Anlässlich des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union soll am 31. Januar 2020 in London der berühmte Big Ben im Elizabeth Tower läuten. So will es der britische Premierminister Boris Johnson. Das aber wird teuer. Johnson muss mit der digitalen Sammelbüchse durchs Land ziehen.

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An Einfallsreichtum mangelt es Boris Johnson nicht. Das gilt besonders, wenn es um Marketing in eigener Sache geht.

Nachdem Londons einstiger Bürgermeister den jahrelangen Streit um das Ende der britischen Mitgliedschaft in der Europäischen Union am 9. Januar 2020 mit Hilfe des Parlaments formal beendet hat, steht dem Brexit zum 31. Januar 2020 praktisch nichts mehr im Wege.

Big Ben soll den Brexit verkünden

Wenn es so weit ist, soll nach dem Wunsch Johnsons und seiner konservativen Parteifreunde eine der bekanntesten Glocken der Welt die frohe Kunde in die Welt schicken: der 13,5 Tonnen schwere Big Ben soll um 23 Uhr britischer Zeit läuten.

Allerdings hat er das aufgrund aufwändiger Restaurationsarbeiten an dem bald 200 Jahre alten Turm seit 2017 nur zu bestimmten Anlässen getan: anlässlich eines Gedenksonntags im November zu den beiden Weltkriegen und zum Jahreswechsel.

"Weil Big Ben renoviert wird, scheinen sie den Klöppel weggenommen zu haben, also müssen wir den Klöppel wieder einsetzen, um Big Ben in der Brexit-Nacht zu schlagen", erklärte Johnson im Frühstücksfernsehen der BBC.

Den Klöppel zurück in die Glocke zu bringen, ein neuer Boden, Sicherheitsmaßnahmen, das Unterbrechen der Restaurierungsarbeiten, temporäre Ein- und Umbauten - all das treibt die Kosten, um Big Ben in Gang zum Brexit zu setzen, Schätzungen zufolge auf umgerechnet etwa 584.000 Euro hoch.

Ein Glockenschlag kostet umgerechnet knapp 60.000 Euro

Der einzelne Glockenschlag läge schätzungsweise bei fast 60.000 Euro. Die ursprüngliche Kostenschätzung des Parlaments für einen Sondergong lag bei 140.000 Euro.

Die nunmehr errechneten Kosten von einer halben Million britischer Pfund lehnte das Unterhaus bereits als zu hoch und nicht begründbar ab. Das Geld sei an anderen Stellen nötiger und sinnvoller investiert, hieß es. Der Labour-Abgeordnete David Lammy bezeichnete das angedachte Glockengeläut als "Chauvinismus" und erinnerte in einem Tweet an die immensen Kosten, die der Brexit bereits jetzt verursacht habe.

Boris Johnson setzt auf Spendenfreude der Brexit-Freunde

Johnson aber ist von seiner Idee begeistert und weiß die Brexit-Befürworter hinter sich. Mit Hilfe der Bevölkerung will er den Glockenschlag durchsetzen. Er sprach von einem Plan, das Geld über eine Crowdfunding-Spendenaktion zusammenzubekommen.

Johnsons Parteifreund Mark Francois bot sich selbst gar für einen Gang in den Turm an, um Big Ben eigenhändig zu läuten. Die Glocke nicht zu läuten, sei für ihn angesichts des historischen Moments "undenkbar".

Restaurations-Experte Paul Kembery bremste Johnsons Euphorie. Es sei - selbst bei erfolgreicher Sammlung des Geldes - binnen zwei Wochen nur schwer möglich, die erforderlichen Umbauten vorzunehmen.

Mit Material der AFP

Ungleicher Bruderzwist: Schottland und England

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Teaserbild: © Glyn Kirk/AFP