Es gibt bereits einen eigenen Begriff dafür: "Sharenting" nennt man es, wenn Eltern Fotos ihrer Kinder in den sozialen Medien teilen. Experten warnen eindringlich: Eltern hätten kaum eine Vorstellung davon, wie leicht die Bilder in falsche Hände geraten können.

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Der erste Ultraschall. Das erste Saugen an Mamas Brust. Stolz auf dem Töpfchen beim Geschäft: Manche Eltern kennen kaum Grenzen, wenn es darum geht, Momente aus dem Leben ihrer Kinder im Netz zu teilen. Seit einigen Jahren kursiert dazu der Begriff "Sharenting" - eine Wortkombination aus

  • Parenting: Kindererziehung/Verhalten als Eltern
  • Share: Teilen (in den sozialen Medien).

Viktoria Jerke ist seit Jahren mit der Thematik befasst und findet den Ausdruck noch viel zu harmlos. "'Sharenting' klingt nach einem Trend, der morgen bedeutungslos geworden sein kann. Doch das Internet vergisst nichts. Was ich dort hineinstelle, bleibt", betont Jerke, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes.

Schon seit Jahren warnt die Polizei aus verschiedensten Gründen davor, Kinderfotos ins Netz zu stellen. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) rief dazu eine Kampagne unter dem vielsagenden Titel #ErstDenkenDannPosten ins Leben.

"Kinder sind Teil unserer Gesellschaft, darum sollten sie auch im Netz sichtbar sein", meint Sophie Pohle von der Koordinierungsstelle Kinderrechte. Es komme aber auf die Art und Weise an. Das DKHW veröffentlichte daher entsprechende Tipps - und macht auch auf Gefahren aufmerksam.

Missbrauch für pädophile Zwecke

Denn die möglichen Folgen scheinen sehr vielen Eltern nicht bewusst zu sein. Mit dem Hashtag #instakids landet man fast 22 Millionen Treffer auf Instagram. Viele der Kinderfotos wären den Abgebildeten wohl peinlich – würde man sie denn fragen. Teilweise sind die Bilder auch freizügig, viel Haut ist zu sehen, und sogar noch sehr kleine Kinder sind wie Models in Szene gesetzt.

Zu den Eltern, die so etwas nicht posten werden, gehören beispielsweise der Comedian Oliver Pocher und seine Frau Amira. Beide nutzen ihren Promi-Status, um Eltern vor widerlichem Missbrauch im Netz zu warnen, den sie mit eigenen Augen gesehen haben und aktiv bekämpfen: "Es bereitet mir schlaflose Nächte, es ist abstoßend", schildert Amira Pocher, die der Polizei und Instagram immer wieder Verstöße durch Pädophile meldet:

Wie schnell aus vermeintlich harmlosen Fotos, versehen mit einer entsprechenden Textzeile, pornografische Inhalte werden können, weiß Thomas-Gabriel Rüdiger. Der Cyberkriminologe vom Institut für Polizeiwissenschaft der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg sieht darin die größte Gefahr von Kinderfotos im Netz: dass Kriminelle wie Sexualtäter oder Stalker sich die geteilten Informationen über die Kinder zunutze machen können. Auf zweierlei Weise:

  • Pädophile sammeln solche Bilder, kommentieren sie mit entsprechenden Texten und teilen sie in ihren Netzwerken.
  • Stalker kombinieren die Bilder mit anderen Informationen, die sie in sozialen Netzwerken finden, und kommen so leicht an das Kind heran.

"Wenn ich nicht sehr vorsichtig bin mit den Informationen, die ich beispielsweise auf Instagram preisgebe, kann ein Wohnort, die Schule oder auch ein Kindergarten ausfindig gemacht werden", warnt Rüdiger.

Hat ein Cyberstalker entsprechende Infos etwa über das Profil der Mutter und eine tiefere Google-Recherche herausgefunden – und diese Mutter postet auch noch Bilder ihres Kindes, "dann ist es für einen Täter nicht schwer, an das Kind heranzukommen. Vielleicht weiß er das Alter, den Namen, das Geschlecht, das Aussehen, vielleicht sogar Hobbys, Haustiere und so weiter. Es gab bereits Fälle, in denen Stalker über die Reflexion in der Pupille auf einem Selfie den Wohnort ausfindig gemacht haben".

Tipps des DKHW und der Polizei:

  • Überlegen Sie bei jedem Foto, ob es wirklich ins Netz gehört! Ist es notwendig, das Gesicht des Kindes zu zeigen?
  • Posten Sie keine Nacktfotos oder sonstige Bilder von Kindern in unangemessenen Situationen.
  • Vermeiden Sie, personenbezogene Daten des Kindes preiszugeben.
  • Sollten Sie auf jugendpornografische Inhalte stoßen - oder auch nur ein seltsames Gefühl bei einem Inhalt haben: Melden Sie ihn bitte der Internet-Beschwerdestelle. Dazu rät die Polizei in einem FAQ zum Thema.

Tipp des Cyberkriminologen Rüdiger:

  • Wer kein Risiko eingehen will, verzichtet ganz auf Kinderfotos im Netz.: "Verpixelungen von Kindern bringen nur wenig: Einerseits können sie teilweise zurückgerechnet werden, auf der anderen Seite kann man trotzdem vulnerable Informationen, wie Größe, Kleidung und Haarfarbe über das Kind gewinnen." Entsprechendes gelte für Smileys auf dem Gesicht oder Aufnahmen des Kindes von hinten.

Kontrolle über das Bild geht verloren

Bilder nur mit dem Bekanntenkreis zu teilen, ist ebenfalls nicht sicher: "Es ist einfach zu süß, und ich schicke das Foto ja nur per WhatsApp an meine Freunde", mögen vielleicht manche Eltern denken. Doch wer sagt, dass einer dieser Freunde das Bild nicht auch teilt? "Die Kontrolle liegt nicht mehr bei Ihnen, sobald Sie das Bild aus der Hand geben", warnt Jerke.

Fotos als Whatsapp-Status oder Profilbild einzustellen, hält der Cyberkriminologe Rüdiger ebenfalls für unklug: "Sie laufen ja auch nicht durch die Stadt und drücken Menschen, die Sie nur flüchtig kennen, Polaroid-Bilder von ihrem Kind in die Hand." Normalerweise sei es Aufgabe der Eltern, die Risiken für ihre Kinder zu minimieren. "Im Netz erhöhen Eltern die Risiken sogar noch, vor allem durch Kinderbilder." Eltern, die Fotos vom Nachwuchs hochladen, stellten ihre Bedürfnisse über die ihrer Kinder.

Viele Eltern könnten gar nicht überblicken, was die Präsenz ihrer Kinder im Netz bedeute, meint Rüdiger. Es gebe Seiten, die vollautomatisch Bilder von Instagram-Accounts kopieren und im Netz anbieten. "Zudem wissen wir noch gar nicht, was in der Zukunft aus solchen Bildern noch heraus gelesen werden kann. Es gibt bereits heute Fälle, in denen Fingerabdrücke über Instagram-Bilder erkannt und identifiziert werden konnten."

Tipp der Polizei:

  • Überprüfen Sie regelmäßig Ihre Sicherheits- beziehungsweise Privatssphäreeinstellungen in den sozialen Netzwerken. Fassen Sie diese so eng wie nur möglich. Nehmen Sie hier auch Ihre Vorbildfunktion wahr.

Missbrauch für Mobbing

Eine weitere mögliche Folge haben Eltern laut den Experten kaum auf dem Schirm. Im Moment sieht es süß aus, wie das Kind mit offenem Mund im Babystuhl eingenickt ist. "Für den späteren Teenager sind solche Aufnahmen höchstpeinlich", sagt Jerke im Gespräch mit unserer Redaktion. "Vor allem liefern Eltern möglichen künftigen Mobbern ihres eigenen Kindes geradezu Steilvorlagen."

Um das zu veranschaulichen, startete die deutsche Bloggerin Toyah Diebel gemeinsam mit dem Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht im vergangenen Jahr die Kampagne #deinkindauchnicht. Erwachsene werden dabei in Szene gesetzt wie Kinder auf typischen Insta-Bildern. Diebel versieht sie mit dem gnadenlosen Fazit: "So ein Bild von Dir würdest du nie posten? Dein Kind auch nicht."

Experten-Tipp:

  • Posten Sie keine Fotos von Kindern in peinlichen oder unangenehmen Situationen. Überlegen Sie: Würden Sie ein solches Foto von sich selbst auch im Netz teilen?

Persönlichkeitsrecht des Kindes wird verletzt

Posten von Kinderfotos ist aber nicht nur eine moralische, sondern gleichsam eine juristische Frage: "Auch Kinder besitzen Persönlichkeitsrechte", betont der Jurist Christian Günther. Jeder Mensch bestimmt danach selbst, wie er sich in der Öffentlichkeit darstellt und was er ihr über sich mitteilt. "Wer also gegen den Willen des Kindes Fotos und Videos postet, kann ihre Persönlichkeitsrechte wie das Recht am eigenen Bild verletzen."

Zunächst entscheiden Eltern hier für ihre Kinder und müssen aufgrund ihrer Sorgepflicht dabei die Interessen ihrer Kinder berücksichtigen: "Sie müssen bedenken, welche Folgen die Veröffentlichung für diese haben kann. Denn was einmal im Internet gelandet ist, lässt sich später nicht mehr kontrollieren."

Sobald das Kind in der Lage ist, selbstständige Entscheidungen zu treffen, müssen die Eltern das Kind um Erlaubnis fragen, bevor sie ein Bild des Kindes posten. Das kann je nach dessen Entwicklung in einem unterschiedlichen Alter der Fall sein, meist wird von einem Alter von 14 Jahren ausgegangen

Tatsächlich werden aber die Persönlichkeitsrechte des Kindes oft verletzt – und zwar von den eignen Eltern. Das fand die Pädagogik-Professorin Nadia Kutscher von der Uni Köln heraus. Gemeinsam mit dem DKHW führte sie eine Studie zur Mediennutzung in Familien durch: "Kinder selbst haben oftmals genaue Vorstellungen davon, wer welche Bilder von ihnen sehen darf. Sie möchten auch an den Entscheidungen beteiligt werden. Aber die Eltern fragen sie in der Regel gar nicht", sagte Kutscher der dpa.

Experten-Tipp:

  • Beziehen Sie Ihre Kinder mit ein. Fragen Sie sie, bevor Sie ein Bild von ihnen posten.

Teils wird laut Kutscher der explizite Wunsch der Kinder, nicht gezeigt zu werden, von den Eltern sogar übergangen – mit der Begründung: "Aber das sieht doch so witzig aus." Das kann laut dem Juristen Günther durchaus eines Tages sogar vor Gericht enden: "Kinder können wegen der Persönlichkeitsrechtsverletzung Unterlassung und Schmerzensgeld verlangen. Eltern müssen dafür sorgen, dass das Bild aus dem Netz verschwindet und dürfen es nicht erneut veröffentlichen."

Eltern geben Nutzungsrecht weiter

Ein weiteres Problem: Das Urheberrecht der Bilder liegt zwar bei dem Ersteller des Fotos oder Videos, doch bedenken Eltern nicht immer: "In ihren Nutzungsvereinbarungen räumen sich auch Facebook, WhatsApp, Instagram, Google, YouTube, Snapchat, TikTok und andere Nutzungsrechte ein", erklärt Günther: "Diesen Bedingungen muss jeder bei der Anmeldung zustimmen."

Das heißt: Facebook & Co. dürfen die Werke für weitere Zwecke und kostenlos verwenden, also auch Dritte weltweit zur Nutzung berechtigen "Selbst wenn Sie den Account löschen, können beispielsweise geteilte Fotos auf Facebook oder Instagram weiterhin erscheinen", sagt Günther.

In der Pubertät droht die Wut der Kinder

Die Warnungen der Experten sind eindringlich, aber nicht neu. Warum Eltern trotzdem gerne Bilder ihres Nachwuchses posten: "Kinder sind der ganze Stolz ihrer Eltern. Man will eben der ganzen Welt zeigen, wie großartig sie sind", sagt die Münchner Familientherapeutin Anette Frankenberger zum "Sharenting"-Phänomen.

Doch sei es ein notwendiger Schritt der Entwicklung, dass sich Kinder eines Tages abnabeln und die eigenen Eltern kritisch sehen. Dann werden Vorwürfe laut: "In der Pubertät ist einem alles peinlich. Und nun steht das Kind vor einer Flut von Bildern und Daten, die die eigenen Eltern im Netz verbreitet haben. Das macht wütend, das Kind fühlt sich ausgeliefert."

Frankenbergers Rat: "Wir alle wollen, dass unsere Kinder zu eigenen, selbstständig denkenden Persönlichkeiten werden. Das sollte man nie aus dem Blick verlieren, auch wenn sie noch klein sind." Und sie fügt hinzu: "Natürlich sollen Eltern ihre Freude und Begeisterung teilen – aber mit den richtigen Menschen."

Zu den Personen:

  • Viktoria Jerke ist bei der Zentralen Geschäftsstelle der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie für Projekte, etwa zur Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch.
  • Dr. jur. Thomas-Gabriel Rüdiger ist Cyberkriminologe am Institut für Polizeiwissenschaft, Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg. Er schloss 2020 seine Promotion ab zum Thema "Die onlinebasierte Anbahnung des sexuellen Missbrauchs eines Kindes – Eine kriminologische und juristische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Cybergrooming".
  • Christian Günther ist Jurist und Autor bei der Rechtsberatungsplattform anwalt.de.
  • Anette Frankenberger arbeitet in München als systemische Paar- und Familientherapeutin sowie Supervisorin seit 1994 in eigener Praxis. Seit 1989 ist sie als Dozentin in der Erwachsenenbildung und Erziehungsberatung tätig.

Verwendete Quellen:

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