Sat.1 sucht den Wert des Menschen: So philosophisch, wie es klingt, ist es aber nicht. In der neuen Staffel von "Big Brother" können die Zuschauer 13 neue Kandidaten rund um die Uhr bewerten. Das Ziel: möglichst viel Krawall.

Meine Meinung
von Felix Reek

Einer nach dem anderen lesen die neuen Bewohner und Bewohnerinnen von "Big Brother" ihre Bewertungen vor:

  • "Jung, naiv, wenn sie nicht einmal die Woche heult."
  • "Nur von der Beschreibung geht er mir schon auf den Zeiger."
  • "Er wird uns mit seiner langweiligen Art nerven."
  • "Ich finde sie jetzt schon nervig und super anstrengend."

Willkommen bei "Big Brother" 2020, dem Jahr, in dem das Format Social Media für sich entdeckt. Oder das, was es dafür hält. Denn eigentlich kopiert die Show nur das Bewertungssystem von Amazon. Die Zuschauer können per App die Teilnehmer permanent mit Sternen von eins bis fünf bewerten oder Kommentare schreiben. Das Ziel: Herausfinden, "was ein Mensch wert ist".

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Der Zweck ist natürlich Unruhe zu stiften. Nicht, dass die Insassen wieder nur 100 Tage herumsitzen, Hanteln stemmen und rauchen. Sehr viel rauchen. Denn vor etwas mehr als vier Jahren war "Big Brother" eigentlich tot, versandet auf dem Nischensender Sixx.

Die Zeiten in denen Bewohner wie Zlatko Trpkovski oder Jürgen Milski zu Stars wurden, sind lange vorbei. Was natürlich auch daran lag, dass vor 20 Jahren, als das Format startete, Social Media keine Rolle gespielt hatte. Wer berühmt werden wollte, ohne besonders begabt zu sein, musste ins Fernsehen. Heute reicht dazu ein Profil auf YouTube oder Instagram.

"Big Brother" 2020: Ein Glashaus und eine Holzhütte

Da liegt es nur nahe, diese zwei Welten in "Big Brother" zusammenzuführen. Die 24-Stunden-Überwachung durch Kameras und der permanente Kontakt zu den Followern. Passenderweise geschieht dies in der neuen Staffel in einem Glashaus, das mit allem technischen Schnickschnack ausgestattet ist. Sogar ein Roboter fährt herum.

Hier sind die Kandidaten ständig den Kommentaren der Zuschauer ausgesetzt, die sie in der dazugehörigen App abgeben können. Im zweiten Bereich hingegen, der Holzhütte, ist alles beim Alten. Die Kandidaten müssen sich selbst versorgen, wie auch in den vorherigen Staffeln.

Was offenbar den größeren Reiz ausübt. Die meisten entscheiden sich für die bodenständige Holzhütte und ihre tierischen Bewohner, weil: "Ich find Hühner geil", wie es einer der Teilnehmer ausdrückt.

Das mag daran liegen, dass die Show und ihre Teilnehmer seltsam aus der Zeit gefallen sind. Die meisten der neuen Container-Insassen hätte auch vor 20 Jahren teilnehmen können. Sie beschreiben sich als "verrückt", "mit Dachschaden" oder "ein bisschen blond". Sie sind laut, reden viel und gehen ständig ins Fitnessstudio.

Bachelor-Klon Philipp spielt American Football, "was schön ist, weil man einem Typ mal legal auf die Schnauze hauen kann". Mac war schon einmal im Gefängnis, Cathleen ist zu Hause immer nackt, "weil es nervt halt, immer etwas anzuhaben", Pat geht nie ungeschminkt auf die Straße.

Selbst eine Kandidatin mit Arschgeweih ist dabei, falls sich jemand in den vergangenen Jahrzehnten gefragt hat, wo all die Trägerinnen dieses Tattoo-Trends geblieben sind.

Sex sells noch immer

Auffällig ist auch, wie viele der neuen Kandidatinnen und Kandidaten erklären, dass sie Single sind. Und mehr als bereit, das zu ändern. Mann oder Frau, sagt Kandidatin Michelle, "unabhängig vom Genital, vollkommen egal." Denn natürlich bestand der eigentliche Tabubruch vor 20 Jahren bei "Big Brother" nicht nur darin, dass Menschen 24 Stunden am Tag gefilmt wurden.

Sondern eben auch, dass sie beim Duschen gezeigt wurden und, wenn sie sich erst einmal an die Kameras gewöhnt hatten, im grünstichigen Licht der Nachtsichtkameras unter der Bettdecke miteinander kopulierten.

Psychologe analysiert für Sat.1 Gruppendynamik

Daran will der Sender offenbar auch 2020 nichts ändern. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es in der Auftaktfolge zweieinhalb Stunden dauert, bis das neue Konzept endlich zum Tragen kommt. Erst dann erfahren die Kandidaten, dass sie ihrer Beliebtheit entsprechend ins Haus eingezogen sind und sich einen Wohnbereich aussuchen durften.

Sieger ist Philipp, Schlusslicht Cathleen. Sonderlich zu interessieren scheint die beiden das nicht. Der Psychologe im Studio, der dem Ganzen offenbar so ein Restfitzelchen Seriosität verleihen soll, findet das aber nicht ungewöhnlich, weil sich erst jetzt die Gruppendynamik entfalte. Wer ändert sein Verhalten, um dem Publikum zu gefallen, wem setzt die Wertung mehr zu als dem anderen, bei wem gehen die Nerven durch. Zumindest in der Theorie.

Cathleen sieht das anders: "Urteilt nicht so hart, seid mal netter. Gebt den Menschen eine Chance. Jeder hat eine Chance verdient." Womit sie sicher recht hat. Nur eben nicht bei "Big Brother".

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