Das erste TV-Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden ist in Chaos geendet. In Erinnerung bleibt vor allem ein Satz des US-Präsidenten: "Proud Boys, tretet zurück und haltet euch bereit." Wer ist diese Gruppierung? Und was macht Trumps Äußerung so gefährlich?

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Es ist in Deutschland schier undenkbar, dass Kanzlerin Angela Merkel rechtsextreme Kameradschaften um Unterstützung bittet. Für den Tag der Abstimmung. Live vor einem Millionenpublikum. In einem TV-Duell wenige Wochen vor einer Bundestagswahl.

Doch genau das ist im übertragenen Sinn am Dienstagabend in den USA passiert. Bei der TV-Debatte zwischen Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden erklärte der US-Präsident: "Proud Boys, tretet zurück und haltet euch bereit." Die USA hätten kein Problem mit den Rechten, betonte Trump noch.

Was war passiert? Der Moderator hatte Trump eigentlich gefragt, ob dieser bereit sei, weiße Rassisten und rechtsextreme Milizen zu verurteilen. Doch der US-Präsident, der am 3. November wiedergewählt werden will, ging darauf gar nicht ein.

Er distanzierte sich keinen Millimeter von bewaffneten rechtsextremen Gruppierungen wie den Proud Boys, auf Deutsch "stolze Jungs". Offizielle Äußerungen von Mitgliedern der Gruppierung zeigen, wie gefährlich sie sind.

FBI stufte die Proud Boys als "extremistische Gruppe" ein

Ins Leben gerufen wurden die Proud Boys während des Wahlkampfes zur US-Wahl 2016. Der Gründer des US-kanadischen Magazins "Vice", Gavin McInnes, initiierte damals den Männerbund, anfangs eher als Gag.

Doch die Gruppierung wuchs schnell und radikalisierte sich noch schneller. Sie selbst bestreitet, rechtsextrem und rassistisch zu sein. Allerdings gehören zu ihrer Agenda laut offizieller Webseite neben dem Einsatz für freie Rede und Waffenbesitz unter anderem auch "anti-politische Korrektheit", das "Verehren der Hausfrau" und "den Geist des westlichen Chauvinismus wiederherzustellen". Tatsächlich sehen die Mitglieder Männer, vor allem weiße, und die westliche Kultur von außen bedroht, sie wähnen sich in einem Verteidigungszustand.

"Wir glauben wirklich daran, dass der Westen der Beste ist", heißt es in der Selbstbeschreibung im Internet. Das FBI stufte den Zusammenschluss 2018 als "extremistische Gruppe" mit Verbindungen zu weißem Nationalismus ein.

Ihre Verehrung von Trump und ihre Frauenfeindlichkeit stellen die Proud Boys offen zur Schau: Sie verkaufen T-Shirts mit dem Portrait des US-Präsidenten, der Freiheitsstatue mit erhobenem Sturmgewehr und dem Slogan "Amerika zuerst" oder der Aufschrift "Feminismus – Krebs".

Proud Boys: Hass-Rhetorik am laufenden Band

"Die Proud Boys und ihre Anführer veröffentlichen regelmäßig weiße nationalistische Memes und unterhalten Verbindungen zu bekannten Extremisten. Sie sind für ihre antimuslimische und frauenfeindliche Rhetorik bekannt", fasst das Southern Poverty Law Center (SPLC) in einer umfangreichen Analyse zur Gruppierung zusammen.

Die gemeinnützige US-Organisation engagiert sich gegen Rassismus und dokumentiert rassistische und rechtsextreme Vorfälle in den Vereinigten Staaten. Das SPLC bewertet die Proud Boys als "Hass-Gruppierung", die Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League (ADL) stuft sie als unkonventionelle Strömung im rechten amerikanischen Extremismus ein. Mehrere Mitglieder seien bereits wegen Gewaltverbrechen verurteilt worden.

Das Southern Poverty Law Center erinnert zudem daran, dass Mitglieder der Proud Boys 2017 an der rechtsextremen Demonstration "Unite the Right" in Charlottesville teilnahmen, ein damaliges Mitglied soll demnach sogar bei der Organisation der Veranstaltung mitgeholfen haben.

Ein anderes Mitglied trat beim antisemitischen Podcast "Daily Shoah" auf und bemerkte dort laut SPLC: Wenn die Proud Boys "in dieser Frage unter Druck gesetzt würden, garantiere ich Ihnen, dass etwa 90 Prozent von ihnen Ihnen etwas nach dem Motto 'Hitler hatte Recht' sagen würden. Vergast die Juden."

Und schließlich äußerte sich auch Proud-Boys-Gründer McInnes bereits mehrmals gewaltverherrlichend, rassistisch und frauenfeindlich. "Wir sehen nett aus, wir scheinen soft zu sein, wir haben 'Boys' in unserem Namen. Aber wie Bill the Butcher der (im 19. Jahrhundert in New York aktiven Verbrecherbande, Anm. d. Red.) Bowery Boys werden wir euch ermorden", drohte er politischen Gegnern 2016 in seiner eigenen Show.

McInnes weiter: "Kämpfen löst alles. Wir brauchen mehr Gewalt von Trump-Leuten, Trump-Anhängern." Er wähnt sich längst in einem Bürgerkrieg.

2017 sagte McInnes in einem NBC-Interview: "Ich denke, es ist fair, mich islamophob zu nennen." Unter Migranten gebe es eine "Vergewaltigungskultur", behauptete der 50-Jährige ein Jahr später. "Ich glaube nicht einmal, dass diese Frauen es als Vergewaltigung sehen. Sie sehen es so, als ob man ihnen die Zähne gezogen hätte."

Soziale Netzwerke verbannen Proud Boys von ihren Plattformen

Bereits vor Jahren griffen die großen sozialen Netzwerke gegen die Gruppierung durch. Im August 2018 löschte Twitter ihren Hauptkanal und entfernte die Accounts mehrerer regionaler Gruppierungen der Proud Boys. "Weil sie gegen unsere Politik des Verbots gewalttätiger extremistischer Gruppen verstoßen haben", wie ein Unternehmenssprecher damals "BuzzFeed News" erklärte.

Facebook verbannte die Proud Boys in diesem Sommer offenbar endgültig von seinen Plattformen. Bereits in den Jahren zuvor hatte das Unternehmen etliche Profile gesperrt. Laut ABC News habe das soziale Netzwerk im Juni 2020 insgesamt 358 Facebook-Konten und 172 Instagram-Konten gelöscht, die in Verbindung mit der Gruppierung standen.

Eine Untersuchung der US-Nachrichtenseite "Rewire News Group" ergab, dass im Juli 2017 – also vor den Löschungen – in geschlossenen Proud-Boys-Facebook-Gruppen etwa 6.000 Mitglieder organisiert waren.

Mit Helmen, Schutzwesten und Sturmgewehren zur Demo

Doch auch offline treten Mitglieder der Gruppierung in zunehmend größerer Zahl, offener und organisierter auf. Dazu oft martialisch, wie zuletzt am Wochenende in Portland.

In der als liberale Hochburg geltenden Stadt im US-Bundesstaat Oregon hatten die Proud Boys zu einer Demonstration gegen "inländischen Terrorismus" aufgerufen. Sie meinen damit Ausschreitungen, Plünderungen und Brandstiftungen am Rand von Anti-Rassismus-Protesten oder "Black lives matter"-Demonstrationen. Nicht nur die Proud Boys, auch Trump sieht dahinter organisierte Linksextremisten, ohne dafür bisher Beweise vorgelegt zu haben.

In den vergangenen Monaten kam es zudem immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei – und zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen rechten Gruppierungen und linken Aktivisten unter anderem der Antifa-Bewegung. Etliche Rechte wähnen sich deshalb in einer Art Bürgerkrieg.

Das wurde auch am Wochenende deutlich: "Dies ist ein Krieg, Leute, und wir müssen zurückschlagen", rief am Wochenende die Gründerin von Oregon Women for Trump, Carol Leek, laut "The Intercept" der Menge zu. Videoaufnahmen von der Kundgebung der Proud Boys zeigen zahlreiche Teilnehmer in Camouflage mit Schusswaffen sowie militärischer Schutzausrüstung und Helmen – selbsternannte Proud-Boys-Sicherheitskräfte. Laut "The Intercept" sollen sie versucht haben, Medienvertreter einzuschüchtern.

Enrique Tarrio und Joe Biggs der Proud-Boys-Demonstration am Samstag in Portland.

Proud Boys feiern Trumps Äußerung

In diese Gemengelage fällt nun Trumps Äußerung im TV-Duell. Der amtierende US-Präsident gab den Proud Boys unverhohlen Anweisungen, wie sich diese am Wahltag zu verhalten haben.

"Ich kann mit Zuversicht sagen, dass die Aufforderung an die Milizen, die Proud Boys und die weißen Rassisten, 'sich bereitzuhalten', wörtlich genommen wird als Aufforderung zur Vorbereitung auf einen Bürgerkrieg", erklärt der US-Extremismusforscher Alex Newhouse auf Twitter.

Bei dem Männerbund kommen die Worte Trumps an. Unter den Anhängern der rechtsextremen Gruppierung haben sie der "New York Times" zufolge Begeisterung ausgelöst.

In privaten Kanälen in den sozialen Medien hätten Proud-Boys-Anhänger Trumps Kommentar als "historisch" gefeiert und das Logo der Gruppe geteilt – erweitert mit der Aufforderung des Präsidenten.

"Trump sagte im Grunde genommen: 'Geht und macht sie fertig!' Das macht mich so glücklich", schrieb etwa Joe Biggs auf der bei Rechten beliebten Twitter-Kopie Parler mit Blick auf Linke. "Nun Sir! wir sind bereit!", heißt es in einer weiteren Nachricht von Biggs, der in der Vergangenheit mehrere Demonstrationen der Proud Boys angemeldet hatte.

Deren Anführer Enrique Tarrio wertete auf der selben Plattform die Äußerungen Trumps zwar "nicht als direkte Unterstützung". Dennoch betonte Tarrio ebenso: "Er hat den Proud Boys gesagt, sie sollen zurücktreten und sich bereithalten, und das haben wir IMMER getan."

Trump selbst ist mittlerweile zurückgerudert. "Sie müssen sich zurückziehen und die Polizei ihre Arbeit machen lassen", erklärte der Staatschef am Mittwoch. Zugleich behauptete er: "Ich weiß nicht, wer die Proud Boys sind." Noch am Vorabend bei der TV-Debatte hatte Trumps sie namentlich erwähnt.

Verwendete Quellen:

  • offizielle Webseite der Proud Boys
  • "The Guardian": "FBI now classifies far-right Proud Boys as 'extremist group', documents say"
  • Southern Poverty Law Center: "Proud Boys"
  • Youtube: "I Started This Gang Called The Proud Boys", "Far-Right Proud Boys Cultivate Male Angst", "Proud Boy members and counter protesters gather in Portland"
  • "BuzzFeed News": "Twitter Suspended Proud Boys’ And Founder Gavin McInnes’ Accounts Ahead Of The "Unite The Right" Rally"
  • "The Daily Beast": "Facebook and Instagram Ban the Proud Boys and Founder Gavin McInnes"
  • "The Intercept": "Proud Boys Rally Fizzled but Portland’s Cops Went on the Attack"
  • "New York Times": "Proud Boys celebrate Trump’s ‘stand by’ remark about them at the debate"
  • KATU: "Controversial organizer of planned Portland demonstration speaks to KATU"
  • mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und der AFP
  • eigene Recherchen
Teaserbild: © Noah Berger/picture alliance/AP Photo