Ein Spaziergang sind ihre Interviews für die Politiker nicht: Corinna Milborn hat mit den Puls4-Sommergesprächen den TV-Wahlkampf eröffnet. Im GMX-Interview gewährt sie einen Blick hinter die Kulissen, zieht Bilanz - und äußert sich auch über Felix Baumgartner.

Ausweichen ist bei ihr schwierig. Wenn Puls4-Moderatorin und -Infochefin Corinna Milborn etwas von ihrem Interviewpartner wissen will, lässt sie so schnell nicht locker.

Kommenden Montag steht noch das Sommergespräch mit Peter Pilz an, dann hat sie alle Spitzenkandidaten interviewt. Im Gespräch mit unserer Redaktion zieht sie Bilanz.

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GMX: Sie sind mit den Sommergesprächen vor dem ORF gestartet. Was ist ihre erste Bilanz nach den Gesprächen mit den Spitzenkandidaten?

Corinna Milborn: Es wird ein intensiver Wahlkampf. Die Gespräche waren intensiv vorbereitet, sehr inhaltsreich, und die Parteichefs sehr engagiert bei der Sache – von zurückgelehntem Sommer-Feeling ist nichts zu spüren. Es geht für alle Parteichefs jetzt um sehr viel, und das merkt man an der Anspannung.

Wo liegen die besonderen Herausforderungen für Sie als Moderatorin dieser Gespräche?

Mein Ziel ist, die Persönlichkeiten und das Programm so gut herauszuarbeiten, dass die Zuseher wissen, mit wem sie es zu tun haben. Dazu sind reine Wahlkampfreden nicht geeignet. Das Gespräch in die Bahnen zu lenken und trotzdem für die Zuhörer angenehm zu gestalten – also nicht ständig zu unterbrechen – ist bei manchen eine Herausforderung!

Gibt es von Seiten der Parteien oder Kandidaten auch Interventionen im Vorfeld?

Wir teilen den Gästen immer die äußeren Umstände mit: die Länge des Gesprächs, dass wir sitzen, dass Publikum da ist und auch Fragen stellt. Aber zum Inhalt sage ich im Vorfeld nichts. Das akzeptieren auch alle.

Waren die Kandidaten gut vorbereitet?

Ja, es sind alle erstaunlich gut vorbereitet und bereit für den Wahlkampf – zumindest im Einzelgespräch. Ich denke, die Sommergespräche sind auch eine gute Gelegenheit, sich auf die Duelle im Herbst vorzubereiten. Da werden bei allen noch die Köpfe rauchen, ich bin schon sehr gespannt darauf: Wir lassen jeden mit jedem diskutieren.

Die Sommergespräche sind traditionell etwas moderater. Vor der Wahl kommen dann die Konfrontationsrunden der Kandidaten. Glauben Sie, dass der Wahlkampf noch an Härte zulegen wird?

Definitiv – auch wenn ich mir das nicht wünsche: Ich finde, dass der Ton schon jetzt zu aggressiv ist. Wir sprechen von Politikern, die Verantwortung für das Land übernehmen wollen. Da wäre ein etwas moderaterer Ton – auch gegenüber dem Ausland – manchmal zuträglich.

Sebastian Kurz hat einen Wechsel in der heimischen Politik eingeläutet. Erstmals stellt er sich als Person zur Wahl und nicht eine Partei. Auch Kern und Strache legen den Wahlkampf nun viel persönlicher an. Glauben Sie, dass das zu einer Wende in der heimischen Politik führen wird?

Das ist kein rein österreichisches Phänomen: Auch in Frankreich, Deutschland, Großbritannien erleben wir, dass die klassischen Parteien in den Hintergrund treten und Personen immer wichtiger werden. Ich glaube kaum, dass diese Entwicklung aufzuhalten ist.

Ist das Lagerdenken Geschichte? Warum wollen die Menschen keine traditionellen Parteien mehr, sondern rücken bei ihrem Wahlverhalten immer öfter die handelnden Personen in den Mittelpunkt?

Ich sehe eher einen Anstieg des Lagerdenkens. Dass sich Personen duellieren und nicht Parteien mit ihren ausgearbeiteten Programmen und vielfältigen Mitgliedsstrukturen verstärkt das eher.

Wir haben das in Österreich ja schon im Bundespräsidentschaftswahlkampf erlebt: Die Erfolge von Van der Bellen und Griss waren viel größer als die der beiden Kandidaten der großen Parteien – trotz der Apparate im Hintergrund.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht bei dieser Wahl Social Media? Nehmen die Parteien beziehungsweise Kandidaten dieses Medium erst genug?

Der wichtigste Faktor in diesem Wahlkampf wird Fernsehen: Wer in den TV-Konfrontationen gewinnt, gewinnt Wähler. Danach kommt gleich Social Media. Dort werden die TV-Auftritte begleitet werden.

Bedenklich finde ich die mangelnde Transparenz beim Social-Media-Wahlkampf: Wir wissen nicht, wer künstliche Profile einsetzt und welchen Einfluss sie auf die Wahl haben werden. Wir wissen auch nicht, wer Unterstützer-Seiten betreibt, auf denen hemmungslos Gerüchte und Halbwahrheiten verbreitet werden – und wie sehr sie von den Parteien toleriert werden.

Wenn sich immer mehr Menschen nur dort informieren, ist das durchaus eine Gefahr für die Demokratie.

Wird mit Social Media nicht Fake News Tür und Tor geöffnet? Wie kann man dem begegnen?

Die europäische Politik muss die großen US-Medienunternehmen – wie Facebook und Google – endlich gleich behandeln wie europäische Medienunternehmen.

Ich zum Beispiel muss mich an ein Mediengesetz halten, und das ist gut so: Es ist verboten, Menschen zu verleumden, unüberprüft Lügen zu verbreiten, zu hetzen oder jemanden falsch zu beschuldigen.

Wenn wir es für richtig halten, dass Medieninhaber dafür verantwortlich sind, solche Regeln einzuhalten – warum gilt das dann nicht für Facebook oder Google? Das leuchtet mir nicht ein. Sie sollten sich an dieselben Regeln halten müssen wir wie alle – dann gäbe es viel weniger Fake News.

Das Thema Frauen in der Politik ist Ihnen ein großes Anliegen. Wie wichtig werden Frauenthemen in der österreichischen Politik genommen?

Angesichts dessen, dass die Hälfte der Bevölkerung weiblich ist, bin ich immer wieder bass erstaunt, wie wenig die Situation der Frauen eine Rolle spielt.

Wie kann es die Politik zum Beispiel einfach hinnehmen, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer? Ich glaube, dass der Kandidat, der ein überzeugendes Programm für Frauen vorlegt, es viel weiterbringen kann.

Ein besonders männliches Exemplar ist Felix Baumgartner. Mit ihm haben Sie ja einen öffentlichen Disput ausgetragen. Er wollte ja nicht zu Ihnen ins Fernsehen kommen, hat Sie aber zu Kaffee und Kuchen zu seiner Mutter eingeladen. Sie haben zugesagt. Hat sich Baumgartner schon gemeldet?

Ja, sehr schade, dass er nicht mit mir im TV diskutieren wollte, ich hätte das gern gemacht! Die Einladung steht, ich habe allerdings derzeit nicht die Zeit, dafür in die Schweiz zu reisen. Dorthin hat er mich ja eingeladen, "auf neutralen Boden, ohne Kameras". An sich ist das auch nicht notwendig – er kennt mich nicht, ich kenne ihn nicht, das war ja keine persönliche Sache.

Finden Sie es nicht feig von Ihm, dass er sich keiner öffentlichen Diskussion stellt?

Ja, denn ich hätte schon erwartet, dass er eine öffentliche Beleidigung auch öffentlich erklärt. Vor allem, weil es mir ja nicht um ein "Duell" ging, sondern ein Gespräch über Frauenbilder. Mich interessiert ja seine Sichtweise wirklich.

Zurück zur Wahl in Österreich: Wer ist aus Ihrer professionellen Sicht der aussichtsreichste Kandidat für die Nationalratswahl 2017?

Das beurteile nicht ich, sondern die Wähler. Für eines wollen wir jedenfalls sorgen: dass jeder die Programme und Kandidaten gut kennenlernt und gut informiert zur Wahl geht.

Am Montag, den 31. Juli 2017, ist Pilz zu Gast bei Puls4-Infodirektorin Corinna Milborn.
Am 4. September beginnt auf Puls4 der Intensiv-Wahlkampf mit dem ersten "Pro und Contra" zur Nationalratswahl.
Am 11. September, treffen sich dann Matthias Strolz und Ulrike Lunacek mit Heinz-Christian Strache zum ersten großen Duell: "Wahlkampf 2017! Die Duelle".