Die USA und Russland haben Investitionen in ihre Atomprogramme angekündigt, auch die kleinen Atommächte rüsten auf. Jetzt brachte gar Polens Ex-Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski eine atomare "Supermacht" Europa ins Spiel. Stehen wir vor einem neuen Zeitalter der nuklearen Bedrohung? Ein Experte warnt.

Würde sich der Blick auf die Zahlen in der politischen Weltlage spiegeln, gäbe es Grund für vorsichtigen Optimismus.

Denn die Anzahl nuklearer Sprengköpfe hat rund um den Globus erneut abgenommen.

Über 15.000 Atomsprengköpfe weltweit

Nach Zahlen des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitutes (Sipri) besaßen die neun Atommächte USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea Anfang 2016 15.395 Atomsprengköpfe. Im Jahr davor waren es noch 15.850.

Mehr als 90 Prozent der Sprengköpfe gehören zu den Arsenalen der Vereinigten Staaten und Russlands, darunter fast alle der 4.120 unmittelbar einsatzbereiten Waffen. Die anderen beiden Staaten mit einsatzbereiten Atomsprengköpfen sind Großbritannien (120) und Frankreich (280).

Gericht bremst Einreisestopp - letztes Wort noch nicht gesprochen.

Aber auch die übrigen fünf Atommächte verfügen über einen Vorrat an Massenvernichtungswaffen: China (260 Sprengköpfe), Pakistan (110-130), Indien (100-120), Israel (80) und Nordkorea (10).

Obwohl die USA und Russland ihre Bestände verringern, wozu sie sich im Abkommen zur Reduzierung und Begrenzung der strategischen Offensivwaffen 2010 verpflichtet haben, kritisiert das Stockholmer Institut, dass der Abbau seit einigen Jahren deutlich langsamer erfolgt.

Zudem habe "keiner der beiden Seiten seine strategischen Atomstreitkräfte seit Anfang 2011 substantiell verkleinert."

Stattdessen kündigten Washington und Moskau neue Investitionen in ihre bestehenden nuklearen Trägersysteme, Sprengköpfe und Produktionsstätten an.

Stehen wir angesichts solcher Ankündigungen und angesichts der Bedrohungen durch kleinere Nuklearmächte vor einem neuen Atomzeitalter?

Atomares Tabu wird ausgehöhlt

"Wir haben das Zeitalter der nuklearen Rüstung in Wahrheit nie vollständig verlassen", stellt der Politikwissenschaftler Eric J. Ballbach von der Freien Universität Berlin im Gespräch mit unserer Redaktion klar.

Nach dem Ende des Kalten Krieges hatte die atomare Bedrohung durch das Aushandeln von Abrüstungsverträgen zunächst abgenommen. Doch das "langsame Aushöhlen des nuklearen Tabus", das in den vergangenen Monaten zu beobachten gewesen sei, hält der Experte für bedenklich.

"Wenn US-Präsident Donald Trump vom Rüstungswettkampf mit Russland spricht. Wenn er ankündigt, die Anzahl der Atomwaffen nicht reduzieren zu wollen. Wenn er Japan, Südkorea sowie Saudi-Arabien nahelegt, sich atomar zu bewaffnen, dann ist das sehr, sehr gefährlich", sagt Ballbach.

Dieser Frage geht die Doomsday Clock nach - und es ist kurz vor Mitternacht.

Nachdem Trump in einer Twitter-Nachricht die sogenannte "Ein-China-Politik" infrage gestellt hatte, drohte eine chinesische Regierungszeitung mit einer atomaren Auseinandersetzung.

In diesem Kontext ist auch die Aussage von Polens Ex-Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski in einem Interview der "FAZ" zu sehen: Angesichts von Spannungen mit Russland und den Vereinigten Staaten sowie des möglichen Bedeutungsverlustes der Nato würde er die Idee einer atomaren "Supermacht" Europa begrüßen.

Und auch wenn Kaczynski einräumte, dass die Umsetzbarkeit dieser Idee schwierig sei: "Dieser Vorstoß reiht sich in einer längere Reihe von Vorstößen ein, die am nuklearen Tabu rütteln. Und das ist besorgniserregend", sagt Ballbach.

Kleinere Atommächte rüsten auf

Eine weitere Gefahr sieht Ballbach in der Diversifizierung der Nuklearmächte.

Mit Nordkorea (seit 2006) oder Pakistan (seit 1998) gibt es relative junge Atommächte, die die Rahmenbedingungen der nuklearen Debatte dramatisch verändert haben.

Zu der noch bestehenden Konfrontation zwischen den USA und Russland, die noch aus dem Kalten Krieg her rührt, sind diese und andere Staaten hinzugekommen.

Dies macht die Situation für die internationale Staatengemeinschaft deutlich komplexer. Der Grund: Die "kleinen" Atommächte bleiben keineswegs untätig. Auch sie entwickeln oder stationieren neue Waffensysteme - oder haben dies zumindest angekündigt.

Nach Angaben der Stockholmer Friedensforscher wollen nicht nur die Demokratien Großbritannien und Frankreich ihre nuklearen Kapazitäten erhalten und modernisieren, auch die Chinesen haben ein langfristiges Modernisierungsprogramm für die nuklearen Streitkräfte aufgelegt.

Schließlich wollen die Erzrivalen Indien und Pakistan ihre atomaren Bestände erweitern sowie land-, see- und luftgestützte Raketenträgersysteme entwickeln.

Und auch Nordkorea arbeitet offenbar fieberhaft daran, einen nuklearen Sprengkopf auf eine ballistische Rakete zu montieren. Derzeit ist unklar, ob das schon gelungen ist. Über das israelische Atomprogramm ist noch weniger bekannt.

Wissenschaftler stellen "Weltuntergangsuhr" vor

Aufgrund der weltpolitischen Lage sahen sich führende US-Atomwissenschaftler Ende Januar veranlasst, die "Doomsday Clock", die symbolische Weltuntergangsuhr, um weitere 30 Sekunden auf jetzt zweieinhalb Minuten vor Zwölf vorzurücken.

Als Grund wurden der zunehmende Nationalismus rund um den Globus und die Unfähigkeit der Menschheit genannt, gegen Atomwaffenverbreitung und Klimawandel vorzugehen.

"Eine bereits schlechte Lage der internationalen Sicherheit" habe sich nach dem Amtsantritt von Donald Trump weiter "verschlimmert", stellen die Experten fest.

Auch der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow warnte kürzlich im US-Magazin "Time": "Heute scheint die nukleare Bedrohung wieder real zu sein."

Eric Ballbach hält diese Sorge durchaus für gerechtfertigt. In den Normen zur Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen sieht der Politikwissenschaftler die "ersten Opfer der jüngsten Entwicklungen."

Atomwaffen seien zwar schon immer ein Machtinstrument gewesen und sie hätten schon immer eine geopolitische und geostrategische Bedeutung besessen. "Aber diese Entwicklung hat sich in der jüngeren Vergangenheit noch einmal verschärft", sagt Ballbach.

Sein Fazit: Die Abrüstungsverträge seien "nicht tot, aber geschwächt."