Am Donnerstagabend diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen über die Teilmobilmachung des Kremls, Widerstand in Russland und eine neu ausgerichtete Ostpolitik. Während ein Militärexperte den Einsatz nuklearer Waffen für nicht besonders wahrscheinlich und mit hohen Risiken für Putin verbunden sah, hielt er eine ganz andere Frage für viel bedeutender.

Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Marie Illner dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Putin hat in einer Fernsehansprache die Teilmobilmachung der russischen Streitkräfte angekündigt. Demnach werden 300.000 Reservisten einberufen. Beobachter werten das als Zeichen für Putins aussichtslose Lage und sehen seine Autorität bröckeln. Aber ist nicht gerade ein in die Ecke getriebener Putin ein gefährlicher Putin? Eine von vielen Fragen des Abends.

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Das ist das Thema bei "Illner"

Es ging um die Teilmobilisierung Putins, die Scheinreferenden in den besetzten Gebieten und vor allem die damit verbundenen Fragen: "Wie gefährlich ist Putins Schwäche?" und "Was bedeutet das für den Westen?". Dabei ging es um Atomwaffen und Versäumnisse der Vergangenheit ebenso wie um eine Neuausrichtung der Ostpolitik, Blaupausen für die China-Politik und Widerstand in Russland.

Das sind die Gäste

  • Lars Klingbeil (SPD): Der Parteivorsitzender beobachtete: "China bewegt sich weg von Russland." Peking hätte lange sehr fest an der Seite Moskaus gestanden. Nun würden sich Bündnispartner oder vermeintliche Bündnispartner von Russland distanzieren. "Putin versucht uns Angst zu machen", war sich Klingbeil sicher. Er versuche uns in Abwägungsfallen hineinzubringen – etwa, ob man russisches Territorium angreife, wenn Scheinreferenden zu einem Anschluss an Russland führten.
  • Carlo Masala: "Jetzt geht es sozusagen um die ethnischen Russen, und das könnte eine ganz andere Dimension sein", sagte der Militärexperte zur Teilmobilmachung. Es handele sich um einen Verzweiflungsakt. Putin schicke 300.000 schlecht ausgebildete Männer an die Front. "Er schickt jede Menge Kanonenfutter an die Front", so Masala. Zur nuklearen Bedrohung meinte er: "Der Preis für den Einsatz von Atomwaffen ist für Putin extrem hoch". China und Indien würden ihm nicht beistehen, er würde international isoliert.
  • Rüdiger von Fritsch: "Putin war noch nie so unter Druck wie jetzt, international wie auch innenpolitisch", befand der frühere deutsche Botschafter in Moskau. "Putin ist nicht verrückt. Er ist nicht irrational. Er handelt nach einer anderen Rationalität und in der ist er rational", meinte von Fritsch. Den Einsatz von Atomwaffen hielt er zum jetzigen Zeitpunkt für unwahrscheinlich. "Zuhause müsste er fürchten, das Volk endgültig gegen sich zu haben", so der Diplomat.
  • Norbert Röttgen (CDU): Der Außenpolitiker sagte über Putin: "Es ist das Stadium erreicht, dass seine Autorität bröckelt. Er musste etwas tun". Die Teilmobilisierung sei scheinbar befreiend, in Wirklichkeit aber kontraproduktiv. Er mache den jungen Menschen in Russland Angst, außerdem dauere der Schritt mehrere Wochen. Er warnte jedoch: "In dem Augenblick, in dem Putin etwas erreicht, wird er weitermachen". Wenn der Status vor dem Krieg erreicht würde, sei viel zerstört worden, aber für Russland nichts gewonnen.
  • Sabine Adler: Die langjährige Osteuropa-Korrespondentin des "Deutschlandfunks" sagte: "Das Wort 'Mobilmachung' hat ausgereicht, um Panik auszulösen". Man werde abwarten müssen, ob es eine wirkliche Protestwelle gebe, oder ob die Menschen mit den Füßen abstimmten.
  • Katrin Eigendorf: Die ZDF-Auslandsreporterin sagte: "Wenn wir uns heute mit der Frage beschäftigen: Was wird Putin tun? Und was ist die richtige Reaktion des Westens? Dann müssen wir den Blick auf die Gesamtlänge des Konfliktes legen." Putin habe dem Westen den Krieg angesagt. Der Westen sei über Jahre den Weg der Diplomatie und der Zugeständnisse gegangen. Nun habe er klare Kante gezeigt. "Und auf einmal steht Putin mit dem Rücken zur Wand. Er hat einen Fehler nach dem anderen gemacht. Da muss man sich doch einmal fragen: Was ist eigentlich die richtige Politik im Umgang mit diesem Regime?

Das ist der Moment des Abends bei "Illner"

Diplomat von Fritsch brachte mitten in der Sendung eine wichtige Erklärung, die auch einiges über die russische Seele offenbart. Er warf die Frage auf: "Zum Vorwurf des Faschismus, der immer wieder auftaucht in der Debatte: Warum taucht das immer wieder auf? Warum spielt das eine solche Rolle, so einen groben Unfug zu behaupten?".

Die Antwort gab er sich selbst: "Weil es einer der letzten Punkte ist, auf die sich Wladimir Putin mit seinem Volk einigen kann. Das ist, was das Volk einmal geeint hat – der Kampf gegen Faschisten. Er muss behaupten: Da stehen wir wieder", analysierte von Fritsch.

Mit der Rolle rückwärts versuche er, das Volk zusammenzuführen. Ansonsten habe er nichts anzubieten. "Wird dieses Bündnis zwischen ihm und dem Volk halten? Im Moment würde ich sagen, stehen die Menschen überwiegend noch auf seiner Seite, aber das muss nicht auf Dauer gut gehen", so der Diplomat.

Vladimir Putin

Kreml: Krieg in Ukraine ist weiter "Spezialoperation"

Trotz der Teilmobilisierung betrachtet Russland den Krieg gegen die Ukraine rechtlich weiter als «militärische Spezialoperation». Präsident Wladimir Putin hatte am Vortag die Teilmobilmachung verfügt, um mehr Soldaten für den Einsatz in der Ukraine zu bekommen.

Das ist das Rede-Duell des Abends

"Es war ein breiter gesellschaftlicher Konsens zu sagen: Wir nehmen gerne das billige russische Gas", meinte SPD-Politiker Klingbeil. Die Politik und seine Partei hätten Fehler gemacht, gab er zu. "Es gibt ein Denken, dass man mit Russland kooperieren will", erinnerte er. Die Vorkommnisse in Georgien und auf der Krim habe man in der Masse aber nicht richtig gedeutet. Als Porteivorsitzender müsse er sich fragen, wie die neue Ostpolitik ausgerichtet sei.

Journalistin Adler stürzte sich da drauf: "Herr Klingbeil, die Leute wollen wissen, wer ihnen diese Suppe eingebrockt hat! Warum die Gaspreise jetzt so durch die Decke gehen. Sie haben eine Menge gesagt, aber Sie haben genau das nicht gesagt!", warf sie im vor. Ross und Reiter müssten genannt werden. "Das ist in dieser extrem schwierigen Situation für dieses Land einfach wichtig", meinte sie.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Maybrit Illners Moderation war unauffällig und relativ geräuschlos. Das lag zum einen daran, dass die Debatte zu einem späten Zeitpunkt der Sendung von alleine in Schwung kam, aber auch an den recht nüchternen Fragen: "Hat die Ukraine noch genug Reserven?" oder "Woher kommen 300.000 Menschen?" und "Ist das die Wende im Krieg?" wollte die Moderatorin wissen.

Illner hätte die Debatte nicht unbedingt scharfmachen müssen, was aber geholfen hätte: ein konsequenter Abgleich der Diskussion mit der Lebensrealität der Zuschauer. An manchen Stellen hätte Illner dann noch einmal rückfragen können: "Was bedeutet das fürs Publikum vor dem Fernseher?"

Das ist das Ergebnis bei "Illner"

Versäumnisse der Politik in der Vergangenheit, unklarer Fortgang des Krieges und Uneinigkeit über die Intensität der westlichen Unterstützung – das war lauwarmer Kaffee. Welche Frage allerdings neu auf den Tisch kam – leider ohne vollständig beantwortet zu werden, war die Frage danach: "Wie verhindern wir, dass mit China dasselbe passiert?". Militärexperte Masala war sich sicher: "Über diese Frage reden wir zu selten!". Sie müsse beim Thema Neuausrichtung der Politik eine bedeutendere Rolle spielen.

Verwendete Quellen: