeidung von Langzeitfolgen.

Long COVID nach schwerem und mildem Verlauf

Man könne die Long-COVID-Betroffenen grob in zwei Gruppen unterteilen, sagt Akiko Iwasaki, Immunologin von der Yale University, im Gespräch mit Todd Unger von der American Medical Association.

In die erste Gruppe fallen diejenigen Menschen, die wegen einer schweren COVID-19-Erkrankung lange im Krankenhaus und sogar intensivmedizinisch betreut werden mussten.

Etwa die Hälfte von ihnen trägt dauerhafte oder länger andauernde Beschwerden davon. Ende April haben britische Forscher und Forscherinnen der Universität Cambridge mit der Erkenntnis Aufsehen erregt, dass bei einem schweren COVID-Verlauf das Gehirn um bis zu 20 Jahre altern und entsprechend an Leistung verlieren kann.

Die zweite Long-COVID-Gruppe beträfe fünf bis 30 Prozent der Menschen, die nach einer Infektion nur relativ leichte Symptome gehabt hätten, sagt Iwasaki. Warum gerade sie unter Langzeitfolgen leiden, ist noch rätselhaft.

Long COVID in jeder Altersgruppe

Laut Zahlen aus Großbritannien treten Long-COVID-Symptome hauptsächlich auf bei:

  • Menschen zwischen 35 und 49 Jahren (27 Prozent),
  • dicht gefolgt von den 50- bis 69-Jährigen (26 Prozent)
  • und den Ü-70-Jährigen (18 Prozent).

Allerdings: langanhaltende Beschwerden nach der akuten Infektion können Menschen jeglichen Alters treffen, auch Kinder. Es gibt keine Altersgruppe, in der das Risiko bei Null liegt.

Frauen stärker betroffen

Frauen erkranken seltener schwer an COVID-19 als Männer. Bei Long COVID scheint es genau andersherum zu sein. Verschiedene Studien zeigen, dass Frauen, insbesondere zwischen 40 und 60, ein größeres Risiko haben als Männer im gleichen Alter.

Warum Frauen hier empfindlicher sind, ist unklar. Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, dass das weibliche Immunsystem eher dazu neigt, gegen den eigenen Körper zu arbeiten. Frauen sind daher ganz allgemein häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen.

Autoantikörper und besondere Antikörper-Signatur

Personen, die zum Zeitpunkt der Corona-Diagnose oder danach Antikörper im Blut haben, die sich gegen körpereigene Strukturen richten, sogenannte Autoantikörper, haben ein höheres Risiko für Long COVID. Möglicherweise werden einige der Symptome durch autoimmunologische Reaktionen verursacht. Eine überschießende Immunreaktion fördert die Bildung von Autoantikörpern. Um dies zu verhindern, könnten sich antientzündliche Medikamente eignen, die allerdings rechtzeitig im Krankheitsverlauf gegeben werden müssten.

Forschende der Universität Zürich haben eine bestimmte Antikörper-Signatur während der akuten Infektion mit dem späteren Auftreten von Long COVID in Zusammenhang bringen können. Neben den Autoantikörpern sind danach ungewöhnlich wenige Antikörper der "Sorte" IgM und IgG3 in der frühen Infektionsphase ein Anzeichen für drohende langfristige Beschwerden.

Hohe Viruslast zu Beginn erhöht Risiko für Long COVID

Infizierte, die gleich zu Beginn ihrer Erkrankung besonders viel Virus in sich tragen, haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko für einen chronischen Verlauf. Entweder haben diese Personen bereits bei der Ansteckung eine gehörige Virusmenge "abbekommen" – ein Mund-Nasen-Schutz kann dies zuverlässig verhindern – oder der Immunabwehr ist es besonders schlecht gelungen, das Virus zu kontrollieren.

Antivirale Medikamente könnten, rechtzeitig eingenommen, die Viruslast senken und Long COVID so entgegenwirken.

Vorerkrankungen als weiterer Faktor

Asthma, psychische Erkrankungen und ein Diabetes-Typ-2 erhöhen ebenfalls das Long-COVID-Risiko. Ein gestörter Zuckerstoffwechsel kann Entzündungsprozesse fördern. Auch eine Adipositas kurbelt die Ausschüttung von Entzündungsstoffen und die Produktion von autoaggressiven Antikörpern an.

Möglicherweise sind das Gründe dafür, warum Menschen mit einem Body-Mass-Index von 30 und mehr nicht nur ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Corona-Infektion, sondern auch für Long COVID haben.

Schlummernde Epstein-Barr-Viren werden reaktiviert

Ungefähr 90 Prozent der Bevölkerung sind mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) infiziert. Dieses Virus bleibt uns, wie auch die anderen Vertreter der Herpes-Virus-Familie, nach einer akuten Infektion lebenslang erhalten. Sein Genom überdauert im Körper in einigen Immunzellen, den B-Zellen.

Long COVID tritt nun, wie US-amerikanische Forschende entdeckten, bei den Menschen häufiger auf, bei denen das EBV im Zuge der Corona-Infektion reaktiviert wird und Viruspartikel im Blut auftauchen.

Mehr Symptome - höheres Risiko

Mit Hilfe einer in Großbritannien üblichen COVID-App, deren Nutzer freiwillig Daten zu Symptomen angeben, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Kings College London zudem herausgefunden: Infizierte, die in der ersten Krankheitswoche mehr als fünf Symptome angeben, erkranken dreieinhalb mal häufiger an Long COVID als Menschen mit weniger Symptomen.

Turbulenzen im Darm-Mikrobiom

Die Darmschleimhaut ist die größte Kontaktfläche unseres Körpers mit der Außenwelt. In den Lymphknoten und Geweben vor Ort halten sich unzählige Immunzellen auf. Kein Wunder, dass all die Mikroorganismen, die diese Oberfläche besiedeln, die Aktivitäten der Immunabwehr im Darm, aber auch im ganzen Körper beeinflussen.

Menschen, die während einer akuten Corona-Infektion an Fülle und Vielfalt ihres Darmmikrobioms verlieren, haben ein höheres Risiko für lang anhaltende Beschwerden nach COVID-19, wie Forschende der Chinese University of Hong Kong herausfanden.

Welche Rolle der Impfstatus und mehrfache Infektionen spielen

Die Corona-Impfung senkt das Risiko für Long COVID laut einiger Studien um etwa 50 Prozent. Die Impfung schützt also nicht alle vor chronischen Folgen, was Experten wie die Immunologin Akiko Iwasaki im Gespräch mit "Nature" enttäuschend findet. Sie vermutet, dass dies besonders der Delta-Variante des Virus geschuldet sei.

Statistisch ist es schwierig, das Long-COVID-Risiko bei Menschen zu bestimmen, die trotz einer Impfung an Corona erkranken. Bei solchen Durchbruchinfektionen machen viele Betroffene keine Tests, weil sie nur leichte oder gar keine Symptome haben. In den Berechnungen sind deshalb all diejenigen nicht enthalten, die überhaupt nichts von einer Infektion mitbekommen haben.

Allein in Großbritannien haben sich inzwischen Hunderttausende mehrfach mit Corona angesteckt. Wie Menschen auf die erste und auch auf weitere Infektionen reagieren, steht und fällt mit der Stärke der Immunabwehr. Bisher gibt es keine Informationen darüber, ob eine zweite Infektion, mit oder ohne zusätzlichen Impfschutz, das Risiko für Long COVID senkt oder gar erhöht.

Unklare Definition, unklares Risiko

Auch mehr als zwei Jahre nach dem Beginn der Pandemie ist die Studienlage leider immer noch unübersichtlich. Das liegt zum Beispiel daran, dass nicht jeder Untersuchung die gleiche Definition von Long COVID zugrunde liegt. Es gibt Unterschiede, welche Symptome überhaupt zu Long COVID gehören und wie lange sie anhalten müssen. Doch solange Forschende nicht einheitlich sagen könnten, wer Long COVID eigentlich habe, sei es unmöglich zu prognostizieren, wen es mit größter Wahrscheinlichkeit treffe, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Katherine Wu in "The Atlantic".

Die Unsicherheiten kommen auch dadurch zustande, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Mechanismen, die für die langanhaltenden Folgen einer Corona-Infektion verantwortlich sind, bisher nur spekulieren können. Ein möglicher Grund für die Beschwerden könnte sein, dass die Infektion verschiedene Organe geschädigt hat. Ein anderer, dass nach wie vor Viren oder Virusbestandteile im Körper vorhanden sind, Entzündungsprozesse andauern und die Infektion autoaggressive Immunreaktionen getriggert hat. Vermutlich sind all diese Prozesse mal mehr mal weniger beteiligt.

Was man inzwischen mit Sicherheit sagen kann: Long COVID ist ein Überbegriff für verschiedene Erkrankungen, die ihren Ursprung in einer akuten Corona-Infektion haben. Dieses Bündel an chronischen Langzeitschäden wird in Zukunft nicht nur unterschiedliche Diagnoseverfahren, sondern auch vielfältige Therapieansätze erfordern.

Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Die Recherchen wurden über die Riff freie Medien GmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
Long COVID bei Kindern

Studie: Wie viele Kinder haben wirklich Long COVID?

Long COVID bei Erwachsenen ist eine von der Weltgesundheitsorganisation klar definerte Erkrankung. Sie tritt meist drei Monate nach einer Corona-Infektion auf. Die Symptome sind Müdigkeit, die Schwierigkeit sich zu konzentrieren und Kurzatmigkeit.