Auf sie mit Gebrüll: Bei Frank Plasberg lassen die Gäste ihren Corona-Frust an den Länderchefs aus. Norbert Röttgen kündigt ihre De-Facto-Entmachtung an, wenn sie an den Lockerungsplänen festhalten.

Christian Bartlau
Eine Kritik
von Christian Bartlau
Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Wenn Angela Merkels Auftritt bei Anne Will am Sonntag eine behutsame Fehlersuche war, dann ist "Hart aber fair" einen Tag später eine Art kollektiver Frustabbau: Alle Gäste dürfen sich mal so richtig, pardon, auskotzen. Die Buhmänner sind auch bei Frank Plasberg die Ministerpräsidenten – ein CDU-Grande kündigt sogar ihre Entmachtung in der Coronapolitik an, wenn sie nicht von ihren Lockerungsplänen abrücken.

Das sind die Gäste bei "Hart aber fair"

Melanie Amann, Leiterin des "Spiegel"-Hauptstadtbüros, kann dem Konfrontationskurs von Angela Merkel gegen Armin Laschet und Co. etwas abgewinnen: "Bisher wurde immer der faulste Kompromiss durchgesetzt. Jetzt sind die Fronten so verhärtet, dass Merkel vielleicht (…) mit einer bundesweiten Regelung macht, was sie machen will."

"Es war noch nie in der Pandemie so ernst und gefährlich, wie wir wissen, dass es jetzt beginnt zu werden." Was Norbert Röttgen, Präsidiumsmitglied der CDU, damit sagen will: "Es ist nicht die Zeit zum Diskutieren, sondern zum Handeln." Weil die MPK "dysfunktional" sei, müsse das nun der Bundestag übernehmen.

Politikwissenschaftler Herfried Münkler lässt kein gutes Haar an den Landesfürsten: "Angela Merkel ist die einzige, die eine Exponentialfunktion beherrscht. Für die anderen sind das einfach Schätzungen, die nicht eintreten."

"Die Menschen haben die Nase voll", sagt Publizistin Marina Weisband. "Aber nicht von den Maßnahmen, sondern vom Hin und Her." Es gebe sogar eine Mehrheit für einen vernünftigen Lockdown.

Die "Erbsünde" in der Pandemie sei das Impfdebakel, meint "Politico"-Korrespondent Matthew Karnitschnig. Die Entschuldigung von Angela Merkel für die Osterruhe hätte es nicht gebraucht: "Sie hätte sich für die vielen Toten in den Altersheimen und anderswo entschuldigen müssen, das sind Abertausende, über die redet keiner mehr."

Klaus von Dohnanyi, Elder Statesman der SPD, sollte quasi aus dem Homeoffice zugeschaltet werden, aber sein Computer bockte. Auch irgendwie ein passender Kommentar zur Gesamtsituation.

Das ist der Moment des Abends

"Mütend" lautet der Begriff der Stunde, ein Kofferwort aus müde und wütend. Beides trifft offensichtlich auf Marina Weisband zu, die "kein Verständnis" mehr hat für Ministerpräsidenten, die zu Beginn der dritten Welle dringend lockern wollen.

"Ich sitze seit einem Jahr mit einem Kleinkind zu Hause", sagt die Grünen-Politikerin, "aber ich bin bereit, kurzfristig noch härtere Einschränkungen in Kauf zu nehmen, weil es jetzt darum geht, die Zahlen zu drücken, Tote zu verhindern, und die Wirtschaft zu retten."

Diese Einsicht, sagt Weisband, teile die Mehrheit der Bevölkerung – und letztlich wollten selbst die Querdenker nur eine klare Perspektive auf einen normalen Sommer. "So gespalten ist die Gesellschaft gar nicht." Vielleicht eine etwas naive Haltung – aber immerhin mal etwas Optimismus.

Das ist das Rede-Duell des Abends bei "Hart aber fair"

Von Optimismus keine Spur dagegen bei Hauptstadtjournalistin Melanie Amann. Angela Merkel habe keine klare Ansage gemacht, von den Ministerpräsidenten höre sie nur "Lippenbekenntnisse": "Es ist mir völlig schleierhaft, wie der weitere Kurs ist, und das bei explodierenden Zahlen. Ich halte das wirklich für organisierte Lebensgefahr für uns alle."

Norbert Röttgen nimmt Merkel in Schutz – die Kanzlerin habe gesagt, dass der Bund die Corona-Gesetzgebung an sich reißt, wenn die Länder nicht effizientere Maßnahmen setzen. "Das ist eine Interpretation", motzt Amann. Nein, entgegnet Röttgen, und bringt den Bundestag als Player ins Spiel. Amann, noch immer unzufrieden: "Wo ist denn der Gesetzesentwurf zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes der Unionsfraktion?"

Röttgen räumt den Ländern eine Art Ultimatum ein, das auch Angela Merkel schon angedeutet hatte: Wenn nächste Woche keine schärferen Maßnahmen aus den Ländern kommen, werde der Bund die Dinge in die Hand nehmen. "Letzte Woche ist klar geworden: Die MPK funktioniert nicht mehr. Das war eine Zäsur. Ab jetzt wird es anders."

So hat sich Frank Plasberg geschlagen

"Verzeihung, wir haben da eine Frage: Scheitert Deutschland in der Krise?"

Gegenfrage: Es ist für uns alle der 13. Pandemie-Monat, wir sind Corona-müde, und nach müde kommt doof. Aber muss man deswegen so einen merkwürdigen Sendungstitel fabrizieren, liebe "Hart aber fair"-Redaktion? Darüber bitte in der zweiwöchigen Osterruhe nachdenken – und mit frischer Inspiration wiederkommen.

Das ist das Ergebnis

"Wir müssen die Pandemie bekämpfen, nicht den Lockdown", sagt Marina Weisband. Aber woran liegt's, dass dieser Kampf derzeit mit Pauken und Trompeten verloren geht?

Ganz oben auf der Liste haben alle Gäste den Föderalismus – nur wäre der leicht auszuhebeln, meint Melanie Amann: "Im Infektionsschutzgesetz wurden die Kompetenzen den Ländern übertragen, das kann man rückgängig machen. Stattdessen wird weiter rumgewurschtelt."

Beim Impfen hätte sich Deutschland mehr Impfnationalismus trauen müssen, meint Norbert Röttgen: "Es ist nämlich kein Nationalismus, wenn man seine Bürger schützt." Aus falsch verstandener Moral habe man die Aufgabe an die EU delegiert, die gar nicht das Werkzeug für die Aufgabe besessen habe. Wichtig sei nun: Tempo, auch über die Feiertage – keine Osterruhe für die Impfzentren.

Nicht fehlen darf bei der Fehlersuche ein Klassiker: Die Digitalisierung, genauer gesagt die fehlende Digitalisierung in der Verwaltung. "Wir können Verwaltung nicht mehr so gut wie früher", meint Röttgen, der aber auch nicht in Sack und Asche gehen will. So habe das "vielleicht weltbeste" Gesundheitssystem sehr vielen Menschen das Leben gerettet, anders als in den USA und Großbritannien. Noch sei Deutschland außerdem weit von einer katastrophalen Lage wie etwa in Irland entfernt, "es ist möglich, es ist noch nicht vorbei".

Aber die Leute bräuchten "ein Ziel vor Augen", meint Marina Weisband - das hätte sie sich von Merkels Auftritt bei "Anne Will" gewünscht. Weisbands Vorschlag: "Wir können im Sommer ins Freibad, wenn wir alle noch einmal einen harten Lockdown machen." Deal!