Nach zwei Wochen Quarantäne im Hotel startete jetzt "Promi Big Brother" mit der gewohnten Riege unbekannter oder zu Recht vergessener Stars. Und die gaben sich bereits in der ersten Folge alle Mühe, die Messlatte möglichst tief zu legen.

Eine Kritik
von Felix Reek

Nach mehr als vier Stunden gibt es einen Moment, der so gar nicht in diese Sendung mit seinen lauten, nach Aufmerksamkeit gierenden "Promis" passt. Das Ergebnis des Zuschauervotings ist gerade eingetroffen und Werner Hansch darf als erster mit Kathy Kelly, der ältesten Schwester der Kelly Family, in den neuen Luxusbereich des TV-Knasts wechseln.

Die mittlerweile 81 Jahre alte Fußballmoderatoren-Legende setzt in aller Ruhe zu einer Rede an. Er wolle allen danken, wem, weiß er gar nicht, ach ja, den Zuschauern. Die "Big Brother"-Stimme aus dem Off fährt immer wieder dazwischen, es ist schon weit nach Mitternacht, die Show läuft seit mehr als vier Stunden.

Hansch ist das egal, er hat jahrzehntelang Fußballkrimis kommentiert, ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Er will eigentlich gar nicht da rüber, in das "Märchenschloss" mit seinen Whirlpools und seiner kitschigen Deko, eigentlich hatte er vor, genau hier zu bleiben, im kargen "Märchenwald", um drei oder vier Kilo zu verlieren. Irgendwann reicht es Phil Daub, ehemals VIVA-Moderator und seit einigen Jahren die Stimme von "Big Brother", bestimmt zieht er die Notbremse: "Kathy, nimm Werner und geht rüber." Und dann ist die Entschleunigung wieder vorbei.

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PBB: Werner Hansch gesteht direkt seine Spielsucht

Denn natürlich ist "Promi Big Brother" auch 2020 ein auf Krawall gebürstetes Format. Hier treffen diejenigen, die eine Chance wittern, wirklich berühmt zu werden, auf die, die es einmal waren. Die einen wollen das große Geld kassieren, die anderen haben es verzockt. Wie Werner Hansch, der direkt seine Spielsucht gesteht, so als habe ihm die Redaktion vorab klargemacht, dass das zur Vertragserfüllung gehört.

Oder Wimbledon-Gewinnerin Claudia Kohde-Kilsch, die immer im Schatten von Steffi Graf stand und jahrelang gegen ihren Manager und Stiefvater prozessierte, weil er sie hinterging, sodass sie am Ende pleite war. In ihrem Einspieler erklärt sie stattdessen: "Ich habe seit langem keine Geldsorgen mehr." Was ihr nach der Teilnahme an "Promi Big Brother" kaum jemand glauben wird.

Sie gehören aber eher zum stillen Inventar der Sendung, eingekauft, um persönliche Geständnisse zu liefern. Spielsucht, die eigene Pleite, Steffi Graf oder im Fall der ehemaligen "GZSZ"-Schauspielerin Jasmin Tawil und Simone Mecky-Ballack Geschichten über ihre berühmteren Ex-Männer - Adel Tawil und Michael Ballack. Beide versichern natürlich, dass sie mehr sind als "die Frau von", aber zumindest eine von ihnen wird das in der ersten Sendung direkt gründlich vermiest. Werner Hansch steuert nach seinem Einzug zielsicher Simone Mecky-Ballack an - und schwärmt von ihrem Ex-Mann.

"Woher kommst du?"

Andere haben aber nicht einmal das vorzuweisen. Zwei Wochen saßen die Teilnehmer in einem Hotel in Quarantäne, auf 16 Bewohner und drei Wochen Laufzeit hat Sat.1 die Zahl der Insassen in diesem Jahr erweitert, das dehnt den Begriff "Prominenz" schon arg weit. Selbst die Anwesenden müssen meist nachfragen: "Woher kommst du?" Womit nicht der Geburtsort gemeint ist, sondern das Fernsehformat, an dem das Gegenüber teilgenommen hat. Was oft auch keine Erleuchtung bringt.

Der Moderator des Shopping-Kanals QVC Sascha Heyna bringt es auf den Punkt: "Und wieder ein Kandidat, von dem sie noch nie gehört haben." Zumindest seine Aufgabe bei "Promi Big Brother" ist klar: Er outet sich bereits in der Auftaktfolge als schwul. Wobei man sich unmittelbar fragt, was nun schlimmer ist: Dass das 2020 immer noch ein Thema ist oder dass nach dem "spontanen" Geständnis sein Lebensgefährte im Studio zum Interview bereitsteht. Natürlich mit Abstand, unterstützt von den 100 Zuschauern, die verstreut zwischen Pappaufstellern sitzen, die die leeren Plätze füllen.

Für die wirkliche Show sind in der Auftaktfolge aber sowieso andere zuständig. Die, die frisch in der Branche sind, die sich weitere Präsenz in der Boulevardpresse erhoffen oder eine Vergrößerung ihrer Social-Media-Gefolgschaft.

Adela Smajic etwa, 2018 in der Schweiz als "Bachelorette" auf Männersuche, zählt direkt ihre Botox-Behandlungen im Gesicht auf (überall) und lässt im Dunkeln ihre Silikonkissen leuchten (warum auch immer). Elena Lucia Ameur ("Berlin - Tag & Nacht) entschuldigt sich spontan im Voraus, sie habe "brutale Alpträume", wache nachts schreiend auf und stürme dann raus. Kurz darauf berichtet sie unter Tränen, wie sie als Jugendliche von einer Mädchengang gemobbt wurde. Jenny Frankhauser, Schwester von Daniela Katzenberger, erklärt: "Ich glaube, ich könnte den anderen extrem auf den Sack gehen." Und tut dann genau das.

"Promi Big Brother": Die große Emmy-Russ-Show

Sie alle sind aber nur das Beiwerk für die große Emmy-Russ-Show. Der Pamela-Anderson-Klon nervte gerade erst auf ProSieben in "The Beauty & the Nerd" die anderen Teilnehmer kolossal, bei "Promi Big Brother" hat sie offenbar vor, genau dort weiterzumachen. Sie schätzt ihren Charakter selbst als "ausbaufähig" ein, sie verortet Münster in der Nähe von München und beim Einkaufen für die Bewohner lässt sie fast die Hälfte des Geldes ungenutzt, weil sie zu langsam ist. Die meiste Zeit dreht sich bei ihr aber alles um Sex. Bei der Auswahl ihrer Luxusartikel zückt sie einen Vibrator, sie duscht vor aller Augen im Mikro-Bikini, sie verschwindet mit der vibrierenden Zahnbürste von "Love Island"-Muskelberg Mischa Mayer auf der Toilette, sie bietet ihm sogar an, ihm ihren Intimbereich zu zeigen. Als er verneint, langt sie ihm in den Schritt.

Paroli bietet dieser One-Woman-Sex-Show nur ein Mann mit zerzauster Emo-Perücke und rotem Jogginganzug. Ikke Hüftgold, Stimmungssänger auf Mallorca, schießt sich schnell auf Emmy Russ ein und erklärt ihr direkt: "Ich hab dir auch ein Lied geschrieben, da hab ich dich noch gar nicht gekannt: ‘Dicke Titten Kartoffelsalat’." Nicht gerade subtil, aber damit ist er bei "Promi Big Brother" genau richtig. Immer wieder geraten die beiden aneinander. Als Emmy Wasser möchte, kippt ihr Ikke Hüftgold den Inhalt der Schale über den Bikini. Sie habe doch den ganzen Morgen gefordert, dass sie jemand anspritzt, so sein Kommentar.

Den absoluten Tiefpunkt erreicht "Promi Big Brother", als die Turbo-Blondine ausführlich darlegt, dass sie ihren Ex-Freund gerne beim Stuhlgang beobachtet habe. Blankes Entsetzen aller Anwesender. Nur Ikke Hüftgold reagiert: "Ich habe gedacht, dass mit mir das unterste Niveau erreicht ist." Weit gefehlt. Es geht im Trash-TV bekanntermaßen immer noch ein bisschen schlimmer. Das war schließlich erst Tag eins im "Promi Big Brother"-Camp.