Der Autor und Journalist Hans-Henning Scharsach hat sich in mehreren Büchern kritisch mit dem Einfluss schlagender Verbindungen auf die FPÖ beschäftigt. Er ist überzeugt: Parteichef Heinz-Christian Strache hat diese nicht im Griff.

Wie erklären Sie einem ausländischen Beobachter den starken Einfluss der Burschenschaften in Österreich?

Hans-Henning Scharsach: Es gab nach Kriegsende ein kleines politisches Biotop in diesem Land, das sich jedem Lernprozess verweigert und die antifaschistische Bundesverfassung nie akzeptiert hat. Das waren die deutschnationalen schlagenden Burschenschaften.

Obwohl auch die FPÖ einst als Auffangbecken für ehemalige Nazis gegründet wurde, waren sie eine mehr oder wenige geächtete kleine Minderheit am äußerst rechten Rand der Partei.

Unter Jörg Haider machten sie im FPÖ-Klub nur zehn Prozent aus. Er hat sie kaum zu Wort kommen lassen und sich lieber mit jungen, telegenen Männern umgeben: der Buberlpartie.

Wann hat sich das geändert?

Heinz-Christian Strache hat die Buberlpartie gegen eine Burschenpartie ausgetauscht. Inzwischen ist ihr Anteil im Parlamentsklub der FPÖ von zehn auf 40 Prozent angestiegen.

Da es Burschenschaften nur im Umfeld von Universitäten und im städtischen Bereich gibt – nie am Land –, ist das sehr viel. Man hat ihnen alles gegeben. Wo immer ein Burschenschafter zu finden war, hatten Nicht-Burschenschaften keine Chance.

Sechs von neun FPÖ-Landesverbänden sind in der Hand von Burschenschaftern, bei den anderen sitzen sie in der zweiten Reihe. Die FPÖ gehört den Burschenschaften.

Nach Bekanntwerden des Skandals um die Liederbücher der Germania Wiener Neustadt hat Strache erklärt, dass die FPÖ mit Burschenschaftern nichts zu tun hätte. Glaubhaft?

Das zeigt, wie er mit der Wahrheit umgeht. Die Burschenschaften sehen sich selbst als ideelle und ideologische Vorfeldorganisation der FPÖ.

Auch wenn sie nicht formal parteigebunden sind, gibt es bestimmt keinen Burschen, der etwas anderes wählt als die FPÖ.

War dieses Liederbuch ein Einzelfall?

Das ist der widerlichste Text, der mir je unterkam, und insofern ist es wohl eine Ausnahme. Aber viele Texte von Nazipoeten sind immer noch burschenschaftliches Allgemeingut. Gut möglich, dass derzeit eine große Vernichtungsaktion von Liederbüchern stattfindet.

Glauben Sie, dass Strache die Burschenschafter in seinen Reihen im Griff hat?

Nein, ganz sicher nicht. Er ist zum Beispiel mit seinen Versuchen einer Annäherung an Israel an den Burschenschaften gescheitert.

Strache fuhr 2010 nach Israel, weil er die dortige Regierung als Verbündeten im Kampf gegen den politischen Islam gewinnen wollte. Damals sind in Wien die Telefone heiß gelaufen.

Am Ende trat er in Yad Vashem, der Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust, mit einer Burschenschafterkappe auf. Eine schlimmere Verhöhnung hat sich bisher kein westlicher Politiker zuschulden kommen lassen.

Sie unterstellen Burschenschaftern grundsätzlich eine antidemokratische, deutschnationale Haltung. Warum? Und warum schließen Sie aus, dass es auch Ausnahmen gibt?

Es gibt in Österreich – anders als in Deutschland – keine liberale Burschenschaft. Das Bekenntnis zum deutschen Vaterland ist obligatorisch.

Publikationen aus dem burschenschaftlichen Lager, zu nennen sind etwa "Zur Zeit“ oder die "Aula“, sind einschlägig rechtskräftig verurteilt.

Nach dem Krieg haben sich die Burschenschaften geweigert, selbst schlimmste Naziverbrecher auszuschließen. Immer noch werden einige von ihnen beim traditionellen Totengedenken gewürdigt.

Umgekehrt halten sich die Burschenschaften zugute, in der Vergangenheit auf der Seite der Demokratie gekämpft zu haben.

Schon beim ersten Wartburgfest 1816 – aus Sicht der Burschenschafter der Aufbruch in eine demokratische Gesellschaft – kam es zu einer Bücherverbrennung. Die zweite große Bücherverbrennung fand 1933 statt, organisiert von Burschenschaften und unterstützt von der Sturmabteilung.

Können die Burschenschafter die Regierungsbeteiligung der FPÖ gefährden?

Ich denke, dass deren starke ideologische Positionierung für die Partei zum Problem werden kann. Es ist nicht auszuschließen, dass das zu einer Parteispaltung führen kann.

Und was heißt das für Kanzler Sebastian Kurz, der mit der FPÖ koaliert?

Ich denke, dass es für ihn ein Riesenproblem ist – auch wenn Kurz so tut, als ob er keine ausländischen Zeitungen lesen würde. Seit es diese Koalition gibt, hagelt es negative Schlagzeilen. Das kann nicht in seinem Interesse sein.

Hans-Henning Scharsach ist Journalist und Autor. Er arbeitete unter anderem bei der Tageszeitung "Kurier" und dem Nachrichtenmagazin "News", bei dem er bis zu seiner Pensionierung 2006 stellvertretender Chefredakteur war.
Scharsach gilt als Experte für Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Neonazismus. Er setzt sich seit den 1970er-Jahren gegen Rassismus und Ausgrenzung ein. Der 74-Jährige ist Autor von FPÖ-kritischen Büchern wie "Stille Machtergreifung: Hofer, Strache und die Burschenschaften" (2017) oder "Haiders Kampf" (1993).