• Der Meteorologe und Wettermoderator Özden Terli präsentiert seit 2013 das Wetter im ZDF.
  • Im Gespräch mit der Redaktion erklärt er, wie die aktuellen Hitzerekorde mit dem Klimawandel zusammenhängen, wieso er Gesundheitsminister Karl Lauterbach für einen Relativierer hält – und wie er den "Tatort" klimagerecht gestalten würde.
Ein Interview

Herr Terli, Hagel, Starkregen und Tornados werden immer häufiger sichtbar in Deutschland, und in Mitteleuropa steht uns gerade eine historische Hitzewelle bevor. Ist das der Klimawandel?

Ob einzelne Wettererscheinungen auf die Klimakrise zurückzuführen sind, ist keine zeitgemäße Frage – die Klimakrise lässt sich schließlich nicht an einem Tag ein- und am anderen ausschalten. Wir stellen seit Jahrzehnten eine Veränderung in der Luftchemie und der physikalischen Parameter fest, sodass wir sicher sagen können, dass solche Hitzewellen durch die Klimakrise aufgeladen werden. Bei der letzten Hitzewelle in Frankreich ist eine extrem heiße Luftmasse von Nordafrika in Richtung Südeuropa hochgezogen und über Frankreich verharrt, was damit zu tun hat, dass Luftströme meridional werden, weil sich der Jetstream verändert hat.

Wo sehen wir die Folgen des Klimawandels derzeit am drastischsten?

Was ich sehr drastisch finde, ist das kontinuierliche Abschmelzen des Eises in den Alpen. Der Schweizer Wetterdienst hat gerade erst darauf hingewiesen, dass bis Ende des Jahrhunderts die Gletscher verschwunden sein werden. Das ist dramatisch, denn woher sollen dann Flüsse wie der Rhein gespeist werden? Dazu kommt, dass in den Alpen die Permafrost-Böden auftauen – dafür müssen wir gar nicht nach Sibirien schauen. Wenn dieses gefrorene Wasser nun nicht mehr als Bindemittel funktioniert, brechen Felsen ab, ganze Gerölllawinen rutschen ins Tal und verursachen dort Schäden. Darf ich Ihnen von einem persönlichen Erlebnis berichten?

Gerne!

Ich war gerade in der Arktis, auf Spitzbergen. Dort wird es von Jahr zu Jahr wärmer, sodass der Fjord von Longyearbyen nicht mehr zufriert. Mittlerweile kann man nicht mehr über das Eis laufen, um auf die andere Seite zu gelangen. Diese Erhitzung in der Arktis hat direkte Auswirkungen auf unser Wetter, denn wenn die Luft in der Arktis nicht mehr kalt ist, dann werden auch unsere Winter nicht mehr kalt. Und noch ein drittes Beispiel: Wir Menschen sind aufgrund unserer hohen Körpertemperatur eigentlich gut vor Pilzen geschützt. Aktuell beobachten Forscher, dass sich Pilzarten aber der Erderwärmung anpassen und Menschen befallen. Haben Sie davon schon einmal gehört?

Nein.

Daran sieht man: Das Thema Klimawandel wird zu wenig von den Medien in einer Form aufbereitet, die die Menschen direkt erreicht. Dabei ist es doch unser Job als Journalisten, den Menschen die Entwicklungen so zu erklären, dass sie ganz konkret nachvollziehbar sind.

Wenn es ums Klima ging, hieß es lange Zeit: "Wir müssen die Erderwärmung stoppen, um die Eisbären zu retten." Ist die Klimakrise auch eine Krise der Kommunikation?

Die Eisbären zu retten ist gut, aber wenn wir die Erderwärmung nicht eingegrenzt bekommen, dann betrifft es nicht nur die Eisbären, sondern auch uns Menschen und alle anderen Lebewesen auf dem Planeten. Es gibt keine Gewinner bei der Klimakrise.

Das heißt, der Journalismus hat für Sie in Sachen Klimawandel versagt?

Ja, man kann von einem Versagen im Journalismus sprechen. Sie kennen sicherlich die Initiative "Klima vor acht" …

… eine Initiative, die die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bislang wenig erfolgreich davon überzeugen will, "wissenschaftlich fundierte Klimaberichterstattung zu produzieren, die täglich zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird".

Jetzt wird "Sprüche vor Acht" statt "Klima vor Acht" gesendet.

Sie beschreiben die Entscheidung der ARD, die ein Format "Klima vor acht" bislang ablehnt, aber eine Sendung mit dem Titel "Sprüche vor acht" ins Programm genommen hat, bei der es um bekannte Redewendungen geht.

Da lässt sich die Frage stellen: Wie hilfreich ist das?

Hätte in der ZDF eine Sendung "Klima vor sieben" eine Chance?

Wir haben quasi ein "Klima nach zehn" – unser Wetter. Klima und Wetter gehören zusammen und wir reden über Klimafolgen: Wie wirkt die Veränderung im Klimasystem aufs Wetter?

Lassen Sie uns auch über einen anderen Teil der Klimakrisen-Kommunikation sprechen. Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat auch deshalb 135 Menschenleben gekostet, weil man in Rheinland-Pfalz mangelhaft auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet war. Wird die Debatte, wie wir uns an die Erderwärmung anpassen, engagiert genug geführt?

Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, wenn wir nicht einmal die Prävention hinbekommen, und dann – vor allem in den Industrieländern – über Anpassung reden. Allen muss klar sein: Wenn wir gewisse Grenzen wie die 1,5-Grad-Marke überschreiten, dann gibt es kein Zurück mehr. Aber natürlich: Auch bei der Anpassung gibt es Defizite.

Welche Defizite sehen Sie konkret?

Schauen wir nach Frankreich, wo gerade weite Teile der Ernte ausfallen oder Atomkraftwerke wegen der Hitze nicht mehr gekühlt werden können. Über diese Konsequenzen müssen wir reden, oder auch über die Frage, wie wir verhindern, dass Städte im Sommer nicht überhitzen, in denen ja unglaublich viel Beton verbaut ist. Oder wie wir Rückhaltebecken für Wasser schaffen, wenn es Dürren gibt. Fahren Sie mal durch die Städte: Ich habe nicht den Eindruck, dass dort viel Klimaanpassung stattfindet: Überall Beton, was die Hitze speichert.

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.

Karl Lauterbach sagte vor zwei Wochen im Podcast "Apokalypse und Filterkaffee" von Micky Beisenherz, Deutschland sei "was die Folgen des Klimawandels angeht im Wesentlichen viel weniger gefährdet als die allermeisten Länder dieser Erde". Stimmen Sie dem Gesundheitsminister zu?

Wenn wir uns mit einer Südsee-Insel vergleichen, dann ist die Situation dort drastischer, weil das Wasser den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Hütten steigt. Diese Situation haben wir natürlich nicht. Fakt ist aber: Der europäische Kontinent erhitzt sich von allen Kontinenten am schnellsten. Insofern ist es natürlich drastisch, was hier passiert. Aber ich habe auch aus einem anderen Grund ein Problem mit seiner Aussage.

Der da wäre?

Ich kann es nicht gutheißen, wenn man die Situation, in der wir stecken, relativiert. Kann sein, dass wir vieles noch ganz gut abfedern können, weil wir ein reiches Land sind. Trotzdem sind die Veränderungen ziemlich stark. Wer sagt, das sei alles nicht so schlimm, sollte mal in den Harz gehen. Dort sind ganze Wälder verschwunden und zu Freiflächen geworden. Mein Eindruck ist: Es bräuchte in diesen Fragen dringend bessere Politikberatung und noch mehr Druck von der Zivilgesellschaft.

Wann haben Sie selbst damit angefangen, Dinge in ihrem Alltag zu verändern, um das Klima zu schützen?

Ich habe darauf geachtet, wenig CO2 zu emittieren. Ich fahre mit dem Rad oder mit einem E-Auto oder mit der Bahn. Ich fliege privat gar nicht mehr und bin seit 2019 zweimal dienstlich geflogen, um über die Klimakrise zu berichten. Aber ich weiß auch, dass ich theoretisch im Wald leben könnte, ohne dass es großen Einfluss auf den Klimawandel hätte. Deshalb brauchen wir Gesetze, die großskalige Veränderungen bewirken und die Senkung der Treibhausgase massiv vorwärtsbringen.

Was sollen diese Gesetze konkret bewirken? Geht es darum, Menschen zu Verzicht zu zwingen, oder sollen die Gesetze den Weg für technologische Lösungen bereiten?

Mit Solarzellen und Windkraftanlagen haben wir die Technologien bereits, auf die müssen wir nicht warten. Und nein, es ist nicht nur über Technologie zu schaffen, sondern wir brauchen Reduktion.

Warum?

Unsere Ressourcen sind endlich. Ich denke, dass wir einen Teil unseres Wohlstands abbauen müssen. Das bedeutet nicht, dass die Menschen leiden sollen. Aber es bedeutet, dass es mit endlosem Wachstum nicht weitergehen kann.

Experten wie die Ökonomin und EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sagen, ewiges Wirtschaftswachstum und Klimaschutz schließen sich nicht aus, solange eine Entkopplung vom Ressourcenverbrauch stattfindet.

Es ist notwendig, von dem Wachstumsgedanken wegzukommen und andere Größen einzuführen, die Wohlstand definieren. Es kann kein endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten geben.

Das ZDF hat über 60 Krimiserien im Programm. 2015 kam eine Statistik auf 437 Krimis, die das ZDF im Jahr gesendet hat. Wenn Sie Programmchef wären: Wie viele Krimi-Stunden würden Sie pro Jahr umwidmen für Aufklärung über den Klimawandel?

Wir müssten gar keinen Krimi umwidmen. Es gibt so viele Drehbuchautoren, die ihren Geschichten einen Klimazusammenhang geben könnten. Ein abschmelzender Gletscher als Kulisse für den nächsten Tatort – so käme die Klimakrise in den Alltag der Menschen, genau dorthin, wo sie hingehört.

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