"Ist diese Kirche noch zu retten?" will Anne Will am Sonntagabend wissen. Dabei geht es vom jüngsten Missbrauchsskandal bis zum kirchlichen Arbeitsrecht. Eine Antwort gab es freilich nicht, dafür aber einige klare Worte und eine Forderung an Papst Benedikt XVI.

Christian Vock.
Eine Kritik
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Nein, Corona macht natürlich keine Pause, ganz im Gegenteil. Nur bei "Anne Will" hat die pandemische Monothematik der vergangenen Monate am Sonntagabend eine kurze Auszeit. Das Thema ist aber nicht weniger brisant, denn es geht um das vor kurzem veröffentlichte Gutachten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising und den fehlenden Konsequenzen der Verantwortlichen. Dementsprechend fragt Anne Will: "Missbrauch, Lügen, Vertuschung - ist diese Kirche noch zu retten?"

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Mit diesen Gästen diskutierte Anne Will

  • Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
  • Matthias Katsch, Mitbegründer und Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch"
  • Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90 / Die Grünen), Bundestagsvizepräsidentin
  • Ingrid Matthäus-Maier (SPD), Politikerin und Juristin (aus Bonn zugeschaltet)
  • Christiane Florin, Redakteurin für Religion und Gesellschaft beim Deutschlandfunk

Der Fehlstart des Abends

Die jüngste Ausgabe von "Anne Will" startet denkbar schlecht, denn sie startet gar nicht. Zumindest nicht für alle, die die Talk-Show nicht am TV-Gerät, sondern via Live-Stream sehen wollten. "Diese Sendung steht Ihnen aus rechtlichen Gründen leider nicht zur Verfügung" ist dort statt Anne Will zu sehen.

Auf Twitter kommt dann um 22.10 Uhr die Präzisierung: "Leider funktioniert unser Livestream gerade nicht einwandfrei - gemeinsam mit @DasErste arbeiten wir daran." Immerhin ist die Sendung dann in der ARD-Mediathek diesmal bereits um kurz vor halb zwölf und damit erheblich früher als sonst abrufbar.

Darüber diskutierte Anne Will mit ihren Gästen

"Es handelt vom Leid von mindestens 497 Betroffenen von sexualisierter Gewalt. Handelt vor allem aber von der Missachtung dieses Leids, von der systematischen Vertuschung und Verharmlosung, in die auch der emeritierte Papst Benedikt verstrickt ist", fasst Anne Will für die Zuschauer in aller Kürze den Inhalt des Gutachtens zusammen und setzt damit den Ausgangspunkt für das, was in der kommenden Stunde zu bereden sein wird.

Zum Beispiel die Reaktion der Kirche nach dem Gutachten, insbesondere die Reaktion von Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising. Auch wenn er ihm seine Betroffenheit abnimmt, glaubt Matthias Katsch, dass Marx hätte zurücktreten müssen. Ihm fehle zudem etwas Entscheidendes: "Heute morgen schrieb einer auf Twitter: Und wer rettet eigentlich die Betroffenen? Darum geht es eigentlich", erklärt Katsch in Bezug auf das Thema der Sendung.

Doch Katsch geht es nicht alleine um die Person Marx oder um "die Bischöfe, die dieses Desaster angerichtet haben": "Das Austauschen von Personen alleine ändert natürlich nichts. Ich glaube das System ist gescheitert und deswegen geht es letztlich um die Frage nach einem Systemwechsel", findet Katsch.

Auch von Christiane Florin möchte Will eine Einschätzung der Reaktionen hören: "Ich hab' das Wort 'Erschütterung' schon 2010 gehört, dann 2018, als die eben schon erwähnte MHG-Studie vorgestellt wurde, und jetzt wieder Erschütterung. (…) Dann schaue ich mir das Personaltableau an und sehe: Die sind alle noch da", erklärt die Journalistin. Georg Bätzing hält den Verbleib von Marx im Amt des Erzbischofs hingegen für richtig, sieht darin sogar das Übernehmen von persönlicher Verantwortung, "indem er gestaltet, was jetzt zu verändern ist."

Florin sieht dabei aber einige offene Fragen und fehlende Antworten, auch von Kardinal Marx: "Man könnte zum Beispiel mal erklären: Warum sind eigentlich die Kinder nicht wichtig gewesen? Man könnte zum Beispiel sagen: Die Kleriker sind mir wichtiger, denn das sind meine Brüder. Die waren mir einfach näher, was interessiert mich da ein Kind? (…) Man könnte aber auch einmal sagen: Ich hab' gelogen. Das Wort habe ich auch noch nicht gehört. Es wurde aber gelogen in der ganzen Zeit. Es wird dann immer als Lernprozess verkauft, aber es war eigentlich oft die Unwahrheit, die gesagt wurde - vermutlich wissentlich."

Von Bätzing wünscht sich Anne Will eine Einschätzung der Auswirkungen für die Kirche: "Wie groß ist der Schaden für die Kirche, dass ein amtlicher Papst der Falschaussage überführt ist?" Die Antwort ist wenig überraschend: "Der Schaden ist immens", urteilt Bätzing und meint damit die Reputation des Papstes. Dann folgt eine direkte Forderung an Benedikt: "Er muss sich äußern und er muss sich über seine Berater hinwegsetzen und im Grunde den schlichten, einfachen Satz sagen: Ich habe Schuld auf mich geladen. Ich habe Fehler gemacht, ich bitte die Betroffenen um Verzeihung. Anders geht das nicht."

Der Schlagabtausch des Abends

Als Ingrid Matthäus-Maier zum ersten Mal zu Wort kommt, macht die Juristin vom Start weg keine Gefangenen. Wichtiger als "Betroffenheitsrhetorik" sei für sie die Frage: "Was ist das konkrete Handeln für die kommenden Wochen und Monate?" Und dann legt sie los, was die Kirche ihrer Meinung nach tun müsste:

  • 1. Alle vorhandenen Fälle der Staatsanwaltschaft übergeben.
  • 2. Die Archive öffnen, denn "eine Institution, die so mit der Wahrheit umgeht und sie vertuscht: Woher wissen sie denn, dass die nicht auch noch Akten vernichtet?"
  • 3. Auch "die Politik" trage Verantwortung, denn die habe "es so laufen lassen". "Das muss aufhören!"
  • 4. Berufsverbote für die, die sich strafbar gemacht haben. "In der katholischen Kirche sind sie ja nicht kleinlich mit Berufsverboten", erklärt Matthäus-Maier in Anspielung auf zum Beispiel geschiedene Arbeitnehmer in der katholischen Kirche.
  • 5. Eine Untersuchungskommission "und zwar eine staatliche".
  • 6. Zivilrechtliche Konsequenzen: "Was jetzt an Entschädigung gezahlt wird, ist in den meisten Fällen lächerlich."

"Das ist wider besseres Wissen", antwortet Kirchenvertreter Bätzing sofort, als Matthäus-Maier endet und fährt fort: "Es gibt diese Konsequenzen. Alle Fälle, die bekannt sind, sind den Staatsanwaltschaften übergeben. Wir reden hier von 75 Jahren Untersuchungszeitraum. Die allermeisten Täter sind leider Gottes verstorben. Alle, die Täter sind und leben, werden einem kirchlichen Verfahren zugeordnet, weil die Staatsanwaltschaften gar nichts mehr unternehmen können wegen Verjährung und anderer Fälle. Wenn ein kirchliches Gericht diese Fälle … dann kommt ein Berufsverbot."

Als Katsch daraufhin fordert, dass auch in strafrechtlich nicht mehr relevanten Fällen wenigstens die Täter ermittelt werden, folgt auch von Bätzing Klartext: "Das ist die Pflicht, der wir uns unterziehen. Da sage ich auch schonungslos: Es müssen alle Taten schonungslos aufgedeckt werden, es müssen Ross und Reiter genannt werden: Wer waren die Täter und wer waren die, die sie geschützt, versetzt, verschoben, vertuscht haben?"

So schlug sich Anne Will

Ob nun die Archive geöffnet werden, warum das kirchliche Arbeitsrecht nur "geprüft" und nicht gleich geändert werden soll oder ob Bätzing garantieren kann, dass homosexuellen oder geschiedenen Mitarbeitern nicht gekündigt wird: Will stellt klare Fragen, auf die es eigentlich nur klare Antworten geben kann, und die bekommt sie in der Regel auch.

"Wir müssen das verändern", erklärt etwa Bätzing zu erwähnter Garantie, die er momentan nicht geben könne und geht noch einen Schritt weiter: "Wir haben Menschen zutiefst verletzt und tun das bis heute."

Die Erkenntnisse des Abends

"Ist diese Kirche noch zu retten?" wollte Anne Will laut Titel an diesem Abend herausfinden. Das in einer Talkshow herauszufinden, ist natürlich schwierig. Aber es gab Indizien und die deuten eher auf eine Antwort "So jedenfalls nicht" hin. Mag sein, so der Tenor am Sonntagabend bei "Anne Will", dass es in der katholischen Kirche auch ehrliche Bemühungen um Aufklärung und Wiedergutmachung gibt. Aber das reicht nicht.

Was allen Beteiligten fehlt, ist ein echter Bewusstseins- und Systemwandel und nach dem sieht es derzeit nicht aus. Denn egal, was Georg Bätzing an Rechtfertigung in den Ring warf, es kam mit einem "Aber" von den anderen Gästen zurück geflogen. Und bei diesem "Aber" gelang dann in der Regel keine Rechtfertigung mehr.

Wenn die Kirche, bei all dem Guten, das sie auch ermöglicht, noch zu retten ist, dann, das wurde an diesem Abend mehr als deutlich, nur mit maximaler Transparenz, ehrlicher Demut und einem echten inneren Wandel, damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Das Traurige: Wirklich neu sind diese Erkenntnisse nicht.

Für die ersten drei Punkte hat Matthäus-Maier an diesem Abend Vorlagen geliefert. Beim Thema "innerer Wandel" sieht Matthias Katsch allerdings ein Problem: "Sie können doch als deutscher Bischof überhaupt nichts an der Lehre ändern." Doch genau das will Katrin Göring-Eckardt nicht mehr gelten lassen: "Deswegen wird es Regelungen geben müssen, die keine Rücksicht mehr darauf nehmen, was in Rom wer auch immer sagt oder auch nicht sagt."

Das Fazit

Es war eine gute, weil klare Diskussion ohne Gerede um den heißen Brei. Das gab es ohnehin schon viel zu lange.

Teaserbild: © NDR/Wolfgang Borrs