Stefan Verra hat sich auch die gestrige TV-Konfrontation für unser Portal angesehen. Der Körpersprache-Experte spricht im Interview über Heinz-Christian Straches Angriffslust, dessen Stil der 90er-Jahre, das zwischenzeitliche Chaos und Sebastian Kurz' körpersprachliche List.

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Der gestrige Abend war von einem sehr offensiven Strache geprägt. Hat der FPÖ-Chef auch mit seiner Körpersprache seine zuletzt tendenziell staatsmännische Rolle verlassen?

Stefan Verra: Der FPÖ-Chef agierte gestern so wie man ihn seit eh und je kennt - in einer ständigen Angriffsposition. Mit der nach vorne geschobenen Stirn und der nach innen gezogenen Oberlippe macht er das auch gut.

Allerdings ist das schon auch ein wenig ein Anachronismus und Stil der 90er-Jahre, jener eines Jörg Haiders etwa. Heinz-Christian Straches Konkurrenten können damit inzwischen recht gut umgehen.

Aus diesen Gründen ist Sebastian Kurz' Kanzlerschaft längst nicht beschlossen.


Auf der anderen Seite des Tisches blieb Sebastian Kurz indes erstaunlich ruhig und reichte dem FPÖ-Chef sprichwörtlich sogar das eine oder andere Mal die Hand. Gab es auch von ihm bemerkenswerte Gesten?

Kurz war ruhig, aber nicht defensiv. Und er hat sich in seiner Körpersprache ungemein staatsmännisch gegeben. Besonders seine Reaktion, auf einen Angriff des FPÖ-Chefs nicht einzugehen, sondern auf eine höhere Ebene zu wechseln, indem er allgemein die Diskussionskultur seines Gegenübers kritisierte, war erstaunlich.

Dadurch holt er viele Menschen auf seine Seite und vermittelt den Zusehern Vision. Er suggeriert gleichsam einen Blick in die Zukunft. In der Körpersprache manifestierte sich das in einem hoch gehaltenen Kopf und stabilen Bewegungen. Gleichzeitig war Kurz' Mimik und Gestik aber auch vielseitig. Tarek Leitner etwa hat er einmal mit einem Handkantenschlag Richtung Tisch unterbrochen.

Es gab die Situation, in der alle drei am Tisch sitzenden Herren für eine Minute wild durcheinander sprechen. Verändert ein Chaos die Körpersprache?

Definitiv. Alle werden lauter und die Gesten intensiver und größer. Durch die Kompressoren, die in einem TV-Studio auf die Stimmen der Diskutanten gelegt werden, um Lautstärke-Spitzen abzudecken, führt das natürlich dazu, dass der Zuseher nichts mehr versteht. Meiner Ansicht nach hat sich Tarek Leitner, der seinen Job an sich gut macht, gestern ein wenig zu großmütig verhalten.

Als Diskussionsleiter ist man bis zu einem gewissen Grad auch immer der "Anwalt des Volkes". Wer ständig zögert, jemanden zu unterbrechen, um ihn nur ja nicht zu benachteiligen, agiert als solcher nicht entsprechend. Mag aber sein, dass diese Zurückhaltung einer internen ORF-Direktive geschuldet war. Dennoch müssen die Moderatoren hier aufpassen, nicht am Volk vorbeizumoderieren.

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Ihr Resümee zum gestrigen Schlagabtausch?

Körpersprachlich ganz klar ein Punktsieg für Sebastian Kurz. Der ÖVP-Chef hat sich diesbezüglich wirklich gut präsentiert und war auch in seinen Bewegungen stabil, vielseitig und staatsmännisch. Rhetorisch konnte er mit einfachen Formeln á la "Ich will die illegale Einwanderung stoppen" vermutlich ebenso punkten und viele Österreicher abholen – konservative wie liberale.

Eines vielleicht noch: Bemerkenswert an Kurz' Körpersprache war noch, dass er - sowohl beim Sprechen als auch beim Zuhören - immer wieder den Augenkontakt mit Strache aufgegeben und stattdessen die Brust des FPÖ-Chefs fokussiert hat. Das impliziert, dass er die Reaktion seines Gegenübers gar nicht wirklich braucht. Mehr will ich dazu aber gar nicht sagen.