• Die Frage, ob es das Christkind gibt, bewegt jedes Jahr wieder zahllose Kinderherzen.
  • Die kleine Virginia wollte es ganz genau wissen und schickte ihr Anliegen per Leserbrief an eine Zeitung.
  • Das ist nun schon 123 Jahre her. Die Antwort veränderte ihr Leben und berührt bis heute Menschenherzen.

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Es klingt wie ein Weihnachtsmärchen, doch es ist eine wahre Geschichte. Wir schreiben das Jahr 1897, die kleine Virginia O'Hanlon ist acht Jahre alt und lebt in New York, als sie - genau wie viele Kinder heute - eine Frage schwer beschäftigt: "Gibt es das Christkind?" (Im Original: "Is there a Santa Claus?")

Ihre Eltern sind offenbar um eine Antwort verlegen, denn im September 1897 erhält die "New York Sun" diesen Leserbrief:

  • LIEBER REDAKTEUR: Ich bin acht Jahre alt.
    Manche meiner kleinen Freunde sagen, es gibt kein Christkind.
    Papa sagt: "Was in der ,Sun' steht, ist auch so."
    Bitte sagen Sie mir die Wahrheit. Gibt es das Christkind?

    VIRGINIA O’HANLON.
    115 WEST NINETY-FIFTH STREET

Virginias Brief bleibt nicht unbeachtet. Der Redakteur Francis P. Church verfasst eine lange Antwort, mit der sowohl er als auch Virginia in die Geschichte eingehen werden. Laut dem "Newseum", einem Journalismus-Museum in Washington, ist Churchs Beitrag der am häufigsten nachgedruckte Leitartikel in englischer Sprache und wurde in viele andere Sprachen übersetzt. Bis zur Einstellung der "Sun" 1950 erscheint er dort Jahr für Jahr an Weihnachten - und seither in zahlreichen anderen Medien auf der Welt. Auch in Büchern, Filmen, Serien und auf Postern werden Teile von Churchs Artikel zitiert.

"Ja, Virginia, das Christkind gibt es"

Und so lautet die Antwort von Francis P. Church auf Virginias Brief:

"Virginia, deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie sind beeinflusst von der Skepsis eines skeptischen Zeitalters. Sie glauben nur an das, was sie sehen. Sie glauben, dass nichts sein kann, was ihr kleiner Verstand nicht fassen kann. Aller menschliche Verstand ist klein, Virginia, sei es der von Erwachsenen oder von Kindern. In unserem großen Universum ist der Mensch mit seinem Geist ein bloßes Insekt, eine Ameise verglichen mit der grenzenlosen Welt über ihm, gemessen an jener Intelligenz, die die ganze Wahrheit zu begreifen vermag.

Ja, Virginia, es gibt das Christkind. Es gibt es so gewiss wie die Liebe und die Großzügigkeit und die Treue. Und du weißt ja, dass es sie gibt und dass sie dein Leben erst so schön machen.

Ach! Wie trostlos wäre die Welt, wenn es kein Christkind gäbe. Sie wäre so trostlos, wie wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie, keine Romantik, die dieses Leben erst erträglich machen. Die einzige Freude fänden wir nur in dem, was wir sehen können. Das ewige Licht, mit dem die Kindheit die Welt erfüllt, wäre ausgelöscht.

Nicht an das Christkind glauben! Du könntest ebenso gut nicht an Feen glauben! Du könntest deinen Papa bitten, Leute anzustellen, die dem Christkind auflauern und es einfangen; aber selbst wenn sie das Christkind nicht sähen, was würde das beweisen? Niemand sieht das Christkind, aber das ist kein Beweis, dass es das Christkind nicht gibt. Die wirklichsten Dinge in der Welt sind jene, die weder Kinder noch Erwachsene sehen können. Hast du jemals Feen gesehen, wie sie auf der Lichtung tanzen? Natürlich nicht, aber das ist kein Beweis dafür, dass sie nicht dort sind. Niemand kann all die unsichtbaren Wunder der Welt begreifen oder sie sich vorstellen.

Du kannst die Babyrassel auseinanderbauen und nachsehen, was die Geräusche erzeugt. Doch die unsichtbare Welt ist von einem Schleier umhüllt, den nicht der stärkste Mann, noch nicht einmal alle stärksten Männer aller Zeiten zusammen zerreißen könnten. Nur Glaube, Phantasie, Poesie, Liebe, Romantik vermögen diesen Vorhang zu lüften. Nur so sind all die überirdische Schönheit und der Glanz dahinter zu erkennen. Ist all das denn wahr? Ach, Virginia, in der ganzen Welt ist nichts wahrer und beständiger.

Das Christkind lebt, und es wird ewig leben. Noch in tausend Jahren, Virginia, nein, noch in zehnmal zehntausend Jahren wird es das Herz der Kindheit mit Freude erfüllen."

Brief veränderte Virginias Leben

Virginia O'Hanlon selbst sagte später, die Antwort von Francis P. Church habe ihr weiteres Leben "sehr stark" und positiv beeinflusst. Sie habe es als ihre Verantwortung betrachtet, all das Wunderbare, das Church beschreibt, Teil ihres Lebens sein zu lassen: Glaube, Liebe, Poesie, Romantik.

Acht Jahre vor ihrem Tod sinnierte sie in einem Radio-Interview über Churchs Worte: "Je älter ich werde, desto klarer wird mir, welch eine perfekte Lebensphilosophie sich doch darin verbirgt." (af)


Verwendete Quellen: