Österreich feiert die Fußball-WM, auch wenn wir nicht mitspielen - und obwohl Public Viewing nicht mehr ganz das ist, was es einmal war. Einer Umfrage zufolge halten die Fans hierzulande ausgerechnet dem Erzfeind die Daumen. Und ein Österreicher ist in Brasilien ja wenigstens mit dabei.

Noch heute denken die österreichischen Fußballfans mit Schrecken an die 86. Minute des WM-Qualifikationsspiels ihrer Nationalmannschaft in Schweden zurück: Superstar Zlatan Ibrahimovic begrub im Oktober 2013 mit seinem Treffer zum 2:1 alle Träume auf eine Reise nach Brasilien.

Gut. Österreich darf bei der WM 2014 also nicht mitspielen. Beinahe gleich schlimm hat es da Franz Beckenbauer erwischt. Der darf nämlich vorerst auch nur vorm Fernseher zuschauen: Nach Korruptionsvorwürfen und einer FIFA-Sperre wurde der "Kaiser" mit einem Stadionverbot belegt.

Freilich: Was das WM-Stimmungsbarometer in Österreich angeht, hinken wir teilnehmenden Ländern wie Deutschland, Frankreich, Chile oder Costa Rica ein wenig hinterher. Das soll der Leidenschaft für Bälle und grünen Rasen aber keinen Abbruch tun.

Unser Lieblingsnachbar Deutschland

Jaja, die Deutschen. Für österreichische Fußballfans gilt landläufig, dass sie prinzipiell den Gegnern von Jogi Löws Nationalelf die Daumen drücken. Egal, wer das ist.

Dem Klischee widerspricht eine Umfrage, die im Dezember 2013 als Teil des Fußballforschungsprojektes "Football Research in an Enlarged Europe" durchgeführt wurde: Demnach vergeben die Österreicher ihre Sympathien mehrheitlich an die Deutschen. Auf der Beliebtheitsskala folgen Brasilien, Spanien und die Niederlande. Auch eine IMAS-Umfrage vom April belegt: Österreicher feuern vor allem Brasilien und die deutsche Nationalmannschaft an.

Public Viewing im Kleinen

Wie auch immer die Österreicher zu ihrem Lieblingsnachbarn stehen mögen: Unvergessen ist hierzulande das deutsche Sommermärchen von 2006. Die Begeisterung der WM in Deutschland schwappte vor acht Jahren auch auf die Alpenrepublik über. Die Heim-EM 2008, die gemeinsam mit der Schweiz veranstaltet wurde, stand dem in Sachen Public Viewing in nichts nach.

So viele Riesenleinwände wie damals findet man heute zwar nicht, es gibt aber noch zahlreiche Fanzonen und unzählige Möglichkeiten, kollektiv Fußball zu schauen. Tendenziell wird heuer eher in Lokalen und Wettbüros geschaut.

Mit Zugezogenen feiern

Für ordentlich Stimmung sorgen derweil kroatischstämmige Bürger: Sie dürfen sich bisher über ein tolles Turnier ihrer Mannschaft freuen und feiern dies hierzulande in zahlreichen Beisln und Wirtshäusern. Da bleibt den Österreichern wenigstens das Argument, den Kroaten hätte die WM-Vorbereitung im burgenländischen Bad Tatzmannsdorf sehr gut getan.

Apropos Österreichbezug. Man kennt das vom Wintersport: Wann immer gerade keiner von unseren Stars ein Skirennen gewinnt, fällt den ORF-Kommentatoren meist gleich ein, dass die Ski des Siegers zumindest von einem Österreicher gewachselt wurden oder dass der Siegläufer einen Großonkel dritten Grades hat, der ja aus Österreich stammt. Und bei der WM? Da hält Andreas Herzog als Co-Trainer des US-Teams die österreichischen Fahnen hoch.

Beim Biertrinken die Nummer eins

Weltmeisterlich ist Österreich nach wie vor, was den Biergenuss angeht. 2013 trank hierzulande jeder im Schnitt 106,4 Liter Gerstensaft - eine Marke, die wir heuer durchaus übertreffen könnten. "Bei einem Fußballgroßereignis lacht das Brauherz", sagt Stiegl-Geschäftsführer Robert Schraml. "Ich denke, dass die WM in Brasilien unserem Biergeschäft nach einem kühlen Mai gut tun wird."

Auch beim ORF, der den Event ganze 250 Stunden lang präsentiert, freut man sich über hohe Quoten. Zwar sprechen zahlreiche Österreicher ihren Kommentatoren in Internetforen die Fußballexpertise ab und drehen lieber die deutschen Sender auf, bei den Nachbarn geht die Tendenz hingegen eindeutig in Richtung ORF - ein kleiner Sieg für den ewig Unterlegenen.