Und von der Decke tropft es: Im letzten "Tatort" mit Hannelore Elsner übt Peter Lohmeyer als Polizist Selbstjustiz. "Die Guten und die Bösen" aus Frankfurt erzählt mit starken Bildern von einem moralischen Zwiespalt.

Eine Kritik
von Iris Alanyali

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In diesem Fall geht es nicht darum, den Mörder zu finden. Der Mörder gesteht gleich zu Beginn. Dann fährt er die Kommissare selbst zum Tatort, einer Hütte im Wald, um ihnen die Leiche zu zeigen.

Und auch auf der Rückfahrt ins Kommissariat sitzt er am Steuer. Schließlich ist er Polizeihauptmeister, und die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) sind seine Kollegen.

Außerdem hatten die noch zu viel Restalkohol im Blut: In der Nacht zuvor haben die beiden im Büro die Überreste einer Party entdeckt, gesoffen und sich über das Coaching lustig gemacht, mit dem ihre Abteilung gerade malträtiert wird. Sitzkreis und Bällewerfen und Fragen wie "Was sind Ihre Werte als Polizist?"

"Tatort Frankfurt": Die Guten und die Bösen

"Wir sind die Guten", lallt Janneke. "Ich auch", nuschelt Brix. "Das reicht nicht", mault Janneke, "warum, wer, was macht uns gut?" Dann haben sie mit der Karaokemaschine lieber Lieder gegrölt. Wolfgang Petry und Rammstein. "Hölle Hölle Hölle!", "Ich will kein Engel sein!" In Songtexten kommen klare Ansagen immer so einfach über die Lippen.

Aber jetzt ist es Tag, und der Sitzkreis findet plötzlich im wahren Leben statt. Wo die Antworten auf die ganz großen Fragen ungleich größere Konsequenzen haben. Denn was macht man mit einem Mörder, der Kollege, fast Freund ist?

Ansgar Matzeraths Frau wurde vor sieben Jahren entführt und vergewaltigt. Fünf Tage lang, in der Hütte im Wald. Den Mann, der das getan hat, den will Matzerath (Peter Lohmeyer) umgebracht haben. Wer sind jetzt die Bösen, wer die Guten?

Verbissen versuchen Janneke und Brix, Matzerath zu helfen. Mildernde Umstände, eine Tat im Affekt - die Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch werden umhergeworfen wie Bälle im Coaching-Seminar. Nur für Matzerath ist die Sache klar: Er hat den Vergewaltiger bestraft – und jetzt fordert er seine eigene gerechte Strafe.

Es geht nicht mehr darum, den Täter zu fassen, es gilt, eine Haltung zu finden. Ganz elend ist Janneke und Brix zumute, nicht nur wegen ihres Katers. Brix vor allem findet das alles zum Kotzen. Und nicht nur, weil er sich den Magen verdorben hat.

Hochsymbolisch ist dieser "Tatort", vom ersten Lied bis zur letzten Szene. Im Kommissariat wird renoviert, eine einzige Baustelle, nackter Beton überall – das Rechtssystem zeigt sich bis auf seinen Kern entblößt. Und es leckt offenbar, überall tropft es durch die Wände.

Viel Licht dringt durch kahle Fenster, und wo viel Licht ist... - richtig: Dramatische Schatten zeigen die zwiespältigen Gefühle aller Beteiligten. Die Wahrheitsfindung, eine Suche jenseits des Strafgesetzbuches, bekommt optisch eine Komplexität, eine Dringlichkeit, die diesem "Tatort" seine Kraft verleiht.

Das System soll funktionieren

Unter der Regie von Petra K. Wagner sprengen Jan Veltens Kamera und Manfred Dörings Szenenbild den Fernsehrahmen dieses Films und man wünscht sich, man hätte ihn im vergangenen Jahr bei seiner Premiere auf dem Festival des deutschen Films in Ludwigshafen oder dem FernsehKrimi-Festival in Wiesbaden leinwandgroß erleben dürfen – dort bekam Petra K. Wagner übrigens den Sonderpreis für Regie.

Es ist ein Unglück, dass das Drehbuch (von David Ungureit) dem Zuschauer nicht ebenso viel Freiraum lässt wie die Bilder. Mit der Philosophie ist das ja immer so eine Sache im Hauptprogramm.

Sonntagabends, so wird gerne angenommen, wollen die Zuschauer einfach einen Mörder suchen, finden und bestrafen. Wenn diese Erwartung enttäuscht wird, muss man vorsichtshalber erklären.

Also erklärt zum Beispiel Matzerath: "Wir haben den Täter nicht gefangen und er wurde nicht bestraft. Ich will aber, dass das System funktioniert, weil das alles ist, woran ich noch glaube. Bei mir soll es funktionieren. Ich will es wieder herstellen."

Als ob gerade Peter Lohmeyer, der den Matzerath gibt, so viel Worte nötig hätte. Ganz ruhig, ganz zurückhaltend spielt er ihn, einen gebrochenen Mann, der endlich seinen Frieden gefunden hat.

Beklemmend: Hannelore Elsner ein letztes Mal als Kommissarin Elsa Bronski

Und dann ist da natürlich Hannelore Elsner in einer ihrer letzten Rollen. Ihre pensionierte Kommissarin Elsa Bronski hat sich einfach im Untergeschoss des Gebäudes ein Büro eingerichtet, dort, wo die alten Akten zwischengelagert werden und es aussieht wie in einer leeren Tiefgarage.

Zwischen Stützpfeilern und Pfützen sitzt sie mit Daunenjacke und Thermoskanne in der Dunkelheit und blättert in den Papieren ungelöster Fälle. Der Fall Matzerath war einer davon. Von den Dämonen der Vergangenheit geplagt, die sie nicht ruhen lassen, ist Elsa Bronski selbst zum Geist geworden, der durch die Gänge streicht wie eine Mahnerin – noch beklemmender wirkt ihre Figur, wenn man weiß, dass Hannelore Elsner kurz nach Ende der Dreharbeiten am 21. April 2019 starb.

Und trotzdem: Gegen Lohmeyers Matzerath kommt ihre Bronski, deren Verhuschtheit etwas Manieriertes hat, nicht an. Einmal stehen sie dicht nebeneinander, die winzige pensionierte Kommissarin, die dem Polizisten damals keinen Täter liefern konnte, und der groß gewachsene Polizist, der die Aufklärung schließlich selbst in die Hand genommen hat.

Ganz klein die Elsner, mit flatternden Lidern, eindringlichen Worten, theatralischen Gesten – und daneben geradezu riesenhaft Lohmeyer, stoisch, still und unbewegt. Wie minimalistisch Lohmeyer agiert, wie sein Matzerath kein Mitleid will und Lohmeyer seine Figur nach außen abschottet – den Ton möchte man da abstellen und ihn und diesen "Tatort" einfach nur beobachten und bewundern.