• Rund um den Globus fallen in der Corona-Pandemie nun die Masken.
  • Die Gefahr aber bleibt - auch wenn das Thema in den Medien durch andere überlagert wird.
  • Eindrücke und Lageberichte aus 13 Ländern der Welt.

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Menschen, die ohne Masken feiern, einkaufen gehen und in Büros zusammensitzen. Fast hatte man diesen Anblick schon vergessen. Doch im dritten Jahr der Pandemie wird es in vielen Ländern wieder normal, Mitmenschen im Alltag ohne Mund-Nasen-Schutz zu sehen. Weltweit fallen Beschränkungen, die in den vergangenen zwei Jahren die ungehemmte Ausbreitung des gefährlichen Virus SARS-CoV-2 zumindest gehemmt hatten.

Auch die globalen Zahlen an Infizierten und Menschen, die an COVID-19 sterben, sinken seit einem neuerlichen Peak Ende Januar wieder. Bald 500 Millionen registrierte Infizierte und 6,2 Millionen Corona-Tote verzeichnet die Johns Hopkins University inzwischen. Dem stehen elf Milliarden schützende Impfdosen gegenüber, die allerdings hauptsächlich in reichen Ländern verabreicht wurden.

Weltweit macht sich eine Stimmung breit, als sei die Pandemie nun vorbei. Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor vorschnellen Schlüssen und einer trügerischen Sicherheit. Wir berichten aus 13 Ländern über die aktuelle Entwicklung.

USA: Normalität auf wackeligen Beinen

Ein Sonntagvormittag in New York. Im IFC Center, einem Programmkino an der Sixth Avenue, läuft schon die Popcorn-Maschine. Fast ein Jahr lang hatte das Kino wegen der Pandemie komplett geschlossen, bevor es im Mai 2021 den Neustart wagte – mit reduzierter Belegung, Maskenpflicht und eingeschränkter Gastronomie. Später kontrollierte ein Sicherheitsdienst die Impfpässe.

Inzwischen läuft der Betrieb wieder halbwegs normal; Masken werden nur noch "empfohlen". Für New York – die Stadt, in der sich zu Anfang der Pandemie die Leichen stapelten – ist das ein Meilenstein. Hier galten bis vor Kurzem noch besonders strenge Corona-Regeln. Selbst in der U-Bahn hängen überall Banner, die auf die Masken-Etikette hinweisen. In anderen Bundesstaaten waren und sind die Regeln hingegen eher lax.

Inzwischen tastet sich aber auch New York zurück in die Normalität. Zwar tragen drinnen wie draußen weiterhin viele Menschen freiwillig eine Maske. Nach und nach fallen aber die zuvor strengen Regelungen. In Manhattans Rooftop-Bars läuft abends wieder Disco-Musik, die Büros füllen sich, das Leben kehrt zurück.

Insgesamt ist die Zahl der COVID-Fälle in den USA in den vergangenen Wochen stark zurückgegangen; die Impfquote liegt bei 66 Prozent. Doch der Erfolg steht auf wackeligen Beinen: In mehreren Bundesstaaten – darunter auch New York – nehmen die Infektionen bereits wieder zu. Vorbei ist die Pandemie in den USA noch nicht – auch wenn viele es sich wünschen. (Von Steve Przybilla)

Kolumbien: Corona, wie?

"Corona gibt es nicht mehr in Kolumbien." Der halbernst gemeinte Satz nach einer Partynacht in der Hauptstadt Bogotá klingt nach. Auf dem Weg zum Ort der Veranstaltung gilt noch Mundschutzpflicht im Taxi. Beim Bezahlen des Eintritts schreiben die Türsteher die persönlichen Daten inklusive Mailadresse und Telefon auf. Nach dem Impfpass fragt niemand. Drinnen tanzt und singt das Partyvolk, fast alle ohne Mundschutz. Es ist ein Gefühl wie vor der Pandemie.

Tatsächlich ist Corona kaum ein Thema mehr in Kolumbien. In Bogotá ist seit Anfang März der Mundschutz im öffentlichen Raum und in Freiluft keine Pflicht mehr – wohl aber immer noch in geschlossenen Räumen und im Nahverkehr. In Bogotá laufen dennoch relativ viele Menschen auf der Straße noch mit Mundschutz herum – und in geschlossenen Räumen auch ohne. Theorie und (COVID-)Praxis klaffen in Kolumbien schon immer auseinander.

Offiziell gilt noch bis Ende April der Gesundheitsnotstand. Die nationalen Regelungen zu Corona, die auf der Seite des Gesundheitsministeriums stehen, wurden seit 2020 nicht aktualisiert. Es ist praktisch unmöglich, herauszufinden, welche Regeln im Alltag noch gelten.

Corona gibt es durchaus noch: Laut Gesundheitsministerium sind es derzeit fast 4.000 aktive Fälle (und das, obwohl kaum mehr getestet wird) und fast 140.000 COVID-Tote. Am 5. April wurden zehn Todesfälle gemeldet. Der nationale Impfplan befindet sich derzeit in der Endstufe: Von den rund 51 Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianern haben fast 35 Millionen das komplette Impfschema (also doppelt geimpft oder Monodosis Johnson und Johnson). Das ist eine Quote von 68,6 Prozent.10,5 Millionen sind sogar geboostert. (Von Katharina Wojczenko, Bogotá)

Brasilien: Das unfreiwillige Experiment

Am 1. April hat Brasilien die Zahl der Todesfälle durch das Coronavirus von 600.000 überschritten. Damit hält das Land weiterhin den Rekord der meisten Corona-Toten nach den USA. Dennoch: Die Situation hat sich beruhigt. Genau zwei Jahre nach ihrer Einführung fällt die Maskenpflicht der Brasilianerinnen und Brasilianer bei der Arbeit und in Innenräumen.

Auch in Manaus, wo die Pandemie am schlimmsten gewütet hatte, entspannt sich das Leben wieder. Die meisten Leute tragen weiterhin ihre Masken und waschen sich die Hände. Vor zwei Jahren hatte hier am Tor zum Amazonas das Virus fast ungehindert wüten können. Massengräber wurden ausgehoben. Die Stadt war unfreiwillig ein Experiment in Sachen Herdenimmunität geworden. Im September 2020 hatte eine Studie gezeigt, dass bei 66 bis 70 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen COVID-19 nachweisbar waren. Dennoch erlebte Manaus zu Beginn des Jahres 2021 die zweite tödliche Superwelle, das Gesundheitssystem brach zusammen und es fehlte an Sauerstoff.

Am 4. April 2022 werden im Bundesstaat Amazonas insgesamt nur 26 neue Infektionen protokolliert und die 7-Tage-Inzidenz liegt bei nur 40. Obgleich die Dunkelziffer der Neuinfektionen viel höher liegen dürfte, da Brasilien täglich nur 30 Personen (pro 100.000 Einwohner) testet, während es in Deutschland über 400 sind. Dass die Zahlen in Manaus und im Bundesstaat Amazonas vergleichsweise nicht so hochschnellten, hat sicherlich mit der guten Impfquote, aber auch mit der schlimmen Durchseuchung während der ersten beiden Wellen zu tun. (Von Ulrike Prinz)

Ecuador: Nationales Trauma, aber Erinnerung verblasst

Die Hafenstadt Guayaquil hatte es in der ersten Welle besonders schlimm getroffen, von dort gingen im März und April 2020 Bilder wie aus Norditalien um die Welt: Menschen, die auf der Straße tot umkippten und Leichen, die auf Parkbänken abgelegt wurden, weil die Bestattungsunternehmen nicht nachkamen. Das hat ein nationales Trauma verursacht.

Wohl deshalb ist Ecuador weiterhin recht strikt. In vielen Restaurants und Einkaufszentren der Hauptstadt Quito muss man seinen Impfpass vorzeigen, um Einlass zu bekommen. Weiterhin herrscht Maskenpflicht im öffentlichen Raum, und die Menschen halten sich recht diszipliniert daran. Etwas lockerer sieht man das am kaum besiedelten Amazonas. In der tropischen Schwüle behindert die Maske die Atmung doch sehr, und draußen trägt sie eigentlich kaum noch jemand. In Innenräumen hingegen sieht man sie noch, allerdings nicht besonders diszipliniert. Sind keine Gäste in Sicht, setzen Hotelportiers und Bedienungen sie auch gerne mal ab. (Von Sandra Weiss)

Tunesien: Pandemie? Da war doch mal was

Irgendwann im März blieben die Zahlen aus, die das tunesische Gesundheitsministerium sonst mehr oder weniger regelmäßig täglich auf seinem Facebook-Account veröffentlichte. Erst auf Nachfrage teilte es mit, es würde jetzt nur noch einmal die Woche melden, wie viele Menschen sich infiziert haben. 1.474 Neuinfektionen sollen es vergangene Woche landesweit gewesen sein, 9,2 Prozent der Tests waren positiv. Die Situation sei so stabil, dass das wöchentliche Reporting ausreichen würde, argumentierte das Ministerium.

Eine Entscheidung, die bei vielen Beobachtern Kopfschütteln und Ärger hervorrief. Denn zuletzt passten die veröffentlichten Test-, Infektions-, Toten- und Genesenenzahlen hinten und vorne nicht zusammen. Informationen zu Hospitalisierungen und der Belegung von Intensivbetten verschwanden gar völlig aus den pixeligen, kaum zu entziffernden Grafiken. Wie viel die Zahlen also mit der Realität zu tun haben, ist noch schwieriger einzuschätzen als früher schon.

Auch die Zahl der Impfungen geht beständig zurück. Gerade mal rund 5.000 Personen haben sich letzte Woche ihren Booster abgeholt – kaum vorstellbar nach dem Ansturm auf die Impfzentren im vergangenen Sommer.

Ist Corona in Tunesien nun Geschichte? Im Alltag hat man immer häufiger den Eindruck, dass viele es inzwischen wie eine Erkältung behandeln. Maskentragende sind trotz offizieller Maskenpflicht in der Minderheit, der Ende Dezember erst eingeführte verpflichtende Impfnachweis wird nicht mehr kontrolliert, und auch die Einreiseregeln wurden – wohl auch mit Blick auf die anstehende Urlaubssaison – erneut gelockert. (Von Sarah Mersch, Tunis)

Südafrika: Freiheit bedeutet mehr als Leben ohne Maske

Von einem "Freedom Day", der das Ende der Pandemie-Maßnahmen einläutet, spricht in Südafrika niemand. Denn jeder weiß, dass Freiheit mehr bedeutet, als ein Leben ohne Mund-Nasen-Schutz. Am 4. April kündigte Präsident Ramaphosa das Ende des nationalen Katastrophenzustands an. Die zwei Wochen zuvor gelockerten Vorschriften bleiben jedoch noch für eine Übergangszeit in Kraft. Die Maskenpflicht gilt nicht mehr draußen, sondern nur noch in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gebäuden. Für geimpfte Einreisende entfällt der zuvor verpflichtende PCR-Test. Abgeschwächt in Kraft bleiben Abstandsregeln und Höchstgrenzen für Veranstaltungen.

Obwohl sich die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle seit Wochen bei niedrigen vier- beziehungsweise einstelligen Werten eingependelt hat, geht die Regierung weiter in vorsichtigen Schritten voran. Erklärtes Ziel bleibt die Steigerung der Impfquote. 44 Prozent der Erwachsenen gelten mittlerweile als vollständig geimpft. Eine Impfpflicht bezeichnete Vize-Präsident Mabuza als "rote Linie": Statt die Bürgerinnen und Bürger zu "zwingen", wolle man sie vom Sinn der Impfung "überzeugen".

Mit zunehmendem Impfschutz wächst auch die Hoffnung auf eine mild verlaufende fünfte Welle, die südafrikanische Wissenschaftler für Ende Mai prognostizieren. Genom-Sequenzierungen gehören weiterhin zu ihrem Tagewerk, um möglichst schnell auf neue Varianten reagieren und Todesfälle verhindern zu können. Seit Beginn der Pandemie gab es in Südafrika in Bezug zur Einwohnerzahl mehr COVID-Todesfälle als in Deutschland – dazu kommt eine hohe Übersterblichkeit.

Eine traurige Konsequenz machte gerade Schlagzeilen: Südafrika gehört zu den Ländern der Welt, in der besonders viele Kinder während der Pandemie zu Waisen wurden. Forscherinnen und Forscher der Universitäten Kapstadt und Oxford sprachen in einer entsprechenden Studie bereits Mitte letzten Jahres von einer "versteckten Pandemie". (Von Leonie March)

Nigeria: Weniger Augenmerk auf Reisende, volle Konzentration auf Varianten

Nigeria hat Anfang April die wichtigsten Einschränkungen für Reisetests gelockert, was zweifellos zu einer Verringerung der Testkosten und Wartezeiten für Reisende in einem der meistbesuchten Länder Afrikas führen wird.

Vollständig geimpfte Reisende nach Nigeria benötigen keinen PCR-Test mehr, bevor sie an Bord eines Fluges nach Nigeria gehen, und sie müssen auch keinen PCR- oder Antigen-Schnelltest bei der Landung durchführen lassen. Stattdessen müssen die Impfbescheinigungen bei der Einreise vorgelegt werden.

Unabhängig davon, ob sie vollständig, teilweise oder gar nicht geimpft sind, müssen sich alle Reisenden auf dem dafür vorgesehenen nigerianischen Portal registrieren und einen QR-Code oder Papiere erhalten.

Auch wenn die Behörden ihr Augenmerk weniger auf die Flughafenrouten richten, bleiben sie auf der Suche nach neuen Varianten. Ifedayo Adetifa, Generaldirektor des nigerianischen Zentrums für Seuchenkontrolle (NCDC), erklärt mir: "Nigeria lockert die Beschränkungen, verstärkt aber gleichzeitig die Überwachung, das heißt die Aufrechterhaltung und Ausweitung unserer Testkapazität. Damit verbunden ist die fortgesetzte Untersuchung des genetischen Aufbaus des zirkulierenden SARS-CoV-2, also die Sequenzierung. All dies wird uns helfen, die Entwicklung des Virus – die Übertragung und die zirkulierenden Varianten – zu verfolgen."

Bis zum 31. März waren in Nigeria 12,6 Mio. Menschen vollständig geimpft worden, was etwas mehr als 11 Prozent der gesamten für die COVID-19-Impfung infrage kommenden Bevölkerung entspricht. (Von Ruona Meyer)

Australien: Augen zu und durch

Die meisten Restriktionen in Australien sind gefallen, nur im öffentlichen Nahverkehr soll noch Maske getragen werden. Selbst wer das Land verlässt, muss inzwischen keinen PCR-Test mehr abliefern. Nur wer aus dem Ausland ankommt, muss noch Tests vorweisen und möglichst geimpft sein – wobei die Einreiseregelungen in jedem Bundesland ein bisschen anders sind.

Schnelltests kosten immer noch umgerechnet etwa 15 Euro und werden auch nach wie vor regelmäßig gebraucht: Fast jeder Fünfte in Australien hatte inzwischen seit Pandemiebeginn COVID (4,5 Millionen Fälle insgesamt), fast 60.000 Infektionen werden Anfang April jeden Tag registriert. Das Thema COVID-19 ist trotz der vergleichsweise hohen Zahl aus den Schlagzeilen weitgehend verschwunden. Und das liegt, 12.000 Kilometer von der Ukraine entfernt, weniger am Krieg als an der heimischen Politik: Die Australier müssen Ende Mai wählen, und die Partei von Scott Morrison hat alle Hände voll damit zu tun, die derzeit schlechten Umfragewerte irgendwie noch umzudrehen. Über alte Lockdowns, eine verfehlte Impfpolitik und die Situation in den Krankenhäusern will er da möglichst nicht reden. (Von Julica Jungehülsing, New South Wales)

Großbritannien: Leben mit COVID

Bis vor kurzem hätte diese Meldung überall Schlagzeilen gemacht. Letzte Woche machte die nationale Statistikbehörde ONS publik, dass Großbritannien derzeit die höchsten COVID-Fallzahlen seit Beginn der Pandemie verzeichnet. Die ONS schätzt, dass fast fünf Millionen Britinnen und Briten am Virus erkrankt sind – mehr als jemals zuvor. Auch die Zahl der Hospitalisierungen steigt seit einigen Wochen wieder an. Dass diese Tatsache in den Medien und von der Öffentlichkeit wenig Beachtung fand, ist bezeichnend für die derzeitige Situation auf der Insel.

Auf den Straßen Großbritanniens herrscht ein klarer Konsens: Die Pandemie ist vorbei, oder zumindest ist COVID zu einer gewöhnlichen Krankheit degradiert, mit der man sich nun mal abgeben muss. Die Pubs sind voll, die Londoner U-Bahn auch, und nur die wenigsten Leute tragen in Einkaufsläden oder im öffentlichen Verkehr eine Gesichtsmaske. Seit Ende Februar gibt es in Großbritannien keinerlei Restriktionen mehr: keine Maskenpflicht, keine Impfnachweise und keine Isolationspflicht nach einem positiven COVID-Test. Stattdessen sagt die Regierung, man müsse jetzt lernen, "mit COVID zu leben".

Gesundheitsexperten verweisen auf einige weitere Faktoren, die zum Anstieg beigetragen haben. Bei vielen älteren Leuten ist die dritte Impfung länger als 15 Wochen her – der Schutz lässt also langsam nach. Das ist einer der Gründe, weshalb mehr ältere Leute im Krankenhaus liegen. Auch hat die neue Omikron-Variante BA.2 die ursprüngliche Omikron-Mutante weitgehend ersetzt – und sie ist noch ansteckender als die alte. Zuversichtlicher stimmt hingegen, dass das Wetter langsam wärmer wird und man in den Pubs wieder draußen sitzen kann, wo das Ansteckungsrisiko geringer ist. (Von Peter Stäuber, London)

Frankreich: COVID adé

Frankreich scheint mit der Pandemie abgeschlossen zu haben. Mitte Januar wurde noch der Gesetzesentwurf über Impf- und Genesungsnachweise für die Teilnahme am öffentlichen Leben vehement und letztlich erfolgreich vor allen Instanzen der Regierung verteidigt, doch ein paar Wochen später ist das schon wieder vom Tisch: Von Regularien und Einschränkungen will man nichts mehr wissen. Auch die Maskenpflicht ist nun passé, außer in öffentlichen Verkehrsmitteln. Also alles wie früher?

Nicht ganz. Denn niedrige Zahlen können für diese Kehrtwende kaum verantwortlich sein. Auch wenn die Impfquote aktuell bei über 90 Prozent liegt, wurden am 3. April über 100.000 Neuinfektionen gezählt. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sprachen im März von einer sechsten Welle, doch medial drang das nicht durch. Andere Themen haben die Pandemie aus den Primetime-Nachrichten und von den Titelseiten der Zeitungen verdrängt: Krieg in der Ukraine und die Präsidentschaftswahlen, deren heiße Phase begonnen hat. Am 10. April werden die Französinnen und Franzosen ein erstes Mal zur Urne gehen und die Kandidaten für die Stichwahl am 24. April wählen. Kaufkraftverlust aufgrund politischer Konflikte, Energiepolitik und Migration stehen aktuell im Brennpunkt der Debatten. Selbst Positiv-Getestete dürfen am Sonntag wählen gehen. Die Regierung empfiehlt lediglich, eine Maske zu tragen. (Von Giorgia Grimaldi, Marseille)

Spanien: Grippe statt COVID

Die Maske bleibt in Spanien, zumindest vorerst: In Innenräumen, auf Großveranstaltungen und in öffentlichen Verkehrsmitteln ist Mund-Nasen-Schutz weiter Pflicht. Für erhitzte Diskussionen hat das in dem südeuropäischen Land noch nie gesorgt. Ansonsten scheint Corona fast vergessen. Die Tourismuszentren an der Küste hoffen auf sonnenhungrige Osterurlauber, Bars, Restaurants, Diskotheken sind fast im ganzen Land geöffnet.

Selbst aus den Nachrichten ist die Pandemie fast verschwunden – und das hat einen einfachen Grund. Da aktuelle Neuinfektionen nicht mehr Fall für Fall gezählt werden, können sie auch nicht mehr vermeldet werden. Seit Anfang April werden nur noch die Fallzahlen für Risikogruppen veröffentlicht, und auch das nur zwei Mal wöchentlich. Leichtere Corona-Fälle, die keiner Risikogruppe angehören, müssen nicht mehr in Quarantäne. Die Sieben-Tage-Inzidenzen hatten sich zuletzt bei 200 Fällen bewegt, Tendenz sinkend.

Damit beginnt in Sachen COVID-19 in Spanien eine neue Zeitrechnung: Die Erkrankung hat nun einen ähnlichen Status wie die Grippe und wird genauso überwacht. Ausgewählte Ärztinnen und Ärzte des staatlichen Gesundheitssystems beobachten Infektionsgeschehen und Verlauf anhand repräsentativer Stichproben, ein wichtiger Indikator ist dabei die Belegung der Krankenhäuser. Centinela nennt sich dieses Monitoring-System. Gesundheitsministerin Carolina Darías betont, man habe damit bei der Grippe in den letzten zwei Jahrzehnten "exzellente Erfahrungen" gemacht. Das Land könne sich die neue Strategie leisten, denn die Impfquote in Spanien sei "spektakulär hoch". 92,5 Prozent aller Über-Zwölf-Jährigen und 38,2 Prozent aller Kinder seien inzwischen doppelt geimpft.

Allerdings gibt es noch einen anderen Grund für den Kurswechsel: Während der Omikron-Welle waren die Gesundheitszentren mit der Fall-Diagnose überlastet, Krankschreibungen und Test-Kosten kamen Wirtschaft und Gesundheitssystem teuer zu stehen. Manche Gesundheitsexpertinnen und -Experten halten den Wandel für verfrüht. (Von Julia Macher, Barcelona)

Schweiz: Zurück zur Normalität – aber unter erhöhter Aufmerksamkeit

Seit 1. April 2022 gilt in der Schweiz wieder die "normale Lage". Alle COVID-19-Maßnahmen sind aufgehoben. Die Maskenpflicht ist gefallen. Wer sich mit Corona infiziert, muss nicht mehr in eine fünftägige Isolation. Das wissenschaftliche Beratungsgremium der Regierung hat sich aufgelöst und den Abschlussbericht veröffentlicht. Die Infektions-, Spitalbelegungs- sowie Todeszahlen werden nicht mehr täglich, sondern nur noch einmal wöchentlich veröffentlicht. Der Bund hat Macht zurückgegeben: Nun sind wieder die Kantone zuständig für die Gesundheit der Bevölkerung. Die Infektionszahlen sind zwar weiterhin hoch. Doch die Belegung der Spitalbetten ist deshalb nicht markant angestiegen. Die Regierung geht daher davon aus, dass breite Teile der Bevölkerung immunisiert sind.

Doch klar ist auch, dass das Coronavirus nicht verschwinden wird. Es wird weiter mutieren und stellt insbesondere eine Gefahr für Risikogruppen dar. Deshalb will die Regierung eine einjährige Übergangsphase einführen. Bis ins Frühjahr 2023 gilt eine "erhöhte Wachsamkeit". Die Behörden sollen weiterhin rasch reagieren können, wenn Corona wieder heftig wütet und zu schweren Krankheitsverläufen führt.

Der Übergang in die normale Lage wurde überschattet vom Krieg in der Ukraine. Eine große mediale Debatte fand daher nicht mehr statt. Einige Expertinnen und Experten rieten zwar dazu, nicht bereits jetzt die Maßnahmen aufzuheben. Insbesondere empfahlen sie, die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln noch eine Weile beizubehalten. Doch ihre Appelle sorgten kaum für Aufmerksamkeit. Die meisten Menschen haben sich ihrer Maske entledigt. Lediglich einige Spitäler sowie Alten- und Pflegeheime bestehen weiterhin auf einer Maskenpflicht. Sonst herrscht: die Eigenverantwortung. (Von Markus Hofmann, Zürich)

Island: Hohe Inzidenzen – und 101 Tote

Freiheit? Der 25. Februar 2022 markiert das Ende aller COVID-Restriktionen in Island. Dies gilt sowohl im Alltag innerhalb des Landes als auch an der Grenze. Zwei Jahre nach dem ersten bestätigten positiven Fall in Island gibt es nun keinerlei Einschränkungen mehr, die in Island ja durchweg eher weniger drastisch waren als in vielen anderen Ländern Europas. Masken müssen nun nicht mehr getragen werden und sind damit aus dem Stadtbild fast vollständig verschwunden. Selbst in geschlossenen Räumen, bis hin zum internationalen Flughafen in Keflavik, sind Gesichtsmasken kaum noch zu sehen. Es wird gemutmaßt, dass man an den Masken erkennt, wer noch nicht an COVID erkrankt war. Knapp 50 Prozent der in Island lebenden Bevölkerung hatten mittlerweile COVID, offiziell bestätigt und registriert durch einen positiven PCR-Test. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, nicht zuletzt durch veränderte Testbedingungen.

Seit dem Ende der freien PCR-Tests bei Symptomen Ende Februar ist auch die Inzidenz stark heruntergegangen. Von einer Inzidenz über 10.000 Ende Februar dieses Jahres fiel diese Zahl auf nunmehr "nur" 2900. Die ersten zwei Jahre der Pandemie waren in Island geprägt von einem vorbildlichen Testsystem und die Gesamtbevölkerung war ständig dazu aufgefordert, sich bei jedem kleinsten Anzeichen oder jeder Risikobegegnung testen zu lassen. Dies hat nun ein Ende. Mit dem Ende der freien PCR-Tests ging die Zahl dieser Tests von über 5.000 pro Tag auf unter 500 zurück. Die PCR-Tests wurden von zunächst kostenfreien Antigen-Tests abgelöst, die jedoch seit dem 1. April auch nicht mehr kostenlos sind. Einen Test bekommt nur noch, wer explizit vom Arzt aufgrund schwerwiegender Umstände angewiesen wird. Niemand muss ein negatives Testergebnis vorweisen, bevor er nach einer Infektion wieder bei der Arbeit erscheint. Eine offizielle Quarantäne- oder Isolationspflicht gibt es nicht mehr.

Mit 101 Toten durch COVID seit Beginn der Pandemie liegt Island im globalen Vergleich sicher weit hinten. Diese Zahl erzählt allerdings nicht die ganze Geschichte: Während 2020 29 Todesfälle gezählt wurden (davon der größte Teil bei einem Ausbruch auf der Geriatrie im Krankenhaus) und 2021 nur acht Todesfälle verzeichnet wurden, sind in den ersten drei Monaten in 2022 schon 64 Menschen mit einer COVID-Diagnose verstorben. Damit hat sich die COVID-Mortalitätsrate im Jahr 2022 verdoppelt gegenüber den vorherigen Wellen der Pandemie.

In der Gesellschaft ist das Virus damit aber weitgehend akzeptiert worden. Medien berichten kaum noch über die Pandemie. Die täglichen Statistiken werden nicht länger in den führenden Tageszeitungen veröffentlicht, und in der breiten Bevölkerung macht sich eine weitgehende Akzeptanz von COVID als grippeähnliche Krankheit breit, während das hinter vorgehaltener Hand politisch deklarierte Ziel der Herdenimmunität durch Erkrankung in den kommenden Wochen nahezu erreicht sein dürfte. Die große Mehrheit der Bevölkerung dürfte mittlerweile der Omikron-Variante ausgesetzt gewesen sein, mit allen Folgen, die das unter Druck stehende Gesundheitssystem erheblich zu spüren bekommt. Ob das der Preis der proklamierten Freiheit ist?

Für den Tourismus mag dies zunächst attraktiv erscheinen: Ein offenes Land mit keinen Einschränkungen scheint sich gut vermarkten zu lassen. Doch nicht selten treten Urlauberinnen und Urlauber mit dem Virus ihre Heimreise an, so dass Medien wie die deutschsprachige Ausgabe der Iceland Review dazu rät, mit Vorsicht durch das durchseuchte Island zu reisen. (Von Tina Gotthardt, Reykjavik)

Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Wegen Corona-Maßnahmen: Grippewelle fällt erneut aus - schwere Folgen befürchtet

Wie bereits in der vorigen Saison ist Deutschland bisher von einer Grippewelle verschont geblieben. Die auch international stark abgeschwächte Influenza-Verbreitung in Zeiten der Corona-Pandemie könnte später für umso mehr schwere Fälle sorgen, fürchten Fachleute.