Bei der SPÖ Wien ist der Kampf um die Nachfolge von Michael Häupl voll entbrannt. Angesichts der Stärke der Freiheitlichen steigt die Nervosität. Doch ein passender Kandidat ist weit und breit nicht zu finden.

Eine Analyse

Angenommen, der Bürgermeister von Wien würde per Stellenanzeige gesucht. Dann würde im Job-Profil wohl Folgendes stehen: Er oder sie sollte in der Lage sein, dem internationalen Anspruch der Bundeshauptstadt gerecht zu werden. Der Kandidat sollte mit ausländischen Staatsoberhäuptern auf Augenhöhe parlieren können. Zugleich muss er oder sie eine Stammtischrunde in einem Vorstadt-Beisl unterhalten können.

Diese Mischung aus Weltoffenheit und Leutseligkeit hat noch jeden Wiener Bürgermeister der vergangenen Jahrzehnte ausgemacht. Es ist eine rare Kombination. Seit vielen Jahren sucht die SPÖ Wien vergeblich nach einer solchen Persönlichkeit.

Denn dass der 67-jährige Michael Häupl nicht ewig an der Spitze des Rathauses stehen wird, ist allen klar. Es findet sich bloß niemand, der das Zeug zum Thronfolger hat. Neidvoll blicken die Roten ins benachbarte Niederösterreich, wo der schwarze Landeshauptmann Erwin Pröll die frühere Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zu seiner künftigen Nachfolgerin gekürt hat.

Langsam steigt bei den Sozialdemokraten die Nervosität. Denn FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache - der rote Gottseibeiuns - scharrt bereits mit den Hufen. Umfragen sehen die Freiheitlichen in Wien deutlich vor der SPÖ.

Christian Deutsch bläst zur Jagd

In dieser angespannten Situation hat nun der frühere Landesparteisekretär Christian Deutsch offen das Match um Häupls Nachfolge ausgerufen. Er fordert den baldigen Rückzug des Bürgermeisters.

Dem ORF sagte Deutsch am Mittwoch, es sei ein "ganz normaler Vorgang", dass man in der Bevölkerung und auch in der Partei über eine Nachfolge nachdenke, wenn ein Bürgermeister 22 Jahre im Amt sei. "Der letzte, der solange im Amt war, war vor 200 Jahren in Wien Bürgermeister."

Nach Deutschs Ansicht ist Häupls Zeit also vorüber - der Bürgermeister möge rasch den Weg frei machen für jüngere Kräfte. Und das, obwohl Häupl mit einem neuerlichen Antreten bei den Gemeinderatswahlen in vier Jahren spekuliert.

Der rechte Flügel will an die Macht

Allem Anschein nach will ihm das ein gewichtiger Flügel der Wiener SPÖ nicht durchgehen lassen. Denn Deutsch spricht im Namen zweier mächtiger Lager innerhalb der Partei.

Zu seinen Verbündeten gehören einerseits viele hochrangige Funktionäre aus den großen Arbeiterbezirken Wiens, wo viele Ausländer leben und die FPÖ besonders stark ist. Sie wünschen sich, dass die Roten freundlicher mit den Blauen umgehen – und weniger freundlich mit den Zuwanderern.

Dieser rechte Flügel in der SPÖ hofft, dass der kernige Wohnbaustadtrat Michael Ludwig neuer Bürgermeister wird. Ludwig kann gut mit Leuten - und mit der FPÖ.

Offene Rechnungen in Bezug auf Faymann

Lager Nummer zwei sind die Verbündeten des geschassten Bundeskanzlers Werner Faymann, der aus der Wiener SPÖ kommt und dort immer noch viele Anhänger hat. An Faymanns Sturz war Häupl nicht völlig unbeteiligt. Das nehmen ihm manche übel. Wenn Deutsch nun Häupls Rückzug fordert, dann werden damit auch offene Rechnungen beglichen.

Aus dem Faymann-Lager innerhalb der SPÖ Wien wird immer wieder der Name von Nationalratspräsidentin Doris Bures genannt. Sie ist eine Jugendfreundin Faymanns. Bures hat das Handwerk der Politik von der Pike auf gelernt. Aber weder ist sie besonders populär noch gilt sie als politische Visionärin.

Sonja Wehsely oder Renate Brauner?

Beide Kandidaten sind für den Rest der Wiener SPÖ als Bürgermeister undenkbar. Vor allem Ludwig ist in den kleineren und mittleren Bezirken zwischen Ottakring und Brigittenau unbeliebt. Dort sind die Roten mit ihrer harten Linie gegenüber der FPÖ bisher gut gefahren - auch bei den Wahlen.

Die möglichen Kandidaten des linken Flügels könnten in akademischen Kreisen gut reüssieren. Immer wieder fällt der Name von Gesundheitsreferentin Sonja Wehsely. Doch sie ist nicht besonders volksnah. Schwer vorstellbar, dass sie mit einfachen Hacklern auf ein Bier geht und Witze reißt, ohne sich große Gedanken darüber zu machen, ob die vielleicht politisch unkorrekt sein könnten. Auch für Wehsely zeichnet sich keine Mehrheit ab.

Etwas bessere Chancen werden der quirligen Finanzstadträtin Renate Brauner eingeräumt. Doch sie ist mittlerweile 60 und damit nicht viel jünger als Häupl selbst. Ein Zeichen für eine Verjüngung der Partei wäre Brauner nicht.

Bisher hat sich die SPÖ in Wien um die Frage der Häupl-Nachfolge gedrückt. Man kann das auch Verdrängung nennen. Aber die Psychologie lehrt, dass alles Verdrängte irgendwann mit doppelter Wucht zurückkommt. Insofern hat Ex-Parteisekretär Deutsch möglicherweise einen für die Partei wichtigen Prozess in Gang gesetzt. Danken wird ihm das aber niemand.