• Am 5. Februar 2020 wurde Thomas Kemmerich mit den Stimmen von FDP, CDU und AfD zum thüringischen Ministerpräsidenten gewählt.
  • Bundesweit war die Kritik groß, da die Mehrheit durch Beteiligung der AfD zustande gekommen war.
  • Kemmerich verzichtete auf das Amt, sitzt aber weiterhin im Landtag. Ein Besuch in Erfurt.

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Büro-Kunst im Allgemeinen und die von Politikern im Besonderen sagt eine Menge über den Menschen aus, der zwischen ihr arbeitet. Alt-Außenminister Joschka Fischer soll sehr an seinem Willy-Brandt-Porträt von Pop-Art-Künstler Andy Warhol gehangen haben. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier blickt dagegen unter anderem auf eine recht unprätentiöse Fotografie von Nelson Mandela.

Und Thomas Kemmerich? In dessen Büro in Erfurt hängt ein bisschen malerische Moderne auf der einen Seite, Punkte, Striche, Kleckse, Flächen; gegenüber einfache Kreidezeichnungen. Für ihn bedeuten die Bilder: nichts.

Die Einrichtung hat er so übernommen und nichts angerührt. In seinem Büro, sagt Kemmerich, halte er sich ohnehin nur wenige Stunden pro Woche auf. Außerdem: "Ich finde es unangemessen den Mitarbeitern gegenüber, wenn das Chef-Büro so aufgemotzt ist."

Der Mann, der so wenig auf Büroeinrichtung und so viel auf flache Hierarchien gibt, ist vor rund anderthalb Jahren bekannt geworden als Kurzzeitministerpräsident von Thüringen. Vor allem aber: als Ministerpräsident von Gnaden der AfD und deren Rechtsaußen Björn Höcke.

Ein Blick zurück: Am 5. Februar 2020 wird Kemmerich mit den Stimmen von FDP, CDU und AfD zum thüringischen Ministerpräsidenten gewählt. Im dritten Wahlgang stimmt die AfD plötzlich für Kemmerich statt für den von ihr aufgestellten Kandidaten Christoph Kindervater. Kemmerich, wie das gesamte Parlament von den Entwicklungen überfordert, nimmt die Wahl in einer kurzen und unvorbereiteten Rede an. Bei der Gratulationsrunde wenig später macht Höcke einen halben Diener und die Linke-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow wirft Kemmerich den Blumenstrauß vor die Füße.

Nach der Wahl am 5. Februar 2020 gratuliert AfD-Politiker Björn Höcke dem (Kurzzeit-)Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich.

Richtig laut wird es landesweit in den Tagen danach. Kanzlerin Merkel erklärt von ihrer Auslandsreise in Südafrika: "Die Wahl dieses Ministerpräsidenten war ein einzigartiger Vorgang, der mit einer Grundüberzeugung für die CDU und auch für mich gebrochen hat, dass nämlich keine Mehrheiten mit Hilfe der AfD gewonnen werden sollen." Das Ergebnis müsse rückgängig gemacht werden. Ob Merkel diese Aussage als Kanzlerin zustand, prüft noch immer das Bundesverfassungsgericht.

Kemmerich wird derweil digital und analog als AfD-Marionette geschmäht und erklärt kurze Zeit später seinen Amtsverzicht. Den persönlichen Schaden macht das nicht wett, der Politiker wird massiv bedroht, seine Kinder bekommen Polizeischutz, vor der Wohnung der Familie stehen wochenlang Einsatzkräfte. Auch Kemmerichs Partei wendet sich ab. Noch Monate später steht in einem Statement, das Präsidium distanziere sich von ihm. Bei einer erneuten Kandidatur werde er in keiner Art und Weise Unterstützung von der FDP bekommen.

Kurzum: Der 5. Februar 2020 hätte das Ende der Politkarriere von Thomas Kemmerich sein können. Manche auch aus seiner Partei finden: sein müssen. Ende Juli 2021 aber sitzt Kemmerich nach wie vor in seinem unpersonalisierten Büro im Erfurter Landtag. Hat er etwas falsch gemacht, damals bei der Wahl? "Ich bedaure, dass ich mir für die Entscheidung, ob ich diese Wahl annehmen will, nicht mehr Zeit genommen habe."

Kurzentschlossen in die neuen Bundesländer

Ein größerer Blick zurück: Thomas Kemmerich kommt 1965 in Aachen zur Welt, 1989 schließt er sein Jura-Studium in Bonn mit dem ersten Staatsexamen ab. Sechs Monate beträgt die Wartezeit auf eine Referendarsstelle - doch während dieser sechs Monate verändert sich die Welt.

Im mauerlosen Deutschland knüpft er schnell Kontakte und hält im Osten Vorträge über die soziale Marktwirtschaft. Nach einer Präsentation wird er angesprochen, ob er sich nicht vorstellen könnte, beruflich komplett in die neuen Bundesländer zu wechseln. Er kann: "Vier Tage später hatte ich ein Büro, ein Telefon und eine Assistentin und habe Unternehmen auf dem Weg in die Zukunft beraten."

Er erweitert sein Netzwerk, eine weitere Karriere beginnt bald. Statt eines Honorars vereinbart der Berater Thomas Kemmerich mit einem neuen Kunden die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft - und ist plötzlich Friseurfilialist. Das Geschäft wächst, seine Kette ist mit 30 Geschäften schnell Marktführer in Thüringen. Auch bei weiteren Gelegenheiten greift er zu, sichert sich die Markenrechte an den Uhrenwerken Weimar und sitzt im Aufsichtsrat einer großen Landwirtschaftsgesellschaft.

2006 tritt er in die FDP ein und macht auch in der Partei zügig Karriere. 2009 wird er in den Thüringer Landtag gewählt, 2017 kandidiert er erfolgreich für den Bundestag. Zwei Jahre später folgt der Schritt zurück in die Landespolitik: "Als ich 2017 für den Bundestag kandidiert habe, habe ich klar erklärt, dass ich das Mandat 2019 weiterreichen werde und nach Thüringen zurück in den Landtag möchte."

Für manche, sagt Kemmerich, sei Bundespolitik aufregender. "Mich reizt die Aufgabe hier in Thüringen mehr, hier kann ich konkreter arbeiten und mich direkter um die Probleme der Menschen kümmern." Der Weg zurück nach Berlin kommt für ihn zumindest im Moment nicht in Frage. Er will in Thüringen etwas bewegen, unternehmerisch und politisch.

Kemmerich: "Ich suche Chancen und will sie nicht verhindern!"

"Ich habe Gestaltungsspaß", sagt Kemmerich über sich selbst und die Verquickung von Wirtschaft und Politik. Um den erfolgreichen Unternehmer Kemmerich aber in Einklang zu bringen mit dem Politiker Kemmerich ist ein anderer Satz viel wichtiger, den er beim Interview in seinem Landtagsbüro sagt: "Ich suche Chancen und will sie nicht verhindern!" Aus dieser Perspektive war es wohl folgerichtig, dass er die Wahl zum Ministerpräsidenten erst einmal angenommen hat.

Folgerichtig ist für Kemmerich auch, dass er seine vorschnelle Entscheidung zwar mittlerweile bereut, deswegen aber nicht zurückgetreten ist. Wer in der freien Wirtschaft Fehlentscheidungen trifft, der muss sie analysieren und korrigieren, so sieht er das. Warum sollte das mit dem Hinfallen und wieder aufstehen also nicht in der Politik funktionieren?

In Thomas Kemmerichs Fall zumindest hat es überraschend gut funktioniert. Der schwere Schaden, den viele seiner Partei nach der Ministerpräsidentenwahl prophezeit haben, ist ausgeblieben. In letzten Umfragen steht die thüringische FDP sogar bei acht Prozent; bei der Landtagswahl 2019 hatte es mit fünf Prozent nur knapp zum Einzug ins Parlament gereicht.

Kemmerich kann sich eine breite Brust leisten, denn auch in der Führungsriege der FDP ist er offenbar nicht mehr persona non grata. "Ich tausche mich viel mit Christian Lindner und Wolfgang Kubicki aus und wir sind inhaltlich sehr eng beisammen", sagt Kemmerich, in einer Außenseiterposition fühle er sich in seiner Partei überhaupt nicht. Jetzt sei ohnehin Wahlkampf, da gehe es um den Erfolg der FDP und weniger um ihn als Person.

Dass er als solche nun misstrauischer beäugt wird, hat er im Zuge der Corona-Pandemie zu spüren bekommen. Als er zu einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen in Gera ging, die auch von offensichtlich Rechtsextremen besucht wurde, hagelte es erneut Kritik. Da half es auch nicht gerade, dass Kemmerich keine Maske trug. Das taten allerdings auch die anwesenden Einsatzkräfte der Polizei nicht, sagt Kemmerich heute. Im Mai 2020 seien die Pandemieregeln eben noch nicht so eindeutig gewesen.

Das Thüringer Innenministerium hat die Veranstaltung sowie Kemmerichs Verhalten dort zwar längst als unauffällig und wenig kritikwürdig eingestuft. Der 56-Jährige stand trotzdem wieder als Buhmann da. "Ich bin durch die Geschehnisse der vergangenen eineinhalb Jahre vorsichtiger geworden", sagt Kemmerich über die Entwicklung. Er denke mittlerweile zweimal darüber nach, welche Veranstaltungen er besuche und wie er sich in der Öffentlichkeit verhalte - privat und politisch. Heute wirbt er für die Corona-Schutzimpfung.

Und grüßt er Björn Höcke nun?

Und damit zurück zur AfD. Niemals, sagt er und wiederholt den Begriff nochmal, niemals habe es eine Absprache mit der Partei gegeben. Es sei doch Quatsch, dass noch immer geschrieben werde, er habe sich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Er habe sich zur Wahl gestellt und sei gewählt worden. "Mit dem Wissen von heute, mit dem Wissen, dass die AfD demokratische Spielregeln nicht einhält, würde ich das nicht noch einmal so machen."

Auch bei Parlamentsdebatten lässt sich Kemmerich keine Nähe zur AfD andichten. Letztens erst, es ging in Thüringen um die AfD-Forderung nach Studiengebühren für ausländische Studierende, hat er wieder einmal die Debatte gesucht. „Da zeigt diese Partei ihr rückwärtsgewandtes Weltbild und ich werde immer versuchen, dagegen anzugehen. Wir wollen ein weltoffenes Thüringen und kein abgeschottetes, wie es sich die AfD vorstellt."

Und wie ist das nun, wenn Sie Björn Höcke auf den Gängen des Thüringer Landtags begegnen, Herr Kemmerich? "Ich sage nicht einmal 'Guten Tag'!" Die Abscheu klingt aufrichtig.

Thomas Kemmerich ist nicht der verkappte politische Rechtsausleger, als den ihn viele seit dem 5. Februar 2020 sehen wollen. Er ist damals etwas naiv in eine Position geschlittert, die ein erfahrener Politiker vielleicht kommen hätte sehen können, und in der sich ein erfahrenerer Politiker vielleicht geschickter angestellt hätte.

Spitzenkandidatur? Schon möglich

Ihn ficht das aber wenig an, es gibt ohnehin Anderes zu tun. Nachdem Ute Bergner die FDP-Fraktion im Thüringer Landtag verlassen hat, sind sie nur noch zu viert und verlieren womöglich nach der parlamentarischen Sommerpause den Fraktionsstatus inklusive umfangreicher staatlicher Zuwendungen. Thomas Kemmerich sitzt trotzdem entspannt in seinem kargen Büro und trägt zum dunkelblauen Anzug die schwarzen Cowboystiefel, in denen er seinerzeit auch als Ministerpräsident vereidigt wurde. Das sei eben "saubequemes Schuhwerk".

Wenn es wieder Landtagswahlen gibt, will er dann als FDP-Spitzenkandidat antreten, obwohl er das einmal ausgeschlossen hatte? "Das sehen wir, wenn es soweit ist", sagt der 56-Jährige. Thomas Kemmerich wird Fans und Feinden wohl noch eine Weile in der Thüringer Politik erhalten bleiben.