Eine Geschichte eines angeblichen Whistleblowers aus einem Pflegeheim in Berlin geht viral – doch sie führt in die Irre. Angeblich sollen acht Menschen dort aufgrund der Impfung gegen das Coronavirus gestorben sein. Die Recherche zeigt jedoch: Tatsächlich waren die Betroffenen an COVID-19 erkrankt.

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Eine Kolumne
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Die Webseite 2020News, die zur Stiftung Corona-Ausschuss gehört, verbreitete Behauptungen über das "schreckliche Sterben" von Menschen in einem Berliner Pflegeheim nach der Corona-Impfung.

Es wurde behauptet, es seien dort acht Menschen infolge der Impfung gestorben. Zudem wurde dem Pflegeheim vorgeworfen, die Menschen nicht richtig informiert und unter Druck gesetzt zu haben. Dieselben Behauptungen wurden auch auf Webseiten wie Wochenblick, Corona-Blog, Journalistenwatch und auf Telegram verbreitet.

Bericht des angeblichen Whistleblowers führt in die Irre

CORRECTIV.Faktencheck hat beim Betreiber des Pflegeheims und der Amtsärztin des zuständigen Gesundheitsamts Berlin-Spandau nachgefragt. Beide bestätigten uns: Der Bericht des angeblichen Whistleblowers führt in die Irre. In dem Heim war das Coronavirus ausgebrochen. Es starben sechs Menschen, die zuvor an COVID-19 erkrankt waren.

Ein Pressesprecher hat uns die Abläufe in dem betroffenen Pflegeheim "Agaplesion Bethanien Havelgarten" in Berlin detailliert geschildert. Demnach wurden am 27. und 29. Dezember alle Bewohnerinnen und Bewohner negativ auf das Coronavirus getestet. Am 3. Januar erhielten 32 von 35 Bewohnern eines Wohnbereichs für Menschen mit Demenz die erste Impfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer. Die anderen drei wurden nicht geimpft, weil von ihnen oder ihren Angehörigen keine schriftliche Zustimmung vorlag.

Am 4. Januar seien die ersten COVID-19-Symptome aufgetreten. Zwischen dem 4. und 9. Januar wurden 13 Personen in dem Demenz-Wohnbereich positiv auf das Coronavirus getestet. Von den infizierten Menschen seien im Laufe des Januars sechs gestorben, sieben seien wieder genesen.

Die zweite Impfung im Wohnbereich für Demenz wurde am 24. Januar durchgeführt; es wurden dabei 24 Menschen geimpft. Bei zwei Personen sei die zweite Impfung wegen des Gesundheitszustandes nicht durchgeführt worden.

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Diakonie widerspricht Vorwürfen: Es sei "zu keiner Zeit" zu "übergriffigen Handlungen" gekommen

In dem Bericht von 2020News wird behauptet, die Bewohner seien durch die Anwesenheit der Bundeswehr bei der Impfung eingeschüchtert worden; eine Frau sei festgehalten worden. Die zweite Impfung sei "ohne Vorwarnung" geschehen. Die Diakonie bestreitet das. Sie betont, bei den Impfungen sei es "zu keiner Zeit zu übergriffigen Handlungen oder Zwängen" gekommen. Beide Impftermine seien vorab angekündigt und bekannt gewesen.

Zur Unterstützung des Amtsarztes sei bei der ersten Impfung ein Bundeswehrsoldat anwesend gewesen. Er habe aber "zu keiner Zeit direkten Kontakt zu Bewohnerinnen und Bewohnern" gehabt, sondern nur bei der Dokumentation geholfen. Bei der zweiten Impfung sei kein Soldat anwesend gewesen. Die Unterstützung von mobilen Impfteams durch die Bundeswehr ist bei mobilen Impfteams auch in Berlin üblich.

Von schwereren Nebenwirkungen der Impfung berichtet der Betreiber nicht. Es habe bei den Bewohnerinnen und Bewohnern "leichte Symptome von Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schmerzen an der Einstichstelle" gegeben, teilte das Unternehmen mit. "Hierbei handelt es sich um die im Aufklärungsmerkblatt angegebenen typischen Impfreaktionen."

Gesundheitsamt Berlin-Spandau bestätigt Todesfälle durch COVID-19

Die Amtsärztin des zuständigen Gesundheitsamts Berlin-Spandau, Gudrun Widders, bestätigte uns, dass aus dem Pflegeheim sechs Todesfälle gemeldet wurden und diese Menschen zuvor an COVID-19 erkrankt waren. Die sechs Verstorbenen seien sehr alt gewesen – die jüngste Person war 1942 geboren, die älteste 1922.

Alle seien wenige Tage nach der ersten Impfung mit PCR-Tests positiv getestet worden und in unterschiedlichem zeitlichem Abstand gestorben. "Es wurde hier in die Inkubationszeit hinein geimpft", sagte Widders. In so einem Fall könne die Impfung die Erkrankung nicht verhindern. Die Todesfälle seien nicht auf die Impfung, sondern auf COVID-19 zurückzuführen.

Schutzwirkung der Impfung tritt nicht sofort ein

Es ist möglich, auch nach der ersten Impfdosis noch an COVID-19 zu erkranken, weil die Schutzwirkung erst später eintritt. Laut Robert-Koch-Institut tritt sie erst etwa zehn Tage nach der ersten Impfdosis ein. Für einen kompletten Schutz seien bei dem Pfizer/Biontech-Impfstoff zwei Impfdosen im Abstand von mindestens drei Wochen nötig.

Im Fall des Berliner Pflegeheims lag zwischen der ersten Impfung (3. Januar) und den ersten Corona-Symptomen (4. Januar) nur ein Tag. Der letzte negative Corona-Test aller Bewohner lag zu diesem Zeitpunkt bereits mindestens fünf Tage zurück (27. und 29. Dezember 2020). Es ist also möglich, dass sich jemand in der Zwischenzeit infiziert hat.
Auch auf der Webseite der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZGA) wird erklärt, dass ein positiver Corona-Test nach einer Impfung folgende Ursachen haben könne: Entweder sei die geimpfte Person bereits vor der Impfung infiziert gewesen und befand sich in der Inkubationszeit (die durchschnittlich fünf bis sechs Tage dauert), oder die Person hat sich kurz nach der Impfung angesteckt.

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