Der russische Außenminister Sergej Lawrow gilt als enger Vertrauter des Kreml-Chefs Wladimir Putin. Lawrow ist seit Jahrzehnten für Russland im außenpolitischen Einsatz und kennt die Spielregeln des internationalen Parketts wie kaum ein Zweiter. Bei seinen Kolleginnen und Kollegen ist der russische Außenminister für seine scharfe Zunge bekannt. Sergej Lawrow im Portrait.

Ein Porträt
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Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine dauert weiter an, und die Weltgemeinschaft muss stets aufs Neue Antworten auf russische Aggressionen und Provokationen finden. Einer, der wie kaum ein anderer provozieren kann und das Spiel mit den Worten beherrscht, ist der russische Außenminister Sergej Lawrow.

Direkt nach seinem Studium der Internationalen Beziehungen tritt Lawrow nach Angaben des russischen Außenministeriums in den diplomatischen Dienst ein, damals noch für die Sowjetunion. An der Diplomatenakademie MGIMO in Moskau lernt er unter anderem Singhalesisch und nimmt nach seinem Abschluss mit nur 22 Jahren die Arbeit in der sowjetischen Botschaft auf Sri Lanka auf.

Der russische Außenminister hat viel Erfahrung

Auf dem südasiatischen Inselstaat wird Lawrow Sekretär in der Botschaft und pflegt die damals guten Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Sri Lanka. 1981 wird er dann als Vertreter der Sowjetunion zu den Vereinten Nationen entsandt. Als er schließlich 1988 in die Sowjetunion zurückkehrt, wird er aufgrund seiner außenpolitischen Erfahrung direkt ins Außenministerium versetzt.

Dort bekleidet er zunächst das Amt des stellvertretenden Direktors der Verwaltung für internationale Wirtschaftsbeziehungen und wird dann später Direktor der Abteilung für internationale Organisationen und globale Probleme. Nach dem Fall der Sowjetunion schafft es Lawrow fast schon in die Position, die er heute innehat: 1992 wird er zum stellvertretenden Außenminister Russlands ernannt. 1994 wechselt er erneut zur UN. Dort macht er sich als Vertreter Russlands im UN-Sicherheitsrat einen Namen und wird schnell für seine Redekunst bekannt.

Lawrow: Harter Verhandlungspartner mit spitzer Zunge

Mit seiner großen Erfahrung auf dem Parkett der internationalen Politik beherrscht Lawrow das Spiel der Diplomatie und der Verhandlung. Der dienstälteste Außenminister Europas - Wladimir Putin ernennt ihn im Jahr 2004 - gilt als harter Hund, der bei möglichen Friedensverhandlungen mit der Ukraine in der ersten Reihe stehen würde. Doch mit Lawrow zu verhandeln, ist kein Zuckerschlecken.

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Einem Bericht des Politik-Magazins Politico zufolge sollen ihn amerikanische Diplomaten während der Legislaturperiode Barack Obamas als "fiesen Kerl" bezeichnet haben: "Seine Aufgabe war es, uns und Minister Kerry (damaliger US-Außenminister; Anm. d. Red.) zu beschimpfen und zu schikanieren, damit wir der russischen Sichtweise zustimmen", wird ein US-Diplomat zitiert.

Doch nicht nur hinter den Kulissen nimmt Lawrow kein Blatt vor den Mund. Das bekam der Außenbeauftragte der Europäischen Union, Josep Borrell, nach einem gemeinsamen Gespräch im Jahr 2021 zu spüren. Vor den anwesenden Journalisten auf der Pressekonferenz erklärte ihm Lawrow, die EU sei unzuverlässig und Länder wie Deutschland oder Frankreich benähmen sich arrogant gegenüber Russland.

Russischer Außenminister Lawrow: Angriff auf den Westen

Nicht nur aufgrund seiner harten Rhetorik, sondern auch wegen seiner harten Positionen ist Lawrow gefürchtet. Der russische Außenminister kalkuliert rational und stellt sich ganz in den Dienst der russischen Interessen - auch ideologisch. Die weltberühmt gewordene Sitzung des russischen Sicherheitsrats vom 21. Februar 2022 legt davon im Kontext des Angriffskriegs auf die Ukraine Zeugnis ab.

Dort äußerte sich Lawrow ganz im Stile seines Chefs Wladimir Putin, der kurz vor ihm gesprochen hatte. Lawrow unterstützte die Anerkennung der von Russland so genannten "unabhängigen Volksrepubliken" Donezk und Lugansk im Osten der Ukraine und sprach sich für das Nachrücken von Streitkräften in den Donbass aus. Die westlichen Staaten hätten die russischen Vorschläge für Sicherheitsgarantien vom Tisch gewischt.

Baerbock zu Lawrow: "Sie werden uns nicht täuschen"

Die wichtigste Frage sei stets ausgeklammert worden, so Lawrow: "die Frage der leichtsinnigen Erweiterung der Nato." Nur einen Tag später blieb er bei seiner harten Position und wies im Fernsehsender Rossija 24 die Schuld von Russland. Moskau werde Garant für die Sicherheit der Donbass-Republiken sein. "Unsere militärische Spezialoperation wird der unbegrenzten Expansion der Nato ein Ende setzen", so Lawrow.

Der russische Außenminister, der von EU, USA, Großbritannien und der Schweiz mit Sanktionen belegt wurde, krönte seine Rhetorik mit einem Auftritt vor dem UN-Menschenrechtsrat nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Aus Protest gegen diesen Auftritt hatten viele Diplomaten in einer koordinierten Aktion den Raum verlassen, was Lawrow nicht davon abhielt, den Angriff auf die Ukraine mit Menschenrechtsverletzungen durch die Ukraine zu rechtfertigen.

Die Ukraine habe die russische Minderheit im Land jahrelang terrorisiert, der Westen habe nichts dagegen getan, so Lawrow in seiner Rede. Beweise für seine Behauptungen legte er nicht vor. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock richtete bei ihrem Auftritt vor der UN-Vollversammlung dann deutliche Worte an Lawrow: "Sie können sich selbst etwas vormachen. Aber Sie werden uns nicht täuschen. Und Sie werden Ihre eigene Bevölkerung nicht täuschen."

Baerbock bleibt hart gegenüber Lawrow

Es ist nicht das erste offene Wortgefecht zwischen Baerbock und Lawrow. Schon im Januar 2022 waren die beiden beim Streit um den Staatsfernsehsender Russia Today Deutschland aneinandergeraten. Die deutsche Medienaufsicht hatte die Verbreitung des Senders in Deutschland vollständig untersagt.

Als Reaktion auf das Verbot des Senders hat das Außenministerium Russlands Vergeltungsmaßnahmen gegen deutsche Medien in Russland angekündigt. Die Entscheidung der deutschen Medienaufsicht lasse Russland keine Wahl, "als die Umsetzung von Gegenmaßnahmen in Bezug auf die in Russland akkreditierten deutschen Medien und die Online-Plattformen in Angriff zu nehmen", heißt es in der Erklärung des russischen Außenministeriums.

Korruptionsvorwürfe gegen Lawrow: Privatleben wird geheim gehalten

So laut der 71-Jährige in der Öffentlichkeit poltert, so leise ist es um sein Privatleben. Der gebürtige Moskauer ist nach Angaben des russischen Außenministeriums verheiratet und hat eine Tochter. Berichte, dass Lawrow eine uneheliche Tochter aus einer Affäre haben soll, wurden nie bestätigt. Diese Gerüchte nahmen jüngst wieder Fahrt auf, als die britische Regierung Polina Kowalewa, die eine 4 Millionen Pfund teure Wohnung in London besitzen soll, sanktionierte. Die britische Regierung bezeichnet sie als Stieftochter von Lawrow.

Ähnliche Gerüchte machten im September 2021 die Runde, als das Team um den russischen Oppositionellen Alexej Nawalny eine Recherche veröffentlichte, in der Lawrow eine Affäre mit einer Mitarbeiterin des Außenministeriums vorgeworfen wird. Er habe mit ihr gemeinsame Dienstreisen absolviert und dabei die Häuser und Jachten des russischen Oligarchen Oleg Deripaska benutzt. Für diesen habe er sich außerdem persönlich bei den US-Behörden für eine US-Staatsbürgerschaft stark gemacht.

US-Diplomat über Lawrow: Seine Moral ist der russische Staat

Aufsehen erregte Lawrow auch im Fall des ehemaligen russischen Spions Sergej Skripal, der mit seiner Tochter Julija im März 2018 bewusstlos mit einer Vergiftung in Salisbury aufgefunden wurde. Lawrow beschuldigte Großbritannien in einem Interview mit Channel 4 News, Beweise vernichtet zu haben, um politisch von dem Vorfall zu profitieren.

Dass es ihm bei seinen Äußerungen stets nur um das Wohl des russischen Staats geht, ist offensichtlich. "Wenn er einen moralischen Kompass hat, dann konnte mein Geigerzähler ihn nicht entdecken. Seine Moral ist der russische Staat", so der US-Diplomat John Negroponte in der Zeitschrift Foreign Policy im Jahr 2016.

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Sergej Lawrow über die Annexion der Krim

Negropontes Einschätzung wird auch durch Lawrows Aussagen über die völkerrechtswidrige Annexion der Krim im Jahr 2014 untermauert: Als er die Jahresbilanz der russischen Diplomatie im Jahr 2016 vor Journalisten präsentierte, sprach Lawrow wiederholt von einem Putsch in der Ukraine im Februar 2014. Daraus sei eine angebliche Bedrohung für die Russen auf der Krim entstanden.

Darüber hinaus erklärte Lawrow, Russland habe trotz der Annexion der Ukraine nicht das Budapester Memorandum verletzt. In diesem Vertrag zwischen den USA, Großbritannien und Russland steht, dass die Ukraine auf Nuklearwaffen verzichtet und dafür die Zusicherung ihrer territorialen Integrität erhält. Lawrow deutete den Text des Dokuments um und erklärte, es sei lediglich darum gegangen, keine Nuklearwaffen gegen die Ukraine einzusetzen.

Aus dem Text des Dokuments wird jedoch klar ersichtlich, dass sich alle drei Staaten verpflichten, die Ukraine nicht zu bedrohen und keine Waffen gegen sie einzusetzen. Davon ausgenommen sind der Fall der Selbstverteidigung und Situationen, in denen der Einsatz von Waffen im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen steht.

Lawrow mit niederträchtigem Hitler-Vergleich

Dass ein politischer Hardliner und aggressiver Rhetoriker wie Lawrow die russische Diplomatie wesentlich mitgestaltet, ist keine vielversprechende Aussicht im Hinblick auf ein baldiges Kriegsende. Lawrow hatte am Sonntagabend (1. Mai 2022) im italienischen Fernsehen bei Rete4 erneut behauptet, dass in der Ukraine Nazis am Werk seien.

Die Replik, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sei selbst Jude, kommentierte Lawrow laut dpa mit den Worten: "Ich kann mich irren. Aber Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heißt überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind."

Der Geschichtsrevisionismus und die Täter-Opfer-Umkehr dieser Äußerung zeigen, dass sich Lawrow tatsächlich für nichts zu schade ist. Der ukrainische Schriftsteller Severyn Korab bezeichnete ihn daher in der Neuen Zürcher Zeitung nicht umsonst als "Diener des Bösen" und "Aristokrat der Apokalypse". Der Diener des Bösen wird wohl auch in Zukunft für Ungemach unter den westlichen Staaten sorgen.

Verwendete Quellen:

  • channel4.com: "We don’t like anybody"
  • foreignpolicy.com: Minister No
  • gov.uk: Foreign Secretary announces 65 new Russian sanctions to cut off vital industries fuelling Putin’s war machine
  • istories.media: Das Hauptgeheimnis von Minister Lawrow (deutsche Übersetzung)
  • mid.ru: Lawrow Sergej Wikotorowitsch
  • navalny.com: Yachten, Bestechungsgelder und eine Geliebte. Was verbirgt Minister Lawrow? (deutsche Übersetzung)
  • nzz.ch: Der russische Außenminister Sergei Lawrow hat sich zum bedingungslosen Diener des Bösen gemacht. Er ist der Aristokrat der Apokalypse
  • politico.com: Russia’s Oval Office Victory Dance
  • russische-botschaft.ru: Erklärung des russischen Außenministeriums über Gegenmaßnahmen infolge des ZAK-Beschlusses zur Untersagung der "RT DE"-Ausstrahlung
  • russische-botschaft.ru: Foreign Minister Sergey Lavrov’s interview with Rossiya television network, Moscow, April 11, 2022
  • treaties.un.org: No. 52241
  • youtube.com: Moskau: Putin und Lawrow nach Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am 21.02.22, Phoenix
  • youtube.com: Pressekonferenz zum Treffen zwischen der EU und Russland anlässlich des Falls Nawalny am 05.02.21, Phoenix
  • youtube.com: Rede von Außenministerin Annalena Baerbock vor der Dringlichkeitssitzung der UN-Vollversammlung
  • youtube.com: Sergei Wiktorowitsch Lawrow bei der 49 Sitzung des UN-Menschenrechtsrats am 01.03.2022, Phoenix