• Manche Menschen leiden auch lange nach einer Infektion mit dem Coronavirus unter Symptomen wie Erschöpfung und Kurzatmigkeit.
  • Bislang sind die Ursachen von Long COVID und auch die Therapiemöglichkeiten noch nicht ausreichend erforscht.
  • Betroffene haben aber selbst einige Möglichkeiten, um ihren Alltag besser zu bewältigen und die Symptome zu lindern.
Ein Interview

Wer eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden hat, ist deshalb noch lange nicht gesund: Schätzungen zufolge leiden etwa 7,5 bis 41 Prozent der Menschen, die an COVID-19 erkrankt waren, auch danach noch an Symptomen wie Erschöpfung oder Atemnot. Das bezeichnet man auch als Long COVID.

Eine der Betroffenen ist die Psychologin Stefanie Nüßlein. Sie infizierte sich im Dezember 2020 mit dem Coronavirus. Sie hatte einen milden Verlauf – und litt dennoch lange unter den Langzeitfolgen der Infektion, die sie zum Teil noch bis heute spürt. Sie war stark erschöpft und hatte Probleme, sich zu konzentrieren.

Weil bislang nur wenig über Long COVID bekannt ist, machte sich die Psychologin selbst auf die Suche nach etwas, das ihr helfen könnte. Sie wandte sich an die Ärztin Dr. Cornelia Ott und entwickelte gemeinsam mit ihr ein Selbsthilfeprogramm. In dem Buch "Mit Long COVID zurück ins Leben" beschreiben die beiden Expertinnen, was Betroffenen helfen kann.

Frau Nüßlein, Frau Ott, was sind eigentlich typische Symptome bei Long COVID?

Stefanie Nüßlein: Eine Studie aus Großbritannien hat mehr als 200 verschiedene Symptome bei Betroffenen gezeigt. Das häufigste Symptom ist Fatigue – eine anhaltende Erschöpfung und Müdigkeit, die sich auch durch viel Schlaf nicht beseitigen lässt. Oft zeigen sich auch neurologische Auffälligkeiten, wie zum Beispiel Probleme bei der Konzentration und Aufmerksamkeit oder chronische Schmerzen.

Was ist über die Ursachen von Long COVID bekannt?

Dr. Cornelia Ott: Noch werden die Ursachen nicht ausreichend verstanden. In unserem Buch beschreiben wir fünf unterschiedliche Hypothesen, wie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf der ganzen Welt die Entstehung der Langzeitfolgen erklären. Eine Hypothese bezieht sich auf das Immunsystem, das nach der Infektion wahrscheinlich noch nicht wieder zur Ruhe gekommen ist. Andere wissenschaftliche Studien zeigen zum Beispiel die Schädigungen der Gefäßinnenwände sowie eine erhöhte Neigung zu Blutgerinnseln. Aber auch die Fehlbesiedlung des Darms und Störungen der Energieversorgung innerhalb der Zellen könnten die diffusen Beschwerden von Long COVID verursachen.

Long COVID: Diese Strategie funktioniert nicht

Was ist der wichtigste Schritt für Betroffene?

Nüßlein: Der erste und wohl wichtigste Schritt: Annehmen, was ist. Das ist aber viel leichter gesagt als getan. Long COVID wirft einen langen Schatten auf das Leben vieler Betroffener. Oft waren das kerngesunde, leistungsstarke Menschen, die durch ihre belastenden Symptome nun ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Das ist natürlich schwer zu akzeptieren. Doch innere Glaubenssätze wie "Du schaffst das schon", "Streng dich an" oder "Reiß dich zusammen" sind die falsche Strategie.

Was kann sonst helfen?

Nüßlein: Wenn die Symptome noch sehr stark sind, ist es wichtig, Grenzen zu spüren und ein Gefühl für die eigenen Körpersignale zu entwickeln. Dabei geht es darum, gewohnte Verhaltensmuster zu erkennen und zu hinterfragen. An schlechten Tagen ist es oft das einzige Ziel, den Tag so gut es geht zu überstehen, indem man sich nicht unter Druck setzt und neue Routinen für sich entwickelt.

Inwiefern spielen sowohl die Psyche wie auch der Körper bei Long COVID eine Rolle?

Nüßlein: Das eine geht nicht ohne das andere. Es braucht zunächst eine wohlwollende, achtsame Beziehung zum eigenen Körper. Nur so wird es gelingen, Grenzen zu spüren und die eigene Energie mit den richtigen Strategien wiederaufzuladen. Hierbei helfen zum Beispiel mentale Entspannungsübungen genauso wie eine bewusste Ernährung oder leichte, gut dosierte Bewegung.

Was passiert, wenn Betroffene sich körperlich oder psychisch überanstrengen?

Nüßlein: Dann kommt es zum sogenannten Crash. Das bedeutet, dass Symptome schlimmer werden und der Gesundheitszustand sich massiv verschlechtert. Es dauert dann Tage oder sogar Wochen, bis Betroffene sich von diesem Rückfall erholen. Als selbst Betroffene weiß ich, wovon ich spreche. Ich habe erst mit der Zeit festgestellt, dass ich meine Symptome durch einen achtsamen Umgang mit mir selbst beeinflussen kann.

Was sind Ihre Top-3-Tipps gegen Stress und für mehr Ruhe im Alltag?

Nüßlein: Was hilft, sind ausreichend Schlaf, regelmäßige Pausen- und Essenszeiten und eine große Portion Achtsamkeit, um mit dem jeweiligen Energielevel gut über den Tag zu kommen.

Faktor Ernährung: Transfette sind tabu

Wie geht es weiter, wenn die Symptome nachlassen?

Nüßlein: Dann geht es darum, die Balance zwischen Ruhe und Aktivität zu finden und sich an guten Tagen nicht völlig zu verausgaben. Wenn das gelingt, können Betroffene den Blick nach vorne richten und achtsam und bewusst Körper und Geist trainieren.

Im Buch wird dazu geraten, bei Long COVID besonders auf die Ernährung zu achten. Was ist dabei besonders wichtig?

Ott: Bisher ist die Behandlung von Long COVID symptomorientiert. So wie Betroffenen bei Atemstörungen Atemgymnastik empfohlen wird, ist es aufgrund des überschießenden Immunsystems sinnvoll, sich antientzündlich zu ernähren. Zudem gibt es hiermit bereits gute Erfolge bei anderen Autoimmunerkrankungen.

Wie funktioniert das?

Ott: Das Gute daran ist, dass man sofort beginnen kann: Raffinierte Zucker und minderwertige Fette – allen voran die Transfette aus frittierten Produkten – weglassen, gleichzeitig ausreichend Eiweiß zu sich nehmen und regelmäßig über den Tag verteilt essen, um Energietiefs zu vermeiden. An Nahrungsmittelunverträglichkeiten sollte gedacht werden, da diese Entzündungen aufrechterhalten oder verschlimmern können. Und nicht zuletzt können Mikronährstoffe, Pflanzenstoffe und die Darmflora unterstützende Präparate den Erfolg erleichtern.

Studie zu Long COVID und Gehirnnebel: Ist das die Ursache für "Brain Fog"?

Long COVID ist eine von der Weltgesundheitsorganisation klar definierte Erkrankung. Sie tritt meist drei Monate nach einer Corona-Infektion auf. Eines der häufigsten Symptome ist der: "Brain Fog", auch bekannt unter dem Begriff Gehirnnebel.

Gibt es eine Chance, dass Long COVID ausheilt – und wie lange dauert das?

Ott: Bislang kann man das leider nicht sagen. Aktuell werden zum Beispiel Medikamente erforscht, die sich auf die Durchblutung oder das Immunsystem auswirken. Auch Verfahren, wie beispielsweise die Sauerstoffhochdrucktherapie werden derzeit auf ihre Wirksamkeit bei Long COVID untersucht. Bis heute gibt es aber keine ursächlichen Medikamente oder Therapien für Long COVID. Umso wichtiger war es uns, Betroffenen Maßnahmen an die Hand zu geben, die sich sofort umsetzen lassen, um Immunsystem und Gesundheit zu fördern.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Nüßlein: Das ist für viele Betroffene eine große Herausforderung! Zum einen, weil die Symptome so vielfältig sind, dass man zunächst gar nicht weiß, an welchen Facharzt man sich eigentlich wenden muss. Zum anderen, weil nicht alle Ärzte die beschriebenen Beschwerden richtig einzuordnen wissen. Betroffene beklagen oft, dass ihre Symptome abgetan und ignoriert oder aus Unwissenheit auf psychiatrische oder andere psychosoziale Belastungen geschoben werden.

Wie geht man am besten vor?

Nüßlein: Wir empfehlen, sich zunächst an seinen Hausarzt zu wenden und Fachärzte und Therapeuten aufzusuchen, die bereits Erfahrungen in der Behandlung von Long COVID oder dem chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) haben. Darüber hinaus gibt es tolle Betroffenen-Netzwerke, wie zum Beispiel die Long COVID Selbsthilfegruppe bei Facebook.

Über die Expertinnen:
Stefanie Nüßlein ist Psychologin. Im Dezember 2020 infizierte sie sich mit COVID-19. Obwohl sie einen milden Verlauf hatte, leidet sie noch heute unter den Langzeitfolgen ihrer Infektion. Sie entwickelte aus ihren eigenen Erfahrungen heraus ein Selbstcoaching-Programm für Menschen, die unter Long COVID leiden.
Dr. Cornelia Ott ist Fachärztin für Innere Medizin und hat sich auf Ernährungs- und Mikronährstoffmedizin spezialisiert.

Verwendete Quellen:

  • Buch: Stefanie Nüßlein und Dr. Cornelia Ott: Mit Long COVID zurück ins Leben. Eine Anleitung für mehr Energie, Lebensqualität und Gesundheit, München 2022
  • Gespräch mit Psychologin Stefanie Nüßlein und Dr. Cornelia Ott, Fachärztin für Innere Medizin
  • Vasileios Nittas et. al.: Long COVID Through a Public Health Lens: An Umbrella Review, in: Public Health Reviews, 15. März 2022
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